Patient Blood Management am Bundeswehrkrankenhaus Berlin – ein interdisziplinäres Projekt1
Patient Blood Management at the Bundeswehr Hospital Berlin – an Interdisciplinary Project
Katja Schneidera, Jennifer Jerschb, Lorenz Wolfc, Lars Stephand, Niels Huschitta, Michael Benkerb, Rico Müllerc, Nicole Müllerd, Torsten Rüdigerc, Kai Zacharowskie
1 Die in dieser Publikation verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich immer gleichermaßen auf weibliche und männliche Personen. Auf eine Doppelnennung und gegenderte Bezeichnungen wird zugunsten einer besseren Lesbarkeit verzichtet.
a Bundeswehrkrankenhaus Berlin, Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie
b Bundeswehrkrankenhaus Berlin, Klinik für Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin
c Bundeswehrkrankenhaus Berlin, AbteilungLaboratoriumsmedizin
d Bundeswehrkrankenhaus Berlin, Klinik für Innere Medizin
e Universitätsmedizin Frankfurt,Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie
Zusammenfassung
Patient Blood Management (PBM) beschreibt interdisziplinäre Ansätze, die das Outcome chirurgischer Patienten verbessern und Ressourcen schonen. Präoperative Anämien sollen detektiert, differenziert und therapiert werden, intraoperative Blutverluste minimiert und Blutprodukte rational eingesetzt werden. Am Bundeswehrkrankenhaus Berlin wurde eine interdisziplinäre PBM-Kommission eingesetzt, die im Sinne einer Bedarfsanalyse eine retrospektive Analyse der chirurgischen Patienten hinsichtlich der Anämieprävalenz durchführte. Anschließend wurde eine Selbstevaluation anhand der Maßnahmenbündel des Netzwerks Patient Blood Management durchgeführt.
885 chirurgische Patienten, die sich einer elektiven Operation unterzogen, wurden in die Analyse eingeschlossen. Bei 22,8 % bestand eine Anämie entsprechend der PBM-Definition (Hb < 13 g/dl). Patienten der septisch-rekonstruktiven Chirurgie bildeten eine besondere Risikogruppe.
Die Selbstevaluation ergab den Bronze-Status mit Stärken im Bereich der Koordination und Schwächen im präoperativen Anämiemanagement. Die Ergebnisse der retrospektiven Auswertung entsprechen den Angaben der Literatur. Es besteht ein Bedarf zur Optimierung der Abläufe im Sinne des Patient Blood Managements. Weiterführend werden Maßnahmen zum Ausgleich der bisher bestehenden Lücken eingeführt. Hierzu zählen ein präoperatives Anämie-Screening mittels nicht-invasiver Hb-Messungen, eine Reduktion der Monovetten-Größe bei Blutentnahmen und eine Optimierung des Anämie-Managements bei stationären Patienten mit Mehrfacheingriffen.
Schlüsselwörter: Patient Blood Management, Anämie-Algorithmus, Hämoglobin-Screening, Zertifizierung, Blutgesundheit
Summary
Patient Blood Management (PBM) describes interdisciplinary approaches that improve the outcome of surgical patients and conserve resources. Preoperative anemia should be detected, differentiated, and treated, intraoperative blood loss minimized, and blood products used rationally. An interdisciplinary PBM commission was set up at Bundeswehr Hospital Berlin, which carried out a retrospective analysis of anemia prevalence in surgical patients as part of a needs analysis. A self-evaluation was then carried out using the Patient Blood Management Network’s bundle of measures.
885 surgical patients undergoing elective surgery were included in the study, 22.8 % of whom were preoperatively suffering from anemia according to the PBM definition (Hb < 13 g/dl). Patients undergoing septic reconstructive surgery represent a high-risk group.
The self-evaluation resulted in a bronze status with strengths in coordination and weaknesses in preoperative anemia management. The results of the retrospective evaluation are in line with the literature. There is a need to optimize processes in terms of patient blood management. In addition, measures are being introduced to compensate for the existing gaps. These include preoperative anemia screening using non-invasive Hb measurements, a reduction in the size of monovettes for blood samples, and optimization of anemia management for inpatients.
Keywords: patient blood management; anemia algorithm; hemoglobin screening; accreditation; blood health
Einleitung
Der medizinische und ökonomische Vorteil von Patient Blood Management (PBM) als interdisziplinäres und patientenzentriertes Konzept zur Steigerung der Blutgesundheit und zur Optimierung des Patientenoutcomes wurde in vielen Zusammenhängen aufgezeigt. Entsprechende Empfehlungen wurden mittlerweile in Leitlinien übernommen [3][5]. Sowohl die Relevanz einer präoperativen Anämie und der Transfusion von Erythrozytenkonzentraten als unabhängige Risikofaktoren für eine erhöhte Morbidität und Mortalität als auch die Schonung der limitierten Ressource Blut werden so adressiert [8]. Etwa ein Drittel der chirurgischen Patienten fällt präoperativ mit einer Anämie auf [10]. Internationale und nationale Empfehlungen fassen die Strategie im Rahmen des PBM zu folgenden drei Säulen zusammen [7][16].
- Zeitgerechte, präoperative Anämiediagnostik und -therapie,
- Minimierung von intra- und perioperativen Blutverlusten und
- rationaler Einsatz von Blutprodukten.
Jeder Säule können Einzelmaßnahmen zugeordnet werden, die in Tabelle 1 beispielhaft abgebildet sind.
Tab. 1: Einzelmaßnahmen innerhalb der Säulen des perioperativen Blood Managements, modifiziert nach [6][14][16]
In den letzten 15 Jahren hat PBM zunehmend – wenn auch noch nicht flächendeckend – in zivilen Krankenhäusern Einzug erhalten. Im Sanitätsdienst werden teilweise bereits Einzelmaßnahmen umgesetzt. Das immense Potenzial des Systemverbunds zur Prozessoptimierung wird jedoch derzeit noch nicht ausgenutzt. Seit dem 19. September 2024 ist das Bundeswehrkrankenhaus (BwKrhs) Berlin unseres Wissens nach das erste BwKrhs, welches im Sinne des Patient Blood Managements zertifiziert ist. Das PBM-Zertifikat belegt das Bewusstsein sowohl für die Ressource Blut als auch für die Blutgesundheit der Patienten und den wirtschaftlichen Nutzen des PBM. Ziel ist es, langfristig die systemweite systematische Implementierung standardisierter, blutsparender Maßnahmen. Die interdisziplinäre und hausübergreifende Zusammenarbeit steht in dieser Arbeit im Vordergrund.
