Patient Blood Management am Bundeswehrkrankenhaus Berlin – ein interdisziplinäres Projekt1
Patient Blood Management at the Bundeswehr Hospital Berlin – an Interdisciplinary Project
Katja Schneidera, Jennifer Jerschb, Lorenz Wolfc, Lars Stephand, Niels Huschitta, Michael Benkerb, Rico Müllerc, Nicole Müllerd, Torsten Rüdigerc, Kai Zacharowskie
1 Die in dieser Publikation verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich immer gleichermaßen auf weibliche und männliche Personen. Auf eine Doppelnennung und gegenderte Bezeichnungen wird zugunsten einer besseren Lesbarkeit verzichtet.
a Bundeswehrkrankenhaus Berlin, Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie
b Bundeswehrkrankenhaus Berlin, Klinik für Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin
c Bundeswehrkrankenhaus Berlin, AbteilungLaboratoriumsmedizin
d Bundeswehrkrankenhaus Berlin, Klinik für Innere Medizin
e Universitätsmedizin Frankfurt,Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie
Zusammenfassung
Patient Blood Management (PBM) beschreibt interdisziplinäre Ansätze, die das Outcome chirurgischer Patienten verbessern und Ressourcen schonen. Präoperative Anämien sollen detektiert, differenziert und therapiert werden, intraoperative Blutverluste minimiert und Blutprodukte rational eingesetzt werden. Am Bundeswehrkrankenhaus Berlin wurde eine interdisziplinäre PBM-Kommission eingesetzt, die im Sinne einer Bedarfsanalyse eine retrospektive Analyse der chirurgischen Patienten hinsichtlich der Anämieprävalenz durchführte. Anschließend wurde eine Selbstevaluation anhand der Maßnahmenbündel des Netzwerks Patient Blood Management durchgeführt.
885 chirurgische Patienten, die sich einer elektiven Operation unterzogen, wurden in die Analyse eingeschlossen. Bei 22,8 % bestand eine Anämie entsprechend der PBM-Definition (Hb < 13 g/dl). Patienten der septisch-rekonstruktiven Chirurgie bildeten eine besondere Risikogruppe.
Die Selbstevaluation ergab den Bronze-Status mit Stärken im Bereich der Koordination und Schwächen im präoperativen Anämiemanagement. Die Ergebnisse der retrospektiven Auswertung entsprechen den Angaben der Literatur. Es besteht ein Bedarf zur Optimierung der Abläufe im Sinne des Patient Blood Managements. Weiterführend werden Maßnahmen zum Ausgleich der bisher bestehenden Lücken eingeführt. Hierzu zählen ein präoperatives Anämie-Screening mittels nicht-invasiver Hb-Messungen, eine Reduktion der Monovetten-Größe bei Blutentnahmen und eine Optimierung des Anämie-Managements bei stationären Patienten mit Mehrfacheingriffen.
Schlüsselwörter: Patient Blood Management, Anämie-Algorithmus, Hämoglobin-Screening, Zertifizierung, Blutgesundheit
Summary
Patient Blood Management (PBM) describes interdisciplinary approaches that improve the outcome of surgical patients and conserve resources. Preoperative anemia should be detected, differentiated, and treated, intraoperative blood loss minimized, and blood products used rationally. An interdisciplinary PBM commission was set up at Bundeswehr Hospital Berlin, which carried out a retrospective analysis of anemia prevalence in surgical patients as part of a needs analysis. A self-evaluation was then carried out using the Patient Blood Management Network’s bundle of measures.
885 surgical patients undergoing elective surgery were included in the study, 22.8 % of whom were preoperatively suffering from anemia according to the PBM definition (Hb < 13 g/dl). Patients undergoing septic reconstructive surgery represent a high-risk group.
The self-evaluation resulted in a bronze status with strengths in coordination and weaknesses in preoperative anemia management. The results of the retrospective evaluation are in line with the literature. There is a need to optimize processes in terms of patient blood management. In addition, measures are being introduced to compensate for the existing gaps. These include preoperative anemia screening using non-invasive Hb measurements, a reduction in the size of monovettes for blood samples, and optimization of anemia management for inpatients.
