Konstruktion und Pretest eines Partnerfragebogens zur Früherkennung von einsatzbedingten
psychischen Auffälligkeiten bei Soldatinnen und Soldaten1
Construction and Pretesting of a Partner Questionnaire for the Early Detection of Deployment-Related Psychological Disturbances in Soldiers
Oliver Hochfelda, Ulrich Wesemanna
a Bundeswehrkrankenhaus Berlin, Psychotraumazentrum der Bundeswehr
Zusammenfassung
Das Auftreten psychischer Störungen infolge von Auslandseinsätzen hat in den letzten Jahren in der Bundeswehr zugenommen. Bislang wurde die Sicht der Angehörigen im Vorfeld der Diagnostik wenig berücksichtigt. Zur Destigmatisierung und Erhöhung der Inanspruchnahme professioneller Hilfe wird hierzu ein vom Psychotraumazentrum neu entwickelter Fragebogen getestet, der gezielt an die Lebenspartnerinnen und Lebenspartner adressiert wird und zwischen belasteten und nicht belasteten Soldaten unterscheiden soll.
In einem Pretest wurde ein neuer Fragebogen untersucht, der an N = 38 Lebenspartnern von Soldaten mit Einsatzerfahrung verteilt wurde. Dazu wurden vorab zwei Gruppen von Soldaten (psychische Störung durch Einsatzbelastung vorhanden/nicht vorhanden) gebildet. Um eine klare Zuordnung zur jeweiligen Gruppe zu ermöglichen, wurde mit den Mitgliedern der Gruppe ohne psychische Einsatzbelastung vorab ein klinisches Interview (Mini-DIPS) geführt. Der vorläufige Fragebogen konnte gut zwischen Soldaten mit und ohne diagnostizierte psychische Störung diskriminieren (Sensitivität 93,3 %, Spezifität 82,6 %, Cronbachs α = .987, Trennschärfe zwischen .708 und .928). Der Fragebogenumfang konnte von 33 Items auf 12 Items reduziert werden (Sensitivität 93,3 %, Spezifität 91,3 %, Cronbachs α = .979, Trennschärfe zwischen .844 und .930) und ist somit ein zeitgemäßes und ökonomisches Instrument. Angehörige erkennen frühzeitig Veränderungen bzw. Traumatisierung des Partners infolge eines Einsatzes. Die Einbeziehung Angehöriger sollte daher so frühzeitig wie möglich erfolgen, um den Belasteten geeignete Handlungsoptionen aufzuzeigen. Dies könnte die Chance erhöhen, dass Betroffene frühzeitig professionelle Hilfe aufsuchen und somit Chronifizierungen vorbeugen. Damit soll die aktuell größte Herausforderung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung angegangen werden.
Schlüsselwörter: Partnerschaft, Einsatz, psychische Störung, Militärpersonal, Einsatzkräfte, Traumata, Fremdeinschätzung, Stigma
Summary
The occurrence of mental disorders following deployment has increased within the German Armed Forces (Bundeswehr) in recent years. To date, family members‘ perspectives have been largely neglected in the diagnostic process. To reduce stigma and increase the uptake of professional help, a newly developed questionnaire specifically targeting life partners is being tested. This instrument aims to clearly distinguish between soldiers with and without deployment-related psychological burdens.
In a pretest, a new questionnaire was distributed to N = 38 partners of military personnel with deployment-related mental disorders. Two groups (those with and without mental disorders) were pre-defined. A clinical interview (Mini-DIPS) was conducted to ensure accurate group allocation. The preliminary questionnaire was able to discriminate well between military personnel with mental disorders and those without (sensitivity: 93.3 %, specificity: 82.6 %, Cronbach’s α = .987, item discrimination between .708 and .928). The questionnaire was reduced from 33 items to 12 items (sensitivity: 93.3 %, specificity: 91.3 %, Cronbach’s α = .979, item discrimination between .844 and .930), resulting in a contemporary and efficient instrument. Family members can recognize early signs of changes or trauma in their partners following deployment. Their involvement should occur as early as possible to provide appropriate options for action to the affected individuals. This could increase the likelihood that those affected seek professional help early, thereby preventing chronic conditions. Addressing this issue represents one of the most significant challenges in current psychiatric and psychotherapeutic care.