PBM-Kommission
Einzelmaßnahmen – oft monodisziplinär – wurden in den letzten Jahren bereits im BwKrhs Berlin und anderen BwKrhs eingeführt, überwiegend jedoch ohne Bezug zu einem übergeordneten Konzept oder einer nachgeschalteten Qualitätsanalyse zu unterliegen. Um diesen Prozess nun zu optimieren, wurde im BwKrhs Berlin analog zum Bündel 1 „PBM-Projektmanagement"nach Billigung durch die Transfusionskommission eine PBM-Kommission als Koordinations- und Kommunikationselement etabliert [14].
Jeweils ein Mitglied der
- Klinik für Anästhesie, Intensiv- Notfall- und Schmerzmedizin,
- Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie stellvertretend für die chirurgischen Kliniken,
- Klinik für Innere Medizin und
- der Abteilung für Labormedizin/Blutbank
koordinieren in enger Abstimmung mit den weiteren beteiligten Fachabteilungen die notwendigen Maßnahmen und analysieren die Effektivität. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit ist essenziell für den Erfolg des Prozesses, da PBM nur durch den fach- und fächerübergreifenden Austausch effektiv angewandt werden kann.
Ziele
Die ersten Ziele der PBM-Kommission umfassten eine Bedarfsanalyse des BwKrhs Berlin durch deskriptive Auswertung der elektiven Operationen hinsichtlich einer präoperativen Anämie und deren Charakterisierung sowie die Selbstevaluation mit anschließender Zertifizierung durch das Netzwerk Patient Blood Management (Netzwerk PBM).
Methoden
Die Bedarfsanalyse sollte sowohl zur Quantifizierung der tatsächlich betroffenen Patientengruppe dienen als auch zur Erprobung der auszuwertenden Parameter als Grundlage zukünftiger automatisierter Auswertungen. Die Selbstevaluation mit anschließender Zertifizierung durch das Netzwerk PBM erfolgte zur Identifizierung von Defiziten in den bisherigen Standards und zur Formalisierung des Projekts. Darüber hinaus diente sie auch dem internen Benchmarking zur Verfolgung der Entwicklung und der kontinuierlichen Verbesserung.
Bedarfsanalyse
In diese retrospektive Analyse wurden alle elektiven Operationen eingeschlossen, die im Zeitraum vom 1. April 2024 bis zum 30. Juni 2024 im Zentral-OP des BwKrhs Berlin durchgeführt worden waren. Beteiligt waren die Kliniken für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Orthopädie, Unfallchirurgie und septisch-rekonstruktive Chirurgie, Urologie, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Neurochirurgie und Dermatologie.
In die Analyse einbezogen wurden Patienten, die zum Zeitpunkt der Operation das 18. Lebensjahr vollendet hatten und bei denen eine präoperative Blutentnahme durchgeführt wurde. Als Einschlusskriterien galten elektive Operationen (OP-Dringlichkeit: N5) sowie das Vorliegen eines vollständigen Datensatzes bezüglich der relevanten Parameter, insbesondere die Verfügbarkeit eines präoperativen Hämoglobinwertes.
Aus dem Krankenhausinformationssystem (KIS) NEXUS wurden selektiv Alter, Geschlecht, verantwortliche Fachabteilung, Eingriff (OP-Meldung) sowie der präoperative Hämoglobinwert ermittelt. Bei Vorliegen einer Anämie, entsprechend den internationalen PBM-Kriterien mit einem Hämoglobinwert < 13 g/dl für Männer und Frauen, wurden die Erythrozytenindizes zur Klassifizierung der Anämie (mikrozytär, makrozytär oder normozytär) hinzugezogen. Eine Zuordnung erfolgte, sobald einer der Parameter Mittleres Corpusculäres Volumen (MCV) oder Mittleres Corpusculäres Hämoglobin (MCH) außerhalb des Normbereichs lag. Zusätzlich wurde die Anzahl der Erythrozyten (quantitativ) zur Bestimmung des Mentzer-Index dokumentiert. Ebenso wurde der präoperative (intensiv-) stationäre Aufenthalt der Patienten erfasst. Auf die Erfassung der CRP-Werte wurde verzichtet, da diese nur bei einem geringen Anteil der Fälle vorlagen.
Die Daten wurden mittels Microsoft Excel (Microsoft Corporation, Version Excel 2405) deskriptiv ausgewertet und Häufigkeiten sowie das arithmetische Mittel tabellarisch und graphisch dargestellt.
Selbstevaluation
Ein einfaches, aber effektives Tool zur Einschätzung des Status Quo und des Optimierungspotenzials innerhalb des Hauses bietet der Selbstevaluationsbogen des Netzwerks PBM [14]. Die Untergliederung in die 5 Bündel
- Projektmanagement,
- Management der Anämie,
- Interdisziplinäre blutverlustminimierende Maßnahmen,
- optimaler Einsatz von Blutprodukten mit patientenzentrierter Indikation sowie
- PBM-bezogene Qualitätssicherung
mit insgesamt 103 Einzelmaßnahmen ermöglicht die übersichtliche Erfassung des hausinternen Stands1.
Die Bewertung jeder Einzelmaßnahme erfolgt in eine von vier Kategorien («nicht umsetzbar» und «umsetzbar» mit 3 Untergliederungen):
- Als „nicht umsetzbar“ gelten Maßnahmen, die unter keinen Umständen realisierbar sind, beispielsweise ein “Massivtransfusionsprotokoll Peripartale Blutung” in einem BwKrhs ohne geburtshilfliche Klinik.
- Als „umsetzbar“gelten Maßnahmen, wenn eine Umsetzung theoretisch möglich ist. Eine Untergliederung erfolgt nach dem tatsächlichen Grad der Umsetzung mit konsekutiver Punktevergabe. 0 Punkte werden vergeben, wenn dies auf weniger als 10 % der Fälle zutrifft, ein Punkt für eine Umsetzung in 10–50 % der Fälle oder die Maximalpunktzahl von zwei Punkten bei einer regelhaften Anwendung in > 50 % der Fälle.
Die relativen Anteile der bereits durchgeführten Maßnahmen zeigen Lücken auf und können so zur gezielten Optimierung im Bereich einzelner Säulen genutzt werden.
Ergebnisse
Bedarfsanalyse
Die retrospektive Analyse der präoperativen Hämoglobin-werte bei elektiven Operationen im Zeitraum 1. April bis 30. Juni 2024 umfasste insgesamt 885 Patienten. Davon bestand bei 202 Personen (22,8 %) ein Hb-Wert < 13 g/dl und somit eine Anämie im Sinne des PBM. Eine deskriptive Auswertung der demographischen Daten sowie des Hb-Werts ist in Tabelle 2 dargestellt.