Keywords: patient blood management; anemia algorithm; hemoglobin screening; accreditation; blood health
Einleitung
Der medizinische und ökonomische Vorteil von Patient Blood Management (PBM) als interdisziplinäres und patientenzentriertes Konzept zur Steigerung der Blutgesundheit und zur Optimierung des Patientenoutcomes wurde in vielen Zusammenhängen aufgezeigt. Entsprechende Empfehlungen wurden mittlerweile in Leitlinien übernommen [3][5]. Sowohl die Relevanz einer präoperativen Anämie und der Transfusion von Erythrozytenkonzentraten als unabhängige Risikofaktoren für eine erhöhte Morbidität und Mortalität als auch die Schonung der limitierten Ressource Blut werden so adressiert [8]. Etwa ein Drittel der chirurgischen Patienten fällt präoperativ mit einer Anämie auf [10]. Internationale und nationale Empfehlungen fassen die Strategie im Rahmen des PBM zu folgenden drei Säulen zusammen [7][16].
- Zeitgerechte, präoperative Anämiediagnostik und -therapie,
- Minimierung von intra- und perioperativen Blutverlusten und
- rationaler Einsatz von Blutprodukten.
Jeder Säule können Einzelmaßnahmen zugeordnet werden, die in Tabelle 1 beispielhaft abgebildet sind.
Tab. 1: Einzelmaßnahmen innerhalb der Säulen des perioperativen Blood Managements, modifiziert nach [6][14][16]
In den letzten 15 Jahren hat PBM zunehmend – wenn auch noch nicht flächendeckend – in zivilen Krankenhäusern Einzug erhalten. Im Sanitätsdienst werden teilweise bereits Einzelmaßnahmen umgesetzt. Das immense Potenzial des Systemverbunds zur Prozessoptimierung wird jedoch derzeit noch nicht ausgenutzt. Seit dem 19. September 2024 ist das Bundeswehrkrankenhaus (BwKrhs) Berlin unseres Wissens nach das erste BwKrhs, welches im Sinne des Patient Blood Managements zertifiziert ist. Das PBM-Zertifikat belegt das Bewusstsein sowohl für die Ressource Blut als auch für die Blutgesundheit der Patienten und den wirtschaftlichen Nutzen des PBM. Ziel ist es, langfristig die systemweite systematische Implementierung standardisierter, blutsparender Maßnahmen. Die interdisziplinäre und hausübergreifende Zusammenarbeit steht in dieser Arbeit im Vordergrund.
PBM-Kommission
Einzelmaßnahmen – oft monodisziplinär – wurden in den letzten Jahren bereits im BwKrhs Berlin und anderen BwKrhs eingeführt, überwiegend jedoch ohne Bezug zu einem übergeordneten Konzept oder einer nachgeschalteten Qualitätsanalyse zu unterliegen. Um diesen Prozess nun zu optimieren, wurde im BwKrhs Berlin analog zum Bündel 1 „PBM-Projektmanagement"nach Billigung durch die Transfusionskommission eine PBM-Kommission als Koordinations- und Kommunikationselement etabliert [14].
Jeweils ein Mitglied der
- Klinik für Anästhesie, Intensiv- Notfall- und Schmerzmedizin,
- Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie stellvertretend für die chirurgischen Kliniken,
- Klinik für Innere Medizin und
- der Abteilung für Labormedizin/Blutbank
koordinieren in enger Abstimmung mit den weiteren beteiligten Fachabteilungen die notwendigen Maßnahmen und analysieren die Effektivität. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit ist essenziell für den Erfolg des Prozesses, da PBM nur durch den fach- und fächerübergreifenden Austausch effektiv angewandt werden kann.
Ziele
Die ersten Ziele der PBM-Kommission umfassten eine Bedarfsanalyse des BwKrhs Berlin durch deskriptive Auswertung der elektiven Operationen hinsichtlich einer präoperativen Anämie und deren Charakterisierung sowie die Selbstevaluation mit anschließender Zertifizierung durch das Netzwerk Patient Blood Management (Netzwerk PBM).