Keywords: partnership; emergency and first responder personnel; deployment; mental disorder; military personnel; emergency forces; trauma; external assessment; stigma
Einleitung
Herausforderung und Ressource Partnerschaft
Menschen mit einsatzbedingten psychischen Belastungen vermeiden oft Gespräche über das Erlebte, um Angehörige zu schützen oder weil sie glauben, nur Kameraden könnten sie verstehen [22]. Dabei übersehen sie, dass Angehörige, insbesondere Lebenspartner, die Belastung meist ohnehin wahrnehmen [21]. Sowohl im militärischen als auch zivilen Kontext betreffen psychische Belastungen auch Partner und Angehörige, die häufig selbst unter starken Herausforderungen leiden [20]. Vor Diagnosen und Behandlungen tragen Angehörige oft den Familienzusammenhalt und den Alltag, geraten dabei aber an ihre Grenzen [15]. Gleichzeitig spielen sie eine zentrale Rolle in der Sekundärprävention und im Heilungsprozess [3].
In einer Studie mit 280 Paaren zeigte sich, dass das Leid der Betroffenen sich sowohl auf den Lebens- bzw. Ehepartner als auch auf die Kinder überträgt [9]. Im militärischen Kontext wurde festgestellt, dass die Attribution von PTBS-Symptomen auf den Partner statt auf die Einsatzerlebnisse als signifikanter Moderator negativer Effekte auf die Ehezufriedenheit wirkt [14]. Eine Untersuchung mit 536 Irak-Veteranen der US-Armee ergab, dass PTBS das Risiko für emotionalen Rückzug von Partnern, Familie und wichtigen Bezugspersonen um 32 % bis 44 % erhöht [4]. Eine kürzlich veröffentlichte Studie mit Bundeswehrpersonal konnte zeigen, dass es bei männlichen Soldaten, die während des Auslandseinsatzes ein militärspezifisches kritisches Ereignis erleben, doppelt so häufig zu Trennungen kommt. Ebenfalls verschlechterte sich die Beziehung zu ihren Kindern, im Vergleich zu ihren Kameraden des gleichen Einsatzes ohne ein solches Ereignis, signifikant [28]. Das Risiko, eine psychische Störung zu entwickeln, lag dabei 6–7 Mal höher [6][27].
Bereits existierende selbstaufsuchende Online- und App-Angebote
Ein häufiges Problem bei belasteten Personen ist, dass sie aus Angst vor Karriereeinbußen oder Stigmatisierung nur zögerlich professionelle Hilfe suchen. Niederschwellige, internetbasierte Angebote können hier den Einstieg erleichtern [3]. Bewährte Online-Angebote sind beispielsweise „Angriff-auf-die-Seele.de“ und „PTBS-Hilfe.de“, letztere ist in die Bundeswehr-Website integriert. Ergänzend gibt es eine anonyme, 24/7 erreichbare Trauma-Hotline (0800–588 7957). Die Bundeswehr bietet zudem unter „Betreuung und Fürsorge“ Online-Tests für PTBS (PCL-5, 20 Fragen), Depression (PHQ-9, 10 Fragen), Angststörungen (PHQ-D, 17 Fragen), Stresserkrankung (10 Fragen) und Alkoholabhängigkeit (6 Fragen) an. Die Tests richten sich an Soldaten, geben Punktwerte zur Ersteinschätzung, betonen jedoch, dass sie keine ärztliche Diagnose ersetzen. Nutzer werden bei auffälligen Symptomen ausdrücklich zur professionellen Hilfe ermutigt. Gezielte Programme, wie „In Würde zu sich stehen“, können zudem zur Destigmatisierung beitragen [3]. Das Portal „Angriff-auf-die-Seele.de“, seit 2008 online, wird vom Verein „Angriff auf die Seele“ betrieben und durch das Psychotraumazentrum der Bundeswehr unterstützt. Es richtet sich an aktive und ehemalige Soldaten/-innen sowie Angehörige und bietet Informationen, Kontaktmöglichkeiten und anonyme Online-Beratung zu PTBS und psychischen Belastungen. Zudem enthält es einen PTBS-Selbsttest nach dem International Trauma Questionnaire [5]. Die App „CoachPTBS“ wurde im Auftrag der Bundeswehr in Zusammenarbeit mit dem Forschungszentrum Cyber Defence der Uni Bw München, dem Psychotraumazentrum im BwKrhs Berlin und der Klinik für Psychotherapie und Psychotraumatik der TU Dresden entwickelt [5]. Sie bietet Informationen zu PTBS und traumaassoziierten Störungen, ist individuell anpassbar und ermöglicht es den Nutzern, ein Unterstützungsnetzwerk zu erstellen. Zudem enthält die App Instrumente zur Selbsteinschätzung, Übungsangebote und eine Verlaufsdokumentation. Sie dient der Aktivierung eigener Ressourcen, entlastet und zeigt Hilfsmöglichkeiten auf, wenn weitere Unterstützung benötigt wird [21].