Tab. 2: Demografische Patientendaten der Studie sowie Gruppeneinteilung entsprechend der Höhe des Hb-Werts mit a) Hb-Wert <13 g/dl, b) Hb-Wert <13 g/dl und c) Hb-Wert <13 g/dl.
Die grafische Aufarbeitung mit zusätzlicher Differenzierung der Patientinnen in eine Gruppe Hb < 12 g/dl und Hb 12–13 g/dl ist in Abbildung 1 dargestellt. Die Einteilung der Anämien in mikro-, makro- und normozytär bei Männern und Frauen ist in Abbildung 2 dargestellt.
Abb. 1: Grafische Darstellung der Eingriffe an Patienten mit einem Hb-Wert > 13 g/dl bzw. < 13 g/dl (entsprechend der PBM-Definition) sowie eine Aufschlüsselung der weiblichen Patienten mit einem Hb-Wert <12 g/dl (entsprechend der WHO-Definition) und der Gruppe mit einem Hb-Wert 12–13 g/dl.
Abb. 2: Differenzierung der präoperativen Anämien anhand des Geschlechts sowie der Erythrozytenindizes (MCH, MCV, MCHC)
Innerhalb der Gruppe mit mikrozytärer Anämie zeigte sich, wie in Tabelle 3 dargestellt, ein Anteil der Patienten mit einem Mentzer-Index < 13 von 12,24 %, der als Surrogatparameter zur Unterscheidung zwischen Eisenmangelanämie (Mentzer-Index ≥ 13) und Beta-Thalassämie gewertet werden kann.
Tab. 3: Darstellung der Differenzierung der Patientengruppe mit präoperativ bestehender mikrozytärer Anämie anhand des Mentzer-Index (Quotient aus MCV und Erythrozytenzahl)
Eine besondere Gruppe der präoperativ bereits stationären Patienten bildete das Kollektiv der Patienten mit septisch-rekonstruktiven Eingriffen. Hier stehen besonders die ukrainischen Soldaten im Fokus, die im Rahmen der multinationalen medizinischen Unterstützung der Ukraine im BwKrhs Berlin behandelt werden. Wie in Tabelle 4 abgebildet, weist diese Gruppe im Durchschnitt ein niedrigeres Alter, einen niedrigeren Hb-Wert sowie einen höheren Anteil mikrozytärer Anämien auf als das Gesamtkollektiv der Patienten mit einer präoperativen Anämie.
Tab. 4: Darstellung der Patienten mit septisch-rekonstruktiven Eingriffen gegenüber dem Gesamtkollektiv
Selbstevaluation
Die Evaluation zur Zertifizierung umfasst die oben genannten fünf Maßnahmenbündel mit insgesamt 103 Unterpunkten [14]. Die Gegebenheiten des Krankenhauses werden für jeden einzelnen Aspekt bewertet, sodass nach Abschluss der Evaluation eine Gesamtbewertung erfolgen kann. Die Evaluation bietet eine Grundlage für die Identifikation von Lücken und eine schrittweise Optimierung der Einzelmaßnahmen.
Im BwKrhs Berlin wurde im Bündel 1 „Projektmanagement” der höchste relative Umsetzungsgrad erreicht, was insbesondere durch die Festlegung dezidierter Koordinatoren im Rahmen der Gründung der interdisziplinären PBM-Kommission zu begründen ist.
Der geringste Grad der Umsetzung findet sich im Bündel 2 „Management der Anämie”, da Anämien bisher weder präoperativ noch im stationären Setting der chirurgischen Normalstationen systematisch differenziert und therapiert werden.
Das Gesamtergebnis von 35 % Umsetzung entspricht einem Bronze-Status in der Klassifikation des Netzwerks Patient Blood Management (Abbildung 3).
Abb. 3: Die Berechnung des semiquantitativen PBM-Levels (z. B. Bronze, Silber, Gold) erfolgt anhand eines Audits (aktuell noch Selbstbewertung – PBMCert2.0_Selbstevaluation), der Quantität und Qualität umgesetzten Maßnahmen berücksichtigt (Bildquelle und Text aus [14]).
Auf dem Boden der Selbstevaluation erfolgte im Rahmen der diesjährigen Transfusionskommissionssitzung die Zertifizierung durch Oberfeldarzt d. R. Prof. Dr. Dr. Kai Zacharowski, Klinischer Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie der Universitätsmedizin Frankfurt am Main sowie inhaltlicher und strategischer Begründer des Patient Blood Managements.
Diskussion
Die ersten Schritte der neu etablierten PBM-Kommission am BwKrhs Berlin umfassten eine Bedarfsanalyse mittels retrospektiver Auswertung der elektiven operativen Eingriffe des zweiten Quartals 2024 sowie die Selbstevaluation mit anschließender Zertifizierung durch das Netzwerk Patient Blood Management. Dies stellt weniger eine Formalität als ein Bekenntnis des BwKrhs Berlin zur Patientensicherheit und Ressourcenschonung durch PBM dar und signalisiert den Beginn einer kontinuierlichen Weiterentwicklung des Konzepts am Standort Berlin.
Die retrospektive Auswertung der elektiven operativen Eingriffe im Zentral-OP des BwKrhs Berlin über den Zeitraum von drei Monaten ergab bei 885 eingeschlossenen Patienten in 22,8 % der Fälle eine präoperative Anämie nach den Kriterien des PBM. Hiervon wiesen 40 % der Männer und 27 % der Frauen mikro- und makrozytäre Anämien auf, hinweisend auf einen möglichen Substratmangel.
Prävalenz
Die Ergebnisse der retrospektiven Auswertung des präoperativen Hb-Wertes entsprechen den Prävalenzen, die in der Literatur für chirurgische Patienten berichtet werden. Eine Anämie besteht bei 11–48% der chirurgischen Patienten zum Zeitpunkt des operativen Eingriffs [11]. Die häufigste Ursache für eine präoperative Anämie ist in Europa die Eisenmangelanämie [12]. Zur Analyse der Eingriffe am BwKrhs Berlin konnten lediglich die Erythrozytenindizes als Surrogatparameter für einen suspizierten Substratmangel eingesetzt werden. Bisher erfolgt keine systematische Quantifizierung der Substrate (Eisenstatus, Folsäure, Vitamin B12) durch die chirurgischen Kliniken, sodass eine direkte Analyse nicht möglich war. Die Ergebnisse der Auswertung deuten jedoch auf einen relevanten Anteil von etwa einem Drittel der Patienten mit effektiv korrigierbaren Substratmangelanämien hin [15].