Methoden
Die Bedarfsanalyse sollte sowohl zur Quantifizierung der tatsächlich betroffenen Patientengruppe dienen als auch zur Erprobung der auszuwertenden Parameter als Grundlage zukünftiger automatisierter Auswertungen. Die Selbstevaluation mit anschließender Zertifizierung durch das Netzwerk PBM erfolgte zur Identifizierung von Defiziten in den bisherigen Standards und zur Formalisierung des Projekts. Darüber hinaus diente sie auch dem internen Benchmarking zur Verfolgung der Entwicklung und der kontinuierlichen Verbesserung.
Bedarfsanalyse
In diese retrospektive Analyse wurden alle elektiven Operationen eingeschlossen, die im Zeitraum vom 1. April 2024 bis zum 30. Juni 2024 im Zentral-OP des BwKrhs Berlin durchgeführt worden waren. Beteiligt waren die Kliniken für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Orthopädie, Unfallchirurgie und septisch-rekonstruktive Chirurgie, Urologie, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Neurochirurgie und Dermatologie.
In die Analyse einbezogen wurden Patienten, die zum Zeitpunkt der Operation das 18. Lebensjahr vollendet hatten und bei denen eine präoperative Blutentnahme durchgeführt wurde. Als Einschlusskriterien galten elektive Operationen (OP-Dringlichkeit: N5) sowie das Vorliegen eines vollständigen Datensatzes bezüglich der relevanten Parameter, insbesondere die Verfügbarkeit eines präoperativen Hämoglobinwertes.
Aus dem Krankenhausinformationssystem (KIS) NEXUS wurden selektiv Alter, Geschlecht, verantwortliche Fachabteilung, Eingriff (OP-Meldung) sowie der präoperative Hämoglobinwert ermittelt. Bei Vorliegen einer Anämie, entsprechend den internationalen PBM-Kriterien mit einem Hämoglobinwert < 13 g/dl für Männer und Frauen, wurden die Erythrozytenindizes zur Klassifizierung der Anämie (mikrozytär, makrozytär oder normozytär) hinzugezogen. Eine Zuordnung erfolgte, sobald einer der Parameter Mittleres Corpusculäres Volumen (MCV) oder Mittleres Corpusculäres Hämoglobin (MCH) außerhalb des Normbereichs lag. Zusätzlich wurde die Anzahl der Erythrozyten (quantitativ) zur Bestimmung des Mentzer-Index dokumentiert. Ebenso wurde der präoperative (intensiv-) stationäre Aufenthalt der Patienten erfasst. Auf die Erfassung der CRP-Werte wurde verzichtet, da diese nur bei einem geringen Anteil der Fälle vorlagen.
Die Daten wurden mittels Microsoft Excel (Microsoft Corporation, Version Excel 2405) deskriptiv ausgewertet und Häufigkeiten sowie das arithmetische Mittel tabellarisch und graphisch dargestellt.
Selbstevaluation
Ein einfaches, aber effektives Tool zur Einschätzung des Status Quo und des Optimierungspotenzials innerhalb des Hauses bietet der Selbstevaluationsbogen des Netzwerks PBM [14]. Die Untergliederung in die 5 Bündel
- Projektmanagement,
- Management der Anämie,
- Interdisziplinäre blutverlustminimierende Maßnahmen,
- optimaler Einsatz von Blutprodukten mit patientenzentrierter Indikation sowie
- PBM-bezogene Qualitätssicherung
mit insgesamt 103 Einzelmaßnahmen ermöglicht die übersichtliche Erfassung des hausinternen Stands1.
Die Bewertung jeder Einzelmaßnahme erfolgt in eine von vier Kategorien («nicht umsetzbar» und «umsetzbar» mit 3 Untergliederungen):
- Als „nicht umsetzbar“ gelten Maßnahmen, die unter keinen Umständen realisierbar sind, beispielsweise ein “Massivtransfusionsprotokoll Peripartale Blutung” in einem BwKrhs ohne geburtshilfliche Klinik.