Abb. 1: Startseite der App „CoachPTBS“ (Android-Version)
Methode
Vorausgegangene Forschung
Im Zeitraum IV. Quartal 2011 bis IV. Quartal 2017 wurden im Rahmen des Angehörigenseminars „Partnerschaft und PTBS“ Schilderungen der Teilnehmenden zu Veränderungen ihres Partners nach dem Einsatz ausgewertet. Zur Evaluation des Seminars wurden Fragebögen im Vorfeld des Seminars versandt. Aus den Rückläufern der Angehörigen (N = 47) wurde insbesondere die Frage Nr. 15 „Sind Sie der Meinung, dass sich durch den Einsatz (die Probleme Ihres Partners/Ihrer Partnerin) etwas verändert hat? Ja/Nein. Wenn ja, was zum Beispiel?“ genauer analysiert. Die Angehörigen konnten hier frei und ohne Vorgaben antworten.
Drei Angehörige schieden aus der Auswertung aus, da keine Veränderung festgestellt wurde, fünf, weil die Beziehung erst nach dem Einsatz begann. Somit wurden 39 Probanden-Aussagen ausgewertet und einer thematischen Analyse nach Braun und Clarke unterzogen [2]. Themen wurden als Kategorien gebildet, und die Antworten den Kategorien zugeordnet. Es erfolgte eine kumulative Auswertung der Antworten, wobei diese auch mehreren Kategorien zugeordnet werden konnten. Abschließend wurden die Kategorien nach ihrer Häufigkeit in eine Rangskala übertragen. Die Zuordnung der Nennungen erfolgte durch zwei unabhängige Bewerter mit einer Übereinstimmung von 95,8 %, die endgültige Zuordnung im Konsens. So konnten neun Kategorien identifiziert und der Häufigkeit der Nennung der beobachteten und berichteten Veränderungen nach sortiert werden. An erster Stelle standen gezeigte Gefühle und Emotionen, gefolgt von Rückzugs- und Vermeidungsverhalten. Persönlichkeitsveränderungen bildeten das Schlusslicht [26].
Nach Korrektur doppelter Nennungen wurde auf der Basis der Daten ein quantitativer Fragebogen, mit zunächst 60 Items, entwickelt. Nach weiterer Analyse im Rater-Team wurde der Fragebogen auf 33 Items reduziert.
Tab. 1: Rangfolge der Kategorien mit prozentualem Anteil und Beispielen (Quelle: eig. Darstellung in Anlehnung an Wesemann et al., 2019 [26])
Zielsetzung Pretest
Ein Pretest ist eine Miniaturausgabe sozialwissenschaftlicher Datenerhebungen, bei der der Fokus mehr auf der Qualität des Erhebungsinstruments als auf dem Untersuchungsgegenstand liegt [23]. Der Pretest des Fragebogens „Befragung der Partnerinnen und Partner von Einsatzsoldaten“ soll dessen Verständlichkeit, Handhabbarkeit und Nutzerfreundlichkeit testen [24]. Die Herausforderung besteht darin, dass es sich um einen Fremdbeurteilungsbogen handelt, der sowohl im Pretest als auch in der endgültigen Fassung schriftlich ausgefüllt wird, ohne Interaktion mit einem Interviewer [13].
Forschungsfrage und Hypothesen
Die Studie wurde von der Ethikkommission der Humboldt-Universität (Charité) unter der Nummer EA1/024/20 genehmigt und von der Bundeswehr unter der Nummer 32k4-S32–2023 beauftragt. Die Forschungsfrage des Pretests lautet:
„Kann der Fragebogen zwischen Soldaten/Soldatinnen mit und ohne einsatzbedingte psychische Störungen unterscheiden?“
Studiendesign
Die Durchführung einer qualitativen Datengewinnung gefolgt von quantitativer Forschung entspricht dem sequenziellen Mixed-Methods-Design, bei dem die quantitative Studie die qualitativen Daten bestätigt [11]. Den beispielhaften Ablauf des Studiendesigns zeigt Abbildung 2. Im Rahmen dieses Designs dienten die qualitativen Daten zur Formulierung von Items, die im Pretest-Fragebogen als fünfstufige Likert-Items zur Fremdbeurteilung verwendet wurden [7].