Thalassämie bedenken
In der Auswertung der mikrozytären Anämien fielen mit 12,2 % überdurchschnittlich viele Patienten mit einem Mentzer-Index < 13 auf, bei denen differenzialdiagnostisch eine Thalassämie als Ursache in Erwägung gezogen werden kann. Die Prävalenz einer Thalassämie in Deutschland ist sehr gering. Etwa 300 000 Träger einer Genmutation in Deutschland leben aktuell in Deutschland, von denen der überwiegende Anteil aus einem Land mit hoher Prävalenz stammt [6]. Eine mögliche Erklärung bietet das durch die Lage des BwKrhs Berlin international geprägte Patientenkollektiv. Daten des Bezirksamts Mitte führen die Türkei und arabischsprachige Regionen als häufige Herkunftsländer von Menschen mit Migrationserfahrung/-hintergrund an, in deren Population eine höhere Prävalenz von Thalassämien besteht [4]. Dies muss bei der Therapie der mikrozytären Anämie bei entsprechenden Patientengruppen bedacht werden.
Anämie und septisch-rekonstruktive Chirurgie
Hinsichtlich des Kollektivs der septisch-rekonstruktiven Chirurgie ist die Häufung (mikrozytärer) Anämien am ehesten auf repetitive Eingriffe – teilweise mit hohem Blutverlust – und chronische Infektionen zurückzuführen. Aufgrund der langen Behandlungsdauer kommt es vermutlich durch die konstante Notwendigkeit zur gesteigerten Erythropoese zu einem stationär erworbenen Substratmangel [2]. Dies trifft vermutlich ebenso auf Patienten mit komplizierten Verläufen nach Eingriffen anderer Fachbereiche zu. Diese Fragestellung lässt sich aus den vorliegenden Daten jedoch nicht adäquat beantworten.
Sollte es in einem Landesverteidigung/Bündnisverteidigung (LV/BV)-Szenario zu einer höheren Frequenz komplexer Verwundungen kommen, sind rekonstruktive Chirurgie und Rehabilitation zentrale Aufgaben der Militärchirurgie. Die Notwendigkeit der Bluttransfusionen muss in diesem Zusammenhang auch vor dem Hintergrund des zu erwartenden Ressourcenmangels minimal gehalten werden, was unter anderem durch eine konsequente perioperative Anämietherapie zu erreichen sein könnte. Zu dieser Fragestellung werden sich weitere Untersuchungen anschließen.
Stärken und Schwächen des PBM am BwKrhs Berlin
Die Analyse des Status Quo im BwKrhs Berlin ergab Stärken im Bereich des Projektmanagements und auch in den bisher wehrmedizinisch relevanten Aspekten: Massentransfusionsprotokolle und standardisierte Abläufe zur Gerinnungsoptimierung sind etabliert und werden regelhaft genutzt.
Schwächen zeigen sich insbesondere im Bereich der Detektion und Therapie von Anämien und der blutverlustminimierenden Maßnahmen. Ein systematischer Review und eine Metaanalyse von Althoff et al. ergab, dass bereits die Umsetzung mindestens einer Maßnahme aller drei Säulen des PBM die Transfusionsrate und -menge, die Dauer des Krankenhausaufenthaltes, Komplikationsraten und Mortalität positiv beeinflussten [1].
Weitere Schritte
Die weiteren Schritte adressieren daher unter anderem folgende Punkte:
1. Screening von Anämien durch non-invasive Hb-Messung
Eine zentrale Rolle spielt die frühe Detektion der Anämien, idealerweise im Rahmen der chirurgischen Indikationssprechstunde [17]. Die Anschaffung nicht-invasiver Messgeräte, die mittels Fingerclip eine schmerzfreie und schnelle Bestimmung des Hämoglobinwerts ermöglichen, ist daher beauftragt. Im Fokus stehen hier Patienten, die einem Eingriff mit einer Transfusionswahrscheinlichkeit von > 10 % unterzogen werden. Eine entsprechende Analyse wird aktuell durch das Qualitätsmanagement des BwKrhs Berlin durchgeführt.
2. Automatisierter Anämie-Algorithmus
Als ergänzendes Instrument zur frühen Detektion der Anämien wird der vom Labor etablierte automatisierte Algorithmus zur standardisierten Anämie-Diagnostik für eine effiziente Entscheidungsfindung und rasche therapeutische Intervention angepasst und in die PBM-Prozesse integriert [14].
3. Identifizierung chirurgischer „Langlieger“ mit Anämie
Stationäre chirurgische Patienten mit langer Liegezeit, die präoperativ unter Anämien leiden oder diese im stationären Aufenthalt entwickeln, werden gezielt durch ein systematisches Screening identifiziert. So kann frühzeitig eine Therapie eingeleitet werden, um den Heilungsverlauf zu verbessern.
4. Reduktion der Monovettengröße
Zur Minimierung des Blutverlusts wird das Probenvolumen bei Blutentnahmen durch Einführung modifizierter Monovetten reduziert, was insbesondere in den High-Care-Bereichen zu einem relevanten Effekt führt [13]. Ein Austausch der Geräte des Zentrallabors ist hierzu nicht notwendig.
5. Maschinelle Autotransfusion
Der Einsatz der maschinellen Autotransfusion soll konsequenter erfolgen und die Indikation insbesondere bei Eingriffen mit einer Transfusionswahrscheinlichkeit > 10 % streng geprüft werden [9].
6. Baseline-Berechnung von Indexeingriffen
Zur Evaluation eines Effektes durch Einführung von PBM-Maßnahmen sind die Berechnung einer Baseline sowie regelmäßige Reevaluationen obligat. Hierzu erfolgt aktuell eine erweiterte Auswertung durch das Qualitätsmanagement des BwKrhs Berlin.
Fazit und Ausblick
Patient Blood Management hat in der Wehrmedizin eine besondere Bedeutung, die über die Relevanz im zivilen Gesundheitssystem hinausgeht. Eine konsequente Umsetzung der oben genannten Aspekte könnte einen zentralen Effekt auf die Patientensicherheit grundsätzlich und die Versorgungsqualität im wehrmedizinischen Kontext haben – insbesondere vor dem Hintergrund eines möglichen LV/BV-Szenarios mit Deutschland in Drehscheibenfunktion der NATO.
Die Einführung einer interdisziplinären PBM-Kommission hat die umfassende Evaluation ermöglicht und bietet eine solide Grundlage zur Implementierung weiterer Maßnahmen.