- Als „umsetzbar“gelten Maßnahmen, wenn eine Umsetzung theoretisch möglich ist. Eine Untergliederung erfolgt nach dem tatsächlichen Grad der Umsetzung mit konsekutiver Punktevergabe. 0 Punkte werden vergeben, wenn dies auf weniger als 10 % der Fälle zutrifft, ein Punkt für eine Umsetzung in 10–50 % der Fälle oder die Maximalpunktzahl von zwei Punkten bei einer regelhaften Anwendung in > 50 % der Fälle.
Die relativen Anteile der bereits durchgeführten Maßnahmen zeigen Lücken auf und können so zur gezielten Optimierung im Bereich einzelner Säulen genutzt werden.
Ergebnisse
Bedarfsanalyse
Die retrospektive Analyse der präoperativen Hämoglobin-werte bei elektiven Operationen im Zeitraum 1. April bis 30. Juni 2024 umfasste insgesamt 885 Patienten. Davon bestand bei 202 Personen (22,8 %) ein Hb-Wert < 13 g/dl und somit eine Anämie im Sinne des PBM. Eine deskriptive Auswertung der demographischen Daten sowie des Hb-Werts ist in Tabelle 2 dargestellt.
Tab. 2: Demografische Patientendaten der Studie sowie Gruppeneinteilung entsprechend der Höhe des Hb-Werts mit a) Hb-Wert <13 g/dl, b) Hb-Wert <13 g/dl und c) Hb-Wert <13 g/dl.
Die grafische Aufarbeitung mit zusätzlicher Differenzierung der Patientinnen in eine Gruppe Hb < 12 g/dl und Hb 12–13 g/dl ist in Abbildung 1 dargestellt. Die Einteilung der Anämien in mikro-, makro- und normozytär bei Männern und Frauen ist in Abbildung 2 dargestellt.
Abb. 1: Grafische Darstellung der Eingriffe an Patienten mit einem Hb-Wert > 13 g/dl bzw. < 13 g/dl (entsprechend der PBM-Definition) sowie eine Aufschlüsselung der weiblichen Patienten mit einem Hb-Wert <12 g/dl (entsprechend der WHO-Definition) und der Gruppe mit einem Hb-Wert 12–13 g/dl.
Abb. 2: Differenzierung der präoperativen Anämien anhand des Geschlechts sowie der Erythrozytenindizes (MCH, MCV, MCHC)
Innerhalb der Gruppe mit mikrozytärer Anämie zeigte sich, wie in Tabelle 3 dargestellt, ein Anteil der Patienten mit einem Mentzer-Index < 13 von 12,24 %, der als Surrogatparameter zur Unterscheidung zwischen Eisenmangelanämie (Mentzer-Index ≥ 13) und Beta-Thalassämie gewertet werden kann.
Tab. 3: Darstellung der Differenzierung der Patientengruppe mit präoperativ bestehender mikrozytärer Anämie anhand des Mentzer-Index (Quotient aus MCV und Erythrozytenzahl)
Eine besondere Gruppe der präoperativ bereits stationären Patienten bildete das Kollektiv der Patienten mit septisch-rekonstruktiven Eingriffen. Hier stehen besonders die ukrainischen Soldaten im Fokus, die im Rahmen der multinationalen medizinischen Unterstützung der Ukraine im BwKrhs Berlin behandelt werden. Wie in Tabelle 4 abgebildet, weist diese Gruppe im Durchschnitt ein niedrigeres Alter, einen niedrigeren Hb-Wert sowie einen höheren Anteil mikrozytärer Anämien auf als das Gesamtkollektiv der Patienten mit einer präoperativen Anämie.
Tab. 4: Darstellung der Patienten mit septisch-rekonstruktiven Eingriffen gegenüber dem Gesamtkollektiv
Selbstevaluation
Die Evaluation zur Zertifizierung umfasst die oben genannten fünf Maßnahmenbündel mit insgesamt 103 Unterpunkten [14]. Die Gegebenheiten des Krankenhauses werden für jeden einzelnen Aspekt bewertet, sodass nach Abschluss der Evaluation eine Gesamtbewertung erfolgen kann. Die Evaluation bietet eine Grundlage für die Identifikation von Lücken und eine schrittweise Optimierung der Einzelmaßnahmen.