Abb. 2: Ablauf sequentielles Design Pretest (Quelle: eig. Darstellung in Anlehnung an Lüdders, 2017)
Zielgruppendefinition und Selektion
Für den Pretest des Fragebogens wurden Lebenspartner und -innen aus zwei Gruppen (N = 40) angesprochen. Die erste Gruppe (n = 20) bestand aus Personen ohne diagnostizierte einsatzbedingte psychische Störung (KG), die durch den Autor akquiriert wurden. Die zweite Gruppe (n = 20) setzte sich aus Personen zusammen, bei denen bereits eine einsatzbedingte psychische Störung diagnostiziert wurde (EG) und die sich in Behandlung in einem BwKrhs befinden. Als Einschlusskriterien wurden formuliert: alle Soldaten in beiden Gruppen sollten innerhalb der letzten 18 Monate einen Auslandseinsatz von mindestens 4 Wochen absolviert haben und in einer Lebenspartnerschaft leben, die sowohl vor als auch nach dem Einsatz bestand.
Stichprobenumfang
Am Pretest des Fragebogens nahmen – entgegen der ursprünglichen Zielsetzung und aus Mangel an akquirierbaren Teilnehmern – nur N = 38 Probanden teil. Darunter waren 1 Soldatin (2,6 %) und 36 Soldaten (94,7 %), 1 Angabe fehlte (2,6 %). Von den Lebenspartnern waren 36 weiblich (94,7 %) und 1 männlich (2,6 %), 1 fehlte (2,6 %). Die Soldaten/-innen waren zwischen 26 und 74 Jahren (M = 38,9, SD = 9,2), die Lebenspartnerinnen und -partner zwischen 22 und 66 Jahren alt (M = 37,6, SD = 8,6). Die Probanden (Soldaten und Lebenspartner) nahmen freiwillig teil. Die Stichprobe teilte sich wie folgt auf: 15 Probanden in der Gruppe der belasteten (EG) sowie 23 Probanden in der Gruppe der unbelasteten (KG) Soldaten (Tabelle 2).
Tab. 2: Verteilung der Gruppen (Soldaten EG/KG sowie Partner)
Separation durch klinisches Interview
Um die Soldaten eindeutig der Gruppe der nicht belasteten (KG) zuordnen zu können, wurde der Mini-DIPS in der Open Access-Variante als Interview genutzt [12]. Das klinische Interview wurde nur in der Gruppe der als unbelastet vermuteten Soldaten (KG) durchgeführt, die Gruppe der belasteten Soldaten (EG) wies bereits eine fachärztlich diagnostizierte einsatzbedingte psychische Störung auf. Die interviewten Soldaten waren in den 18 Monaten vor Untersuchung unter anderem in Litauen (Enhanced Forward Presence), Afghanistan (Resolute Support), Mali (EUTM/MINUSMA) und Kosovo (KFOR) im Einsatz. Die Interviews wurden über einen Zeitraum von 14 Tagen, während der Dienstzeit und ohne finanzielle Entschädigung, durchgeführt. Insgesamt wurden 27 Soldaten interviewt: 9 im Mannschaftsdienstgrad (33,3 %), 13 Unteroffiziere (48,1 %) und 5 Offiziere/Stabsoffiziere (18,5 %).
Pretest Fragebogen und Versand
Den Lebenspartnern wurden im Anschluss an das klinische Interview mit den Soldaten der Fragebogen, ein Informationsschreiben zur Studie, die Einwilligungs- und Datenschutzerklärung (DSGVO), eine Ausfüllhilfe für den Pretest-Fragebogen mit beiliegenden Erklärungen sowie zwei frankierte und adressierte Rückumschläge zugesandt. Der Pretest-Fragebogen umfasst 33 Items, vorangestellt Fragen zu persönlichen Daten, der Beziehung zu dem Soldaten/der Soldatin, dem familiären Umfeld (z. B. Kinder) und dem letzten Einsatz des Partners. Die Items basieren auf fünfstufigen Likert-Skalen mit den Antwortoptionen:
- „nicht zutreffend“ (0),
- „weniger zutreffend“ (1),
- „weder zutreffend noch unzutreffend“ (2),
- „weitgehend zutreffend“ (3) und
- „zutreffend“ (4).