Kernaussagen
- Eine PBM-Arbeitsgruppe als zentrales Kommunikations- und Koordinierungsteam ermöglicht die effiziente interdisziplinäre Zusammenarbeit.
- Die Zertifizierung des BwKrhs Berlin durch das Netzwerk Patient Blood Management bietet die Grundlage für weitere Optimierungen der Prozesse.
- 22 % der chirurgischen Patienten am BwKrhs Berlin wiesen im betrachteten Zeitraum eine präoperative Anämie entsprechend der PBM-Definition auf.
- Die Patienten der septisch-rekonstruktiven Chirurgie stellen eine wehrmedizinisch relevante Risikogruppe hinsichtlich erworbener Anämien dar.
- Die Behandlung prä- und perioperativer Anämien zur Förderung der Blutgesundheit und Schonung von Ressourcen ist von hoher wehrmedizinischer Relevanz.
Literatur
- Althoff FC, Neb H, Herrmann E, et al.: Multimodal Patient Blood Management Program Based on a Three-pillar Strategy: A Systematic Review and Meta-analysis. Ann Surg 2019; 269(5): 794-804. mehr lesen
- Bressman E, Jhang J, McClaskey J, Ginzburg YZ: Tackling the unknowns in understanding and management of hospital acquired anemia. Blood Rev 2021; 49: 100830. mehr lesen
- Bundesärztekammer: Querschnitts-Leitlinie zur Therapie mit Blutkomponenten und Plasmaderivaten. Berlin: Bundesärztekammer 2020. mehr lesen
- Butler J: Basisdaten zur Bevölkerung und sozialen Lage im Bezirk Berlin-Mitte. In: Beiträge zur Gesundheitsförderung und Gesundheitsberichterstattung, Band 22. Berlin: Bezirksamt Mitte 2018.
- Halvorsen S, Mehilli J, Cassese S, et al.: 2022 ESC Guidelines on cardiovascular assessment and management of patients undergoing non-cardiac surgery. Eur Heart J 2022; 43(39): 3826-3924. mehr lesen
- Kohne E, Kleihauer E: Hemoglobinopathies: a longitudinal study over four decades. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(5): 65-71. mehr lesen
- Kozek-Langenecker SA, Ahmed AB, et al.: Management of severe perioperative bleeding: guidelines from the European Society of Anaesthesiology: First update 2016. Eur J Anaesthesiol 2017; 34(6): 332-395. mehr lesen
- Meybohm P, Herrmann E, Steinbicker AU, et al.: Patient Blood Management is Associated With a Substantial Reduction of Red Blood Cell Utilization and Safe for Patient's Outcome: A Prospective, Multicenter Cohort Study With a Noninferiority Design. Ann Surg 2016; 264(2): 203-211. mehr lesen
- Meybohm P, Choorapoikayil S, Wessels A, et al.: Washed cell salvage in surgical patients: A review and meta-analysis of prospective randomized trials under PRISMA. Medicine (Baltimore). 2016; 95(31): e4490. Erratum in: Medicine (Baltimore). 2018; 97(17): e0640. mehr lesen
- Meybohm P, Straub N, Füllenbach C, et al.: Health economics of Patient Blood Management: a cost-benefit analysis based on a meta-analysis. Vox Sang. 2020; 115(2): 182-188. mehr lesen
- Muñoz M, Gómez-Ramírez S, Campos A, et al.: Pre-operative anaemia: prevalence, consequences and approaches to management. Blood Transfus 2015; 13(3): 370-379. mehr lesen
- Neef V, Choorapoikayil S, Piekarski F, et al.: Current concepts in the evaluation and management of preoperative anemia. Curr Opin Anaesthesiol 2021; 34(3): 352-356. mehr lesen
- Neef V, Himmele C, Piekarski F, et al.: Effect of using smaller blood volume tubes and closed blood collection devices on total blood loss in patients undergoing major cardiac and vascular surgery. Can J Anaesth 2024; 71(2): 213-223. mehr lesen
- PBM Network Coordination Centre: Ziel der Patient Blood Management Netzwerke. letzter Aufruf 8. Januar 2025. mehr lesen
- Shah A, Acheson A, Sinclair RCF: Perioperative iron deficiency anaemia. BJA Educ. 2023; 23(10): 372-381. mehr lesen
- Shander A, Javidroozi M, Perelman S, et al.: From bloodless surgery to patient blood management. Mt Sinai J Med. 2012; 79(1): 56-65. mehr lesen
- Triphaus C, Judd L, Glaser P, et al.: Effectiveness of Preoperative Iron Supplementation in Major Surgical Patients with Iron Deficiency: A Prospective Observational Study. Ann Surg 2021; 274(3): e212-e219. mehr lesen
Manuskriptdaten
Zitierweise
Schneider K, Jersch J, Wolf L, Stephan L, Huschitt N, Benker M, Müller R, Müller N, Rüdiger T, Zacharowski K: Patient Blood Management am Bundeswehrkrankenhaus Berlin – ein interdisziplinäres Projekt. WMM 2025; 69(4): 176-183.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-443
Für die Verfasser
Oberstabsarzt Dr. Katja Schneider
Bundeswehrkrankenhaus Berlin
Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie
Scharnhorststraße 13, 10115 Berlin
E-Mail: katjaschneider@bundeswehr.org
Manuscript Data
Citation
Schneider K, Jersch J, Wolf L, Stephan L, Huschitt N, Benker M, Müller R, Müller N, Rüdiger T, Zacharowski K: [Patient Blood Management at the Military Hospital Berlin – an Interdisciplinary Project]. WMM 2025; 69(4): 176-183.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-443
For the Authors
Major (MC) Dr. Katja Schneider, MD
Bundeswehr Hospital Berlin
Department for General and Visceral Surgery
Scharnhorststraße 13, D-10115 Berlin
E-Mail: katjaschneider@bundeswehr.org
-
1 Der Evaluationsbogen steht unter <https://www.patientbloodmanagement.de/wp-content/uploads/2023/11/PBMCert2.0_Selbstevaluation.pdf> zum Download zur Verfügung.
32. Jahrestagung ARCHIS
29.01.2025 bis 31.01.2025 in Ulm
Unter dem Motto „Together We Can“ fanden sich die über 200 Teilnehmenden zur 32. Jahrestagung ARCHIS vom 29.01.2025 bis 31.01.2025 in Ulm zusammen. Hier in Ulm am Bundeswehrkrankenhaus (BwKrhs) war 1993 der Arbeitskreis chirurgisch tätiger Sanitätsoffizierinnen und -offiziere gegründet worden. Der thematische Fokus lag in diesem Jahr auf Zusammenarbeit: interkollegial, interdisziplinär, interprofessionell und zwischen militärischen und zivilen Partnerinnen und Partnern.