Im BwKrhs Berlin wurde im Bündel 1 „Projektmanagement” der höchste relative Umsetzungsgrad erreicht, was insbesondere durch die Festlegung dezidierter Koordinatoren im Rahmen der Gründung der interdisziplinären PBM-Kommission zu begründen ist.
Der geringste Grad der Umsetzung findet sich im Bündel 2 „Management der Anämie”, da Anämien bisher weder präoperativ noch im stationären Setting der chirurgischen Normalstationen systematisch differenziert und therapiert werden.
Das Gesamtergebnis von 35 % Umsetzung entspricht einem Bronze-Status in der Klassifikation des Netzwerks Patient Blood Management (Abbildung 3).
Abb. 3: Die Berechnung des semiquantitativen PBM-Levels (z. B. Bronze, Silber, Gold) erfolgt anhand eines Audits (aktuell noch Selbstbewertung – PBMCert2.0_Selbstevaluation), der Quantität und Qualität umgesetzten Maßnahmen berücksichtigt (Bildquelle und Text aus [14]).
Auf dem Boden der Selbstevaluation erfolgte im Rahmen der diesjährigen Transfusionskommissionssitzung die Zertifizierung durch Oberfeldarzt d. R. Prof. Dr. Dr. Kai Zacharowski, Klinischer Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie der Universitätsmedizin Frankfurt am Main sowie inhaltlicher und strategischer Begründer des Patient Blood Managements.
Diskussion
Die ersten Schritte der neu etablierten PBM-Kommission am BwKrhs Berlin umfassten eine Bedarfsanalyse mittels retrospektiver Auswertung der elektiven operativen Eingriffe des zweiten Quartals 2024 sowie die Selbstevaluation mit anschließender Zertifizierung durch das Netzwerk Patient Blood Management. Dies stellt weniger eine Formalität als ein Bekenntnis des BwKrhs Berlin zur Patientensicherheit und Ressourcenschonung durch PBM dar und signalisiert den Beginn einer kontinuierlichen Weiterentwicklung des Konzepts am Standort Berlin.
Die retrospektive Auswertung der elektiven operativen Eingriffe im Zentral-OP des BwKrhs Berlin über den Zeitraum von drei Monaten ergab bei 885 eingeschlossenen Patienten in 22,8 % der Fälle eine präoperative Anämie nach den Kriterien des PBM. Hiervon wiesen 40 % der Männer und 27 % der Frauen mikro- und makrozytäre Anämien auf, hinweisend auf einen möglichen Substratmangel.
Prävalenz
Die Ergebnisse der retrospektiven Auswertung des präoperativen Hb-Wertes entsprechen den Prävalenzen, die in der Literatur für chirurgische Patienten berichtet werden. Eine Anämie besteht bei 11–48% der chirurgischen Patienten zum Zeitpunkt des operativen Eingriffs [11]. Die häufigste Ursache für eine präoperative Anämie ist in Europa die Eisenmangelanämie [12]. Zur Analyse der Eingriffe am BwKrhs Berlin konnten lediglich die Erythrozytenindizes als Surrogatparameter für einen suspizierten Substratmangel eingesetzt werden. Bisher erfolgt keine systematische Quantifizierung der Substrate (Eisenstatus, Folsäure, Vitamin B12) durch die chirurgischen Kliniken, sodass eine direkte Analyse nicht möglich war. Die Ergebnisse der Auswertung deuten jedoch auf einen relevanten Anteil von etwa einem Drittel der Patienten mit effektiv korrigierbaren Substratmangelanämien hin [15].
Thalassämie bedenken
In der Auswertung der mikrozytären Anämien fielen mit 12,2 % überdurchschnittlich viele Patienten mit einem Mentzer-Index < 13 auf, bei denen differenzialdiagnostisch eine Thalassämie als Ursache in Erwägung gezogen werden kann. Die Prävalenz einer Thalassämie in Deutschland ist sehr gering. Etwa 300 000 Träger einer Genmutation in Deutschland leben aktuell in Deutschland, von denen der überwiegende Anteil aus einem Land mit hoher Prävalenz stammt [6]. Eine mögliche Erklärung bietet das durch die Lage des BwKrhs Berlin international geprägte Patientenkollektiv. Daten des Bezirksamts Mitte führen die Türkei und arabischsprachige Regionen als häufige Herkunftsländer von Menschen mit Migrationserfahrung/-hintergrund an, in deren Population eine höhere Prävalenz von Thalassämien besteht [4]. Dies muss bei der Therapie der mikrozytären Anämie bei entsprechenden Patientengruppen bedacht werden.