Die Ausprägungen sind mit den Ziffern 0 bis 4 codiert, eine mittlere Antwortoption ist explizit enthalten [10].
Öffnung der Gruppe der belasteten Soldaten
Aufgrund geringen Rücklaufs von nur 10 Fragebögen aus der Gruppe der belasteten Soldaten (EG) nach 6 Monaten, beschloss das PTZ am BwKrhs Berlin, die Teilnehmergruppe um Patienten der Intervalltherapie, Polizisten mit diagnostizierter psychischer Störung, Patienten anderer BwKrhs sowie ambulanten Patienten aus dem Facharztzentrum Rostock zu erweitern. Ebenfalls wurde die zeitliche Beschränkung von 18 Monaten nach letztem Einsatz aufgegeben. Diese Maßnahmen erbrachten vier zusätzliche Rückläufer. Die Rücklaufquote lag bei 24 Fragebögen in der unbelasteten Gruppe (KG, 63,2 %) und 14 in der belasteten Gruppe (EG, 38,8 %); insgesamt 38 Fragebögen (100 %).
Ergebnisse
Zur Prüfung möglicher soziodemographischer Unterschiede zwischen den Gruppen der belasteten (EG) und nicht belasteten Soldaten/-innen (KG) wurden folgende Tests durchgeführt: Ein t-Test ergab, dass die KG signifikant jünger war (95 %-CI[0.51][12.57]), t(35) = 2.20, p < .05. Aufgrund der Nicht-Normalverteilung der Daten (Shapiro-Wilk-Test, alle p < .001) wurde der Wilcoxon-Rangsummentest angewendet. Es gab keine signifikanten Unterschiede in Bezug auf Geschlecht (U = 149.50, Z = -1.282, p = .722), Partnerschaftsstatus (U = 149.50, Z = -1.282, p = .772), Kinderanzahl (U = 136.50, Z = -0.902, p = .448), Dienstgradgruppe (U = 125.50, Z = -0.910, p = .434) oder Status als Berufs- vs. Zeitsoldat/-in (U = 104.40, Z = -1.483, p = .191).
Datenreduktion
Die Daten wurden einer Reliabilitätsanalyse unterzogen. Cronbachs Alpha für die 33 Items der Skala EFE betrug α = .987. Nach iterativem Entfernen der Items mit der geringsten Trennschärfe, basierend auf der korrigierten Item-Skala-Korrelation, verbleiben 12 Items bei leicht verringertem Cronbachs Alpha von α = .980.
Alternatives Verfahren
Um das beste Ergebnis zu erhalten, wurde eine weitere explorative Methode zur Itemreduktion verwendet, die einen Faktor mit 72,11 % Gesamtvarianz aufwies. Weitere Faktoren erklärten nur 5,5 % bzw. 3,8 %. Da das Ziel eine unidimensionale Skala war, wurden diese zusätzlichen Faktoren nicht berücksichtigt. Die visuelle Prüfung des Scree Plots bestätigte das Ergebnis, wobei der ‚Elbow‘ bei Faktor 2 deutlich sichtbar war. Daher wurden nur die Faktoren vor dem Knick berücksichtigt, was durch das graphische ‚Elbow‘-Kriterium gestützt wurde [1].
ROC-Analyse
Die ROC-Analyse (Receiver Operating Characteristic) ist eine nützliche Methode zum Beurteilen der Genauigkeit von Modellvorhersagen. Im nächsten Schritt wurden Summen-Variablen mit den stärksten Items gebildet und einer ROC-Analyse unterzogen. Die Auswertung der Area under curve (AUC) für die komplette EFE-Skala (33 Items) ergab eine AUC von .936 (p < .001). Die höchste AUC von .957 (p < .001) erzielten die Varianten mit 12 und 15 Items. Da die Variante mit 15 Items die gleiche Varianz erklärte, jedoch die mit 12 Items ökonomischer war, wurde diese gewählt.
Cut-Off und Youden-Index
Die Wahl des Cut-Off-Wertes hängt von der Zielsetzung ab, ob Sensitivität oder Spezifität priorisiert wird [8]. Der auf Sensitivität ausgelegte Cut-Off der 12-Item-Variante ergibt 93,3 % Sensitivität und 91,3 % Spezifität, mit einem Youden-Index von J = .846 [16]. Ein höherer J-Wert deutet auf eine bessere Unterscheidung zwischen Belasteten und Unbelasteten hin. Im Vergleich liegt der Cut-Off für die 33-Item-Variante bei 93,3 % Sensitivität und 82,6 % Spezifität (J = .759).