Am 29.01.2025 organisierten die Kongresspräsidenten Oberstarzt Priv.-Doz. Dr. Engelhardt, Direktor der Klinik für Gefäßchirurgie, sowie Oberstarzt Prof. Dr. Ruf, Direktor der Klinik für Urologie am BwKrhs Ulm, erstmals einen Vormittag speziell für ärztliche Assistentinnen und Assistenten in Ausbildung. In verschiedenen Workshops konnten so praktische Fähigkeiten vermittelt werden. Von „Fit für den Dienst“ über „Wundmanagement“ und „Nebenwirkungsmanagement medikamentöser Tumortherapie“ bis hin zu „Airwaymanagement im Einsatz und Notarztdienst“ wurde dem Nachwuchs ein spannendes Programm geboten. Parallel fand für pflegerische Berufe ein Symposium statt, das sich mit Themen wie Pflegenotstand, generalistischer Ausbildung und „Military Nurse“ beschäftigte. Währenddessen traten andere Assistentinnen und Assistenten der einzelnen Bundeswehrkrankenhäuser im allseits beliebten Damage Control Surgery-Contest in medizinisch-militärischen Wettkämpfen gegeneinander an.
Kongresseröffnung
Am Nachmittag des ersten Kongresstages begrüßten Oberstarzt Prof. Dr. Ruf und Oberstarzt PD Dr. Engelhardt zunächst alle Teilnehmenden der diesjährigen ARCHIS-Tagung, zu der erfreulicherweise viele aus dem chirurgischen Nachwuchs gekommen waren (Abbildung 1). Die Führungsspitze des Sanitätsdienstes mit Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann, Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes und stellv. Befehlshaber Unterstützungskommando der Bundeswehr, und mit seinem Stellvertreter Generalstabsarzt Dr. Johannes Backus war über den gesamten Tagungszeitraum anwesend. Ebenso der Präsident der DGWMP, Generalstabsarzt a. D. Dr. Stephan Schoeps mit seinen Vizepräsidenten Generalstabsarzt Dr. Ulrich Holtherm, Generalarzt a. D. Prof. Dr. Horst Peter Becker und Oberstveterinär Dr. Katalyn Rossmann. Der Kommandeur des Bundeswehrkrankenhauses Ulm, Oberstarzt Prof. Dr. Friemert, wurde als „Gastgeber des Hauses“ von den beiden Tagungspräsidenten begrüßt. Auch der Oberbürgermeister der Stadt Ulm, Martin Ansbacher, sowie der Landrat des Alb-Donau-Kreises, Heiner Scheffold, waren unter den Gästen.
In ihren Grußworten stellten Oberstarzt Dr. Christoph Güsgen, Vorsitzender des ARCHIS (Abbildung 2), und Generalstabsarzt a. D. Dr. Schoeps (Abbildung 3) besonders heraus, dass das Motto „Together We Can“ in diesen krisenbewährten Zeiten wichtiger denn je sei. Oberstarzt Prof. Dr. Benedikt Friemert, Kommandeur des BwKrhs Ulm, betrachtete in seinem Grußwort die Entwicklung der Einsatzchirurgie mit Sorge. Der lange, anstrengende Weg bis zur Facharztreife erfordere ein besonderes Durchhaltevermögen. „Krankenhaus kann jeder, zur Militärchirurgie gehört mehr“, wie er ausführte.
Der Oberbürgermeister der Stadt Ulm, Martin Ansbacher, hieß die Teilnehmenden in der „lebenswertesten Stadt Deutschlands“ willkommen und betonte die partnerschaftliche Verbindung Ulms mit der Bundeswehr und dem Bundeswehrkrankenhaus. Dies sei schon immer so gewesen und werde auch so bleiben. Landrat Heiner Scheffold unterstrich die zunehmende Anerkennung der Bundeswehr in der Zivilgesellschaft. Er wies jedoch auch darauf hin, dass es dringend Reformen im Gesundheitssystem zur besonderen Zusammenarbeit zwischen Militär und zivilen Kliniken bedürfe, um die gesundheitliche Versorgung im Krisen- und Katastrophenfall, besonders im Hinblick auf Landes- und Bündnisverteidigung, gewährleisten zu können.
Abb. 2: ARCHIS-Vorsitzender Oberstarzt Dr. Christoph Güsgen bei der Begrüßung der Teilnehmenden
Abb. 3: Generalstabsarzt a. D. Dr. Stephan Schoeps bei seinem Grußwort
Status quo & Perspektiven im Gesundheitswesen
Die erste Podiumsdiskussion des Tages begann mit einem Vortrag durch Prof. Dr. Dr. Ehlers, Facharzt für Allgemeinmedizin sowie Fachanwalt für Medizinrecht, Flottenarzt der Reserve und ehemaliges Mitglied des wehrmedizinischen Beirats. Ehlers zeigte in einigen Kernpunkten die aktuellen Herausforderungen und Probleme des deutschen Gesundheitssystems. Hierbei ging er zunächst auf den vielseits diskutierten Mangel an ärztlichem Personal ein. In absoluten Zahlen gebe es diesen nicht. Jedoch beobachte man heutzutage einen Rückgang an Arbeitskraft pro Kopf. Arbeit, die 1980 noch durch eine Ärztin bzw. einen Arzt getätigt worden sei, benötige heute 2,3 Ärztinnen bzw. Ärzte. Dies liege unter anderem an modernen Arbeitszeitmodellen und einem stärkeren Fokus auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Neben der zunehmenden Disproportionierung zwischen jungen und alten Menschen in unserer Gesellschaft, welche die Finanzierung des Gesundheitssystems zukünftig noch weiter ins Wanken bringen werde, sehe man in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Nationen hohe Pro-Kopf-Ausgaben bei vergleichsweise nicht besseren Ergebnissen. Ehlers beendete seine Ausführungen damit, dass eine vernünftige Strukturreform nur dann funktioniere, wenn „wir ernsthaft darüber nachdenken, was wir machen und welches Ergebnis wir erwarten“, und zeichnete damit ein besorgniserregendes Bild von der Zukunft des Gesundheitswesens.