Anämie und septisch-rekonstruktive Chirurgie
Hinsichtlich des Kollektivs der septisch-rekonstruktiven Chirurgie ist die Häufung (mikrozytärer) Anämien am ehesten auf repetitive Eingriffe – teilweise mit hohem Blutverlust – und chronische Infektionen zurückzuführen. Aufgrund der langen Behandlungsdauer kommt es vermutlich durch die konstante Notwendigkeit zur gesteigerten Erythropoese zu einem stationär erworbenen Substratmangel [2]. Dies trifft vermutlich ebenso auf Patienten mit komplizierten Verläufen nach Eingriffen anderer Fachbereiche zu. Diese Fragestellung lässt sich aus den vorliegenden Daten jedoch nicht adäquat beantworten.
Sollte es in einem Landesverteidigung/Bündnisverteidigung (LV/BV)-Szenario zu einer höheren Frequenz komplexer Verwundungen kommen, sind rekonstruktive Chirurgie und Rehabilitation zentrale Aufgaben der Militärchirurgie. Die Notwendigkeit der Bluttransfusionen muss in diesem Zusammenhang auch vor dem Hintergrund des zu erwartenden Ressourcenmangels minimal gehalten werden, was unter anderem durch eine konsequente perioperative Anämietherapie zu erreichen sein könnte. Zu dieser Fragestellung werden sich weitere Untersuchungen anschließen.
Stärken und Schwächen des PBM am BwKrhs Berlin
Die Analyse des Status Quo im BwKrhs Berlin ergab Stärken im Bereich des Projektmanagements und auch in den bisher wehrmedizinisch relevanten Aspekten: Massentransfusionsprotokolle und standardisierte Abläufe zur Gerinnungsoptimierung sind etabliert und werden regelhaft genutzt.
Schwächen zeigen sich insbesondere im Bereich der Detektion und Therapie von Anämien und der blutverlustminimierenden Maßnahmen. Ein systematischer Review und eine Metaanalyse von Althoff et al. ergab, dass bereits die Umsetzung mindestens einer Maßnahme aller drei Säulen des PBM die Transfusionsrate und -menge, die Dauer des Krankenhausaufenthaltes, Komplikationsraten und Mortalität positiv beeinflussten [1].
Weitere Schritte
Die weiteren Schritte adressieren daher unter anderem folgende Punkte:
1. Screening von Anämien durch non-invasive Hb-Messung
Eine zentrale Rolle spielt die frühe Detektion der Anämien, idealerweise im Rahmen der chirurgischen Indikationssprechstunde [17]. Die Anschaffung nicht-invasiver Messgeräte, die mittels Fingerclip eine schmerzfreie und schnelle Bestimmung des Hämoglobinwerts ermöglichen, ist daher beauftragt. Im Fokus stehen hier Patienten, die einem Eingriff mit einer Transfusionswahrscheinlichkeit von > 10 % unterzogen werden. Eine entsprechende Analyse wird aktuell durch das Qualitätsmanagement des BwKrhs Berlin durchgeführt.
2. Automatisierter Anämie-Algorithmus
Als ergänzendes Instrument zur frühen Detektion der Anämien wird der vom Labor etablierte automatisierte Algorithmus zur standardisierten Anämie-Diagnostik für eine effiziente Entscheidungsfindung und rasche therapeutische Intervention angepasst und in die PBM-Prozesse integriert [14].
3. Identifizierung chirurgischer „Langlieger“ mit Anämie
Stationäre chirurgische Patienten mit langer Liegezeit, die präoperativ unter Anämien leiden oder diese im stationären Aufenthalt entwickeln, werden gezielt durch ein systematisches Screening identifiziert. So kann frühzeitig eine Therapie eingeleitet werden, um den Heilungsverlauf zu verbessern.