Überprüfung auf Normalverteilung
Aufgrund der Ergebnisse wurde nur noch die 12-Item-Lösung (EFE_EFA_12) weiter untersucht. Der Shapiro-Wilk-Test zeigte, dass beide Gruppen (KG und EG) nicht normalverteilt sind, p < .05. Die Ergebnisse können Tabelle 3 entnommen werden.
Tab. 3: Daten des Tests auf Normalverteilung
Mann-Whitney-U-Test
Zur Überprüfung der Unterschiede zwischen den Gruppen (EG/KG) wurde ein Mann-Whitney-U-Test durchgeführt. Es zeigte sich ein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen: die belastete Gruppe (EG) erzielte höhere Werte (MRang = 30, Mdn = 33) im Vergleich zur nicht belasteten Gruppe (KG) (MRang = 12.65, Mdn = 2), U = 15.00, Z = -4.731, p < .001. Die Hypothese, dass der Fragebogen zwischen belasteten und unbelasteten Soldaten unterscheidet, wurde bestätigt.
Effektstärke
Die Effektstärke (Pearson Korrelationseffizient) des durchgeführten Mann-Whitney-U-Tests wurde als
berechnet, wofür sich ein Effekt von r = .767 ergab.
Ergebnis der Itemreduktion
Der Fragebogen mit 33 Items zur Erfassung von Einsatzbelastungen diskriminiert gut zwischen belasteten und unbelasteten Soldaten. Die auf zwölf Items reduzierte Skala bietet bei gleicher Güte eine ebenso gute Unterscheidung zwischen den Gruppen. Aus ökonomischen Gründen wird empfohlen, den zwölf Items umfassenden Fragebogen als Fremdbeurteilungsinstrument für die Lebenspartner belasteter Soldaten zu verwenden.
Validität und Reliabilität des Fragebogens
Die Berechnung der Reliabilität ergab ein Cronbachs Alpha von α = .987 für die 33 Items zur Einsatzbelastung und α = .979 für die endgültige 12-Item-Fassung. Ein Paralleltest mit den ausgeschlossenen Items zeigte eine hohe Korrelation von r = .976, p < .001. Die 12 Items haben eine Sensitivität von 93,3 % und eine Spezifität von 91,3 % bei einem Cut-Off-Wert von 12,5. Trennpunkte unter 12,5 erhöhen zwar die Sensitivität, verringern jedoch die Spezifität. Der reduzierte Fragebogen erfüllt somit die Gütekriterien für Reliabilität und Validität.
Diskussion
Die Einsatzbelastungen für Angehörige der Bundeswehr werden voraussichtlich weiter zunehmen, wenn Einsätze über das eigene Territorium hinausgehen. Zukünftige Szenarien lassen erwarten, dass die Bundeswehr verstärkt auf Landes- und Bündnisverteidigung ausgerichtet sein wird. Daher sind präventive Maßnahmen auf allen Ebenen notwendig, wobei auch das familiäre Umfeld, insbesondere die Lebenspartner der Soldaten, berücksichtigt werden sollte. Eine frühzeitige Einbindung der Lebenspartner kann eine gezielte Intervention fördern. Ziel der Arbeit war es, einen Pretest eines entwickelten Fragebogens durchzuführen und zu zeigen, dass er gut zwischen belasteten und unbelasteten Soldaten mit Einsatzerfahrung unterscheidet.
Limitierungen des Forschungsvorhabens
Aufgrund der zeitlichen Einschränkungen wurde auf einen Teil der angestrebten Rückläufer, insbesondere aus der Gruppe der belasteten Soldaten/-innen, verzichtet. Die Befragung wird jedoch fortgesetzt, bis die Zielgröße (n = 20) der belasteten Gruppe erreicht ist. Es wird erwartet, dass die statistischen Berechnungen ähnliche Ergebnisse liefern und möglicherweise mehr Faktoren in einer explorativen Analyse gefunden werden. Dies könnte die Bildung und Untersuchung besserer Item-Skalen bzw. Aufteilung in Trait- und State-Skalen ermöglichen. Eine Schwäche des Fragebogens könnte eine geringe Akzeptanz bei Soldaten sein. Wird der Fragebogen nicht an die Angehörigen weitergegeben bzw. zur Kenntnis gebracht, kann das Instrument nicht wirken. Mögliche Hemmnisse könnten Ängste oder Stigmatisierung und der befürchtete Gesichtsverlust sein. Auf Seiten der Angehörigen besteht jedoch ein großes Interesse, was durch bisherige Erfahrungen und Äußerungen belegt wird. Um eine breitere Nutzung zu ermöglichen, muss der Fragebogen öffentlich zugänglich gemacht und die Angehörigen informiert werden, damit diese selbst die Möglichkeit haben, den Bogen auszufüllen und die Belastung zu erkennen.