Gesundheitsversorgung in „Frieden, Krise und Krieg“
Generalstabsarzt Dr. Backus lieferte mit seinem Vortrag einen Überblick der anstehenden Veränderungen im Sanitätsdienst. Dabei präsentierte er den „Forschungsverbund Nord und Süd“. Ziel sei es, an den sanitätsdienstlichen Einrichtungen, BG- und Universitätskliniken sowie Bundeswehrkrankenhäusern im Norden einen Fokus auf die Bereiche Infektiologie, Tropenmedizin, Maritime Medizin, Allgemeinmedizin und Medizintechnik zu legen. Die Einrichtungen des Südens würden sich auf Traumaversorgung, Simulation, Künstliche Intelligenz und Verwundetentransport fokussieren. Die wehrmedizinische Relevanz sei das „strukturgebende Agens“ in der aktuellen Umstrukturierung des Sanitätsdienstes. Dr. Backus fand klare Worte: Damit der Sanitätsdienst zukünftig wieder mehr Eigenverantwortung bekomme, müsse man jetzt zeigen, was man könne. Hier gelte es nun, Führung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen, um die gesamtgesellschaftliche Aufgabe der Landes- und Bündnisverteidigung zu bewältigen.
In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Flottenarzt Dr. Wilm Rost, Oberstabsarzt Dr. Witzel zusammen mit Prof. Dr. Dr. Ehlers und Generalstabsarzt Dr. Backus wurden diese Themen nochmals vertieft und intensiv behandelt.
Ärztliche Ausbildung und Einsatzmedizin
Den Tagesabschluss bot eine Session zum Thema Ausbildung und Einsatzmedizin. In multidisziplinären Vorträgen aus ziviler und militärischer Welt zeigte sich erneut, wie bedeutsam das Motto „Together We Can“ aktuell ist. Ganz besonders im Hinblick auf das Erreichen von vorgeschriebenen Fallzahlen im Rahmen der chirurgischen Weiterbildungsordnungen müsse es zur Zusammenarbeit zwischen Militärkrankenhäusern und zivilen Kliniken kommen. Darin waren sich alle Rednerinnen und Redner an diesem Tag einig. Oberstarzt Priv.-Doz. Dr. Gerhardt Achatz, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am BwKrhs Ulm, richtete sein Wort dabei insbesondere an die junge Generation. Die zivilen Weiterbildungsabschnitte seien „eher Kür, nicht Pflicht“, denn es bedürfe einer Prägung junger Sanitätsoffizierinnen und -offiziere im System Bundeswehr.
Nach vielen anregenden Vorträgen und regen Diskussionen, die sich über den Tag verteilt hatten, fanden sich die Teilnehmenden der ARCHIS dann am Abend des ersten Kongresstages im Rahmen eines Get Togethers in der Messehalle ein, um sowohl miteinander als auch mit den zahlreichen Ausstellerinnen und Ausstellern der Industrie vor Ort ins Gespräch zu kommen.
Abb. 4: Podiumsdiskussion mit (v.l.n.r.) Oberstabsarzt Dr. Witzel, Prof. Dr. Dr. Ehlers, Generalstabsarzt Dr. Backus, Flottenarzt Dr. Rost
2. Kongresstag – Lagevortrag des Befehlshabers des Zentralen Sanitätsdienstes
Der 2. Tag der ARCHIS startete mit freien Vorträgen zu Themen aus Präventionsmedizin, Rheumatologie, Chirurgie und Urologie. Im Anschluss an die Industrieausstellung folgte das erste Highlight des Tages: Generaloberstabsarzt Dr. Hoffmann gab in vier Abschnitten einen Einblick in aktuelle Entwicklungen des Sanitätsdienstes.
Die Bundeswehr der Zukunft, so der Befehlshaber, „wird anders aussehen, als sie jetzt aussieht“. Die bevorstehende Bundestagswahl, neue finanzielle Mittel und geänderte Rahmenbedingungen bei unseren internationalen Partnern machen dies unausweichlich. Er werde sich weiterhin stark dafür einsetzen, dass der essenzielle Wert des Sanitätsdienstes auch zukünftig von allen erkannt werde: die Streitkräfte über einen längeren Zeitraum einsetzbar zu machen und so den „Gefechtswert“, also die Durchhaltefähigkeit der Truppe, zu gewährleisten. Er betonte dabei, wie wichtig das Entwickeln von Führungsverständnis innerhalb des Sanitätsdienstes sei. Man müsse im Rahmen der aktuellen Umstrukturierung Lücken in Führungsprozessen schließen.
Mit der Unterstellung des Sanitätsdienstes in das Unterstützungskommando würden neue Herausforderungen und viel Arbeit anstehen. Die vielseits bekannte Zeitlinie wolle erfüllt werden, aber man müsse besonders auf Details achten. Dabei gelinge die Umsetzung des Auftrages nur „mit einem Plan, der sauber abgeleitet ist“, so der Befehlshaber. In Bezug auf die Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) sprach er von „Hubs“ (engl. Zentren), an welchen Patientinnen und Patienten der Rettungskette in Deutschland ankommen sollten, um danach weitertransportiert zu werden. Die Etablierung von Kooperationen mit zivilen Kliniken, die im LV/BV-Szenario Betten für die Bundeswehr freihalten würden, sei enorm wichtig. Unter anderem sei hierzu im Juni ein Think Tank geplant, der sich bereits jetzt an zahlreichen Interessentinnen und Interessenten erfreue.
Der Befehlshaber beendete seinen Vortrag mit der Aussicht darauf, dass er sich stark dafür einsetze, weitere 1500 Dienstposten zu schaffen, um Lücken zu schließen. Zudem stehe im Rahmen von „Fight Tonight“ an, ein Resümee zu ziehen, welche materiellen und personellen Ressourcen man aktuell habe, um diese in einem LV/BV-Szenario bestmöglich zu verteilen.
Abb. 5: Befehlshaber des Sanitätsdienstes Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann beim Lagevortrag
Poster-Play-Offs
Während einige Teilnehmende im Anschluss die Industrieausstellung besuchten, fand sich eine große Zuhörerschaft im Nachbarsaal für die alljährliche Posterpräsentation ein. In diesem Jahr stellten 24 junge Sanitätsoffizierinnen und -offiziere ihre wissenschaftlichen Arbeiten aus den unterschiedlichen chirurgischen Fachgebieten vor. Hierzu hatten sie in der ersten Runde drei Minuten Präsentationszeit. Fünf der jungen Forschenden kamen in die Poster-Play-Offs am Freitag. Hier galt es vor dem gesamten Plenarsaal in acht Minuten einen Überblick über die wissenschaftliche Fragestellung und Ergebnisse der einzelnen Arbeiten zu geben und sich Rückfragen aus dem Publikum zu stellen. In diesem Jahr dominierten Frauen, allesamt aus dem Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz, das Siegerinnenpodest.