4. Reduktion der Monovettengröße
Zur Minimierung des Blutverlusts wird das Probenvolumen bei Blutentnahmen durch Einführung modifizierter Monovetten reduziert, was insbesondere in den High-Care-Bereichen zu einem relevanten Effekt führt [13]. Ein Austausch der Geräte des Zentrallabors ist hierzu nicht notwendig.
5. Maschinelle Autotransfusion
Der Einsatz der maschinellen Autotransfusion soll konsequenter erfolgen und die Indikation insbesondere bei Eingriffen mit einer Transfusionswahrscheinlichkeit > 10 % streng geprüft werden [9].
6. Baseline-Berechnung von Indexeingriffen
Zur Evaluation eines Effektes durch Einführung von PBM-Maßnahmen sind die Berechnung einer Baseline sowie regelmäßige Reevaluationen obligat. Hierzu erfolgt aktuell eine erweiterte Auswertung durch das Qualitätsmanagement des BwKrhs Berlin.
Fazit und Ausblick
Patient Blood Management hat in der Wehrmedizin eine besondere Bedeutung, die über die Relevanz im zivilen Gesundheitssystem hinausgeht. Eine konsequente Umsetzung der oben genannten Aspekte könnte einen zentralen Effekt auf die Patientensicherheit grundsätzlich und die Versorgungsqualität im wehrmedizinischen Kontext haben – insbesondere vor dem Hintergrund eines möglichen LV/BV-Szenarios mit Deutschland in Drehscheibenfunktion der NATO.
Die Einführung einer interdisziplinären PBM-Kommission hat die umfassende Evaluation ermöglicht und bietet eine solide Grundlage zur Implementierung weiterer Maßnahmen.
Kernaussagen
- Eine PBM-Arbeitsgruppe als zentrales Kommunikations- und Koordinierungsteam ermöglicht die effiziente interdisziplinäre Zusammenarbeit.
- Die Zertifizierung des BwKrhs Berlin durch das Netzwerk Patient Blood Management bietet die Grundlage für weitere Optimierungen der Prozesse.
- 22 % der chirurgischen Patienten am BwKrhs Berlin wiesen im betrachteten Zeitraum eine präoperative Anämie entsprechend der PBM-Definition auf.
- Die Patienten der septisch-rekonstruktiven Chirurgie stellen eine wehrmedizinisch relevante Risikogruppe hinsichtlich erworbener Anämien dar.
- Die Behandlung prä- und perioperativer Anämien zur Förderung der Blutgesundheit und Schonung von Ressourcen ist von hoher wehrmedizinischer Relevanz.
Literatur
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Manuskriptdaten
Zitierweise
Schneider K, Jersch J, Wolf L, Stephan L, Huschitt N, Benker M, Müller R, Müller N, Rüdiger T, Zacharowski K: Patient Blood Management am Bundeswehrkrankenhaus Berlin – ein interdisziplinäres Projekt. WMM 2025; 69(4): 176-183.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-443
Für die Verfasser
Oberstabsarzt Dr. Katja Schneider
Bundeswehrkrankenhaus Berlin
Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie
Scharnhorststraße 13, 10115 Berlin
E-Mail: katjaschneider@bundeswehr.org
Manuscript Data
Citation
Schneider K, Jersch J, Wolf L, Stephan L, Huschitt N, Benker M, Müller R, Müller N, Rüdiger T, Zacharowski K: [Patient Blood Management at the Military Hospital Berlin – an Interdisciplinary Project]. WMM 2025; 69(4): 176-183.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-443
For the Authors
Major (MC) Dr. Katja Schneider, MD
Bundeswehr Hospital Berlin
Department for General and Visceral Surgery
Scharnhorststraße 13, D-10115 Berlin
E-Mail: katjaschneider@bundeswehr.org
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1 Der Evaluationsbogen steht unter <https://www.patientbloodmanagement.de/wp-content/uploads/2023/11/PBMCert2.0_Selbstevaluation.pdf> zum Download zur Verfügung.