Schlussfolgerungen
Trotz der Limitation der Probandenzahl zeigt die Untersuchung, dass Angehörige einsatzbelasteter Soldaten gut in der Lage sind, diese Belastungen wahrzunehmen. Der überarbeitete Fragebogen wurde nach dem Pretest an einer repräsentativen Stichprobe zur Evaluation geprüft. Die Ergebnisse werden in Kürze vorgestellt, der Fragebogen selbst wird über verschiedene Plattformen frei verfügbar und zugänglich sein. Der bereits evaluierte Fragebogen STEP „State-Trait Einsatzkräftefragebogen für Partner“ ist bereits jetzt u. a. beim Verfasser erhältlich. Besonders wichtig ist es, Betroffene schnell in professionelle Behandlung zu überführen, da viele keine Beziehungen mehr aufrechterhalten können. Deshalb hat der Psychologische Dienst der Bundeswehr auch ein neues Forschungsprojekt aufgesetzt, um problematischem Ärger bei Militärpersonal entgegenzuwirken. Dies ist ein häufiges Phänomen, bei dem aber auch geschlechtsspezifische Unterschiede gefunden wurden [25][29]. Die Ergebnisse dieser Untersuchung sollten zu weiteren Studien zur engeren Einbeziehung der Angehörigen in die Einsatznachbereitung führen. Zudem könnten ähnliche Angebote für Angehörige anderer Einsatzkräfte wie Polizei, Feuerwehr und Sanität etabliert und evaluiert werden. In diesen Berufsgruppen kommt es auch zu erheblichen einsatzbedingten psychischen Störungen, die als Berufsrisiko angesehen werden müssen [17][18][19]. Ebenfalls ist geplant, einen ähnlichen Fragebogen für Kameraden, Stakeholder und weitere Angehörige zu entwickeln.
Kernaussagen
- Angehörige müssen stärker einbezogen werden, da
- 1. … sie Veränderungen der psychischen Gesundheit zeitnah bemerken.
- 2. … sie Hilfestellungen bekommen, um selbst besser mit der Situation umgehen zu können.
- 3. … sie das Selbststigma der Betroffenen sehr gut durchbrechen können.
- 4. … somit frühe und zielgerichtete Hilfsangebote und Interventionen möglich sind und Chronifizierungen vorgebeugt werden kann.
Interessenkonflikt
Die Autoren geben an, keinen Interessenkonflikt zu haben. Die Studie ist an der Sanitätsakademie unter der Studien-Nummer: 32k4-S32–2023 registriert
Ethik-Votum: EA1/024/20
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Manuskriptdaten
Zitierweise
Hochfeld O, Wesemann U: Konstruktion und Pretest eines Partnerfragebogens zur Früherkennung von einsatzbedingten psychischen Auffälligkeiten bei Soldatinnen und Soldaten. WMM 2025; 69(4): 139-146.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-441
Für die Verfasser
Oliver Hochfeld
Bundeswehrkrankenhaus Berlin
Psychotraumazentrum der Bundeswehr
Scharnhorststraße 13, 10113 Berlin
E-Mail: uw@ptzbw.org
Manuscript Data
Citation
Hochfeld O, Wesemann U: [Construction and Pretesting of a Partner Questionnaire for the Early Detection of Deployment-Related Psychological Disturbances in Soldiers.] WMM 2025; 69(4):139-146.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-441
For the Authors
Oliver Hochfeld
Bundeswehr Hospital Berlin
Bundeswehr Center for Psychotraumatology
Scharnhorststraße 13, 10113 Berlin
E-Mail: uw@ptzbw.org
1 Zur Verbesserung der Lesbarkeit wird in dem Beitrag überwiegend die Maskuline Form (Soldat, Patient usw.) benutzt. Angesprochen sind aber stets alle Geschlechter.