1. Platz: Stabsarzt Sprenger mit „Rekonstruktion der Funktion der oberen Extremität nach komplexen Verletzungen – Case Reports nach militärischem vs. zivilem Trauma“
2. Platz: Oberstabsarzt Strauch mit „Unterschiede in der radiologischen Beurteilung retroperitonealer Lymphknoten bei Hodentumorpatienten: Einfluss auf das klinische Stadium und die Therapie?“
3. Platz: Oberfeldarzt Dr. Wöhler mit „Ein neuartiges Liquid biopsy basiertes Scoringsystem zur Differenzierung zwischen HCC und iCCA“
„Ein Plauderroboter, der die Menschheit bedroht?“ – KI in Medizin und Militär
Am frühen Donnerstagnachmittag folgte mit der Festrede von Prof. Dr. Dr. M. Spitzer, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie am Universitätsklinikum Ulm, ein weiteres Highlight des Tages. In einem 90-minütigen, fesselnden Vortrag gab er einen Überblick über die Entstehung von Computern bis hin zur Entwicklung künstlicher Intelligenz. Neben den vielen Einsatzmöglichkeiten in Bereichen wie Medizin, Militär oder auch Sprache beleuchtete Professor Spitzer zudem die Schattenseiten der Medaille: Kriminalität, autonom funktionierende Drohnen als Gefahr für Menschen, erlernter Racial Bias. Sein Fazit zog er am Ende: „Es geht nur mit KI, wenn wir Medizin so weitermachen wollen [wie bisher]“.
Together we can – auf allen Ebenen
Das Programm am Nachmittag des zweiten Kongresstages überzeugte mit Vorträgen zum Motto des Kongresses. Ob mit der Truppe, den BG-Kliniken, Universitäten oder innerhalb der NATO – die einzelnen Redner stellten dar, wie Zusammenarbeit aktuell schon aussehe und in Zukunft aussehen müsse. Im Anschluss an diesen eher militärstrategischen Vortragsblock folgte ein weiterer fachlicher Beitrag, der sich besonders mit traumatologischer Chirurgie und Versorgung befasste.
Festabend
Nachdem der Tag von informativen Vorträgen, spannenden Diskussionen und regem Austausch geprägt war, fand man sich abends im Hotel Lago zum Festabend zusammen. Zu Beginn verlieh der Präsident der DGWMP, Generalstabsarzt a. D. Dr. Schoeps, den Assistentinnen und Assistenten des Bundeswehrzentralkrankenhauses Koblenz den Pokal für den Sieg im DCS-Contest. Zusätzlich erhielten die Siegerinnen und Sieger den Coin des Präsidenten. Danach beglückwünschte er Oberfeldarzt Prof. Dr. Beltzer aus der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie des Bundeswehrkrankenhauses Ulm, der an diesem Tag offiziell die Ernennung zum außerordentlichen Professor an der Universität Ulm erhalten hatte. Der offizielle Teil des Abends endete mit der Verleihung des Preises der Soldatentumorhilfe des BwKrhs Hamburg an Oberfeldarzt Priv.-Doz. Dr. Nestler für die eingereichte Arbeit zum Thema „Übertherapie metastasierter Hodentumorpatienten durch Lymphadenektomie nach Chemotherapie“. Bei fröhlicher Stimmung und guter Atmosphäre ließen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der 32. ARCHIS den Tag ausklingen.
3. Kongresstag
Am frühen Morgen des letzten Tages stellte Oberstarzt Anne Wietheger die neuesten Entwicklungen aus dem Bundesamt für Personalmanagement vor. Hierbei ging sie auf den aktuellen Personalstrukturplan, den Pool Litauen sowie die Berufsoffizier-Auswahlkonferenz ein. Zum letzten Punkt hob sie explizit hervor, dass der Nachweis der Ableistung der individuellen Grundfertigkeiten und der körperlichen Leistungsfähigkeit in den zwei Jahren vor Einreichen des Antrages zwingend erforderlich ist. In den letzten Konferenzen habe man hochqualifiziertes Personal nicht berücksichtigen können, weil keine Nachweise erbracht worden waren.
Es folgte eine Vortragsreihe zu fachlichen Game Changers in Gefäßchirurgie, Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie sowie der Urologie. Abschließend richtete der Vorsitzende der ARCHIS, Oberstarzt Dr. Güsgen, persönliche Worte des Dankes an Oberstarzt Prof. Dr. Christian Willy, Klinischer Direktor der Orthopädie und Unfallchirurgie am Bundeswehrkrankenhaus Berlin. Prof. Willy war langjähriger Sprecher der ARCHIS, ein hochaktiver Treiber und Planer der Einsatzchirurgie sowie mit seinen Beiträgen in Wort und Bild ein Vorbild für den chirurgischen Nachwuchs. In wenigen Wochen geht er in Ruhestand. Auch Generalstabsarzt a. D. Dr. Schoeps dankte dem Oberstarzt für seine jahrzehntelange, prägende Arbeit im Sanitätsdienst und verlieh ihm als Dank den Coin des Präsidenten. Oberstarzt Prof. Dr. Willy richtete sein Wort an die junge Generation im Raum und gab mit auf den Weg, nie zu vergessen, dass die Bundeswehr ein „Netzwerk toller Typen“ sei und es gelte, sich dieses gut aufzubauen.
Anschließend, und damit den Kongress inhaltlich abschließend, stellten Referentinnen und Referenten zum Thema „mein schlimmster Albtraum“ Fälle aus der Klinik vor, die zum kritischen Nachfragen der eigenen Fähigkeiten und Reevaluieren von Behandlungsschritten anregten.
Abschiede und Neuanfänge
Die beiden Tagungspräsidenten Oberstarzt Prof. Dr. Ruf und Oberstarzt Priv.-Doz Dr. Engelhardt nutzten zum Abschluss die Möglichkeit, allen an der Organisation der 32. ARCHIS Beteiligten zu danken. Das Orgateam der 33. ARCHIS um Flottenarzt Dr. Rost, Klinischer Direktor der Viszeralchirurgie am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg, machte durch einen kleinen Ausblick bereits Lust auf mehr. Man darf sich schon jetzt freuen auf die Veranstaltung und den bevorstehenden Wandel, den die neue Generation aus Hamburg für die ARCHIS 2026 plant.
Leutnant (SanOA) Ann-Cathrin Hollstein, Göttingen
Kontakt: anncathrin1998@aol.com