Sitzung des Arbeitskreises „Geschichte und Ethik der Wehrmedizin“ beim 56. Jahreskongress 2025 der DGWMP e. V. in Papenburg
Unter der wissenschaftlichen Leitung und Moderation von Oberstarzt Prof. Dr. Ralf Vollmuth tagte am Freitag, den 31. Oktober 2025, in Papenburg im Rahmen des 56. Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie e. V. (DGWMP) wie in jedem Jahr der Arbeitskreis „Geschichte und Ethik der Wehrmedizin“. Das Programm umfasste vier Vorträge, die im Folgenden vorgestellt werden.
Ernst Ferdinand Sauerbruch – zum 150. Geburtstag eines legendären Chirurgen
Ralf Vollmuth
Im Vortrag anlässlich des 150. Geburtstages des bekannten deutschen Chirurgen Ernst Ferdinand Sauerbruch (1875–1951) wurden die wesentlichen Stationen seines Lebens und sowohl seines wissenschaftlichen als auch chirurgischen Wirkens dargestellt und gewürdigt. Sauerbruch war in der gesamten Chirurgie sehr breit aufgestellt, jedoch begründete vor allem die Entwicklung einer Unterdruckkammer seinen Ruhm, die Operationen am offenen Brustkorb ermöglichte. Im Ersten Weltkrieg entwickelte er Operationsverfahren und Prothesen wie den berühmten „Sauerbruch-Arm“ zur Rehabilitation der Kriegsversehrten.
Eingegangen wurde ferner auf seine Positionierung und Verhaltensweisen in der Zeit des Nationalsozialismus, die sehr ambivalent gewesen sind und bis heute Fragen offenlassen.
Abb. 1: Sauerbruch als Generalarzt bei einer Visite in Belgien im Jahr 1943. (Bildquelle: Wikipedia Commons)
Ferdinand Sauerbruch war bereits zu Lebzeiten eine Legende und wurde nach seinem Tod nachgerade zum Mythos, zur Personifizierung des „Halbgottes in Weiß“ stilisiert, wozu die in seinem Todesjahr 1951 erschienenen, außerordentlich erfolgreichen Memoiren „Das war mein Leben“ sowie der gleichnamige Arztfilm aus dem Jahre 1954 in erheblichem Maße beigetragen haben.
Der Vortrag ist bereits als Aufsatz in der Wehrmedizinischen Monatsschrift (wmm 2025; 69(7–8):353–359) erschienen und u. a. unter <https://doi.org/10.48701/opus4–569> abrufbar.
Verfasser
Oberstarzt Prof. Dr. Ralf Vollmuth
E-Mail: ralf1vollmuth@bundeswehr.org
Vom Abitur zur Famulatur:
Die Kriegsoffiziers-Sanitätslaufbahn eines Medizinstudenten von 1940 bis 1945
Rudolf Haensch
Der Vortrag stellte das umfangreiche Dossier eines Sanitätssoldaten im Zweiten Weltkrieg vor: knappe, über das tägliche Geschehen kurz berichtende Tagebücher, Fotoalben und amtliche Dokumente. Diese Quellen bieten die Chance, den Weg und den Erfahrungshorizont einer Generation von jungen Reservesanitätsoffizieren durch den Zweiten Weltkrieg zu verfolgen, von denen bisher wenige umfangreichere Selbstzeugnisse vorliegen.
Abb. 2: Das Lazarettschiff Virgilio; Foto des Tagebuchautors vom 27. Oktober 1942. (© Rudolf Haensch)
Der im Dezember 1921 Geborene machte im März 1940 Abitur und begann nach dem in Belgien und Nordfrankreich abgeleisteten Arbeitsdienst (April – August 1940) das Studium der Medizin. Nach zwei Trimestern in Leipzig wurde er im April 1941 einberufen und im Herbst des Jahres als Schütze im Russlandfeldzug eingesetzt. An die Feststellung der Frontbewährung am 4./5. Dezember schloss sich ein erster Teil der Ausbildung zum Sanitätsoffizier der Reserve an. Es folgte eine zweite Einsatzperiode in Nordafrika, jetzt als Sanitätsfeldwebel und Fahnenjunker der Reserve (Mai – Oktober 1942). Eine Gelbsucht veranlasste die Rückkehr nach Europa auf dem italienischen Lazarettschiff Virgilio, dessen Rolle für den Transport deutscher Verwundeter bisher wenig beachtet wurde. Auf die Rekonvaleszenz folgten 1943/44 weitere Studien in Berlin – bis zum Physikum – und Königsberg. Die Famulatur leistete er vor allem als zum Bau des „Ostwalls“ abkommandierter Feldunterarzt ab. Dabei Anfang Oktober hinter die russische Front geraten, gelang ihm und anderen nach längerem Fußmarsch auf einem Fischerboot von der Memelmündung aus die Rückkehr. Nach kurzer weiterer Schulung war er als Angehöriger des Feldlazarettes 251 (mot.) in den verschiedenen Kesseln Ostpreußens tätig. Schließlich erreichte er mit dem Lazarett auf dem Verwundetentransporter Weserberg, dessen 1. Offizier einen sehr aufschlussreichen, bisher fast unbekannten Bericht über die Geschichte dieses Schiffes in den Jahren 1944/45 verfasst hat, Kopenhagen. Überlebte der Unterarzt selbst den Krieg ohne schwere Verwundung, so wurde sein familiäres Heim durch einen Bombenangriff zerstört und sein Vater noch nach Kriegsende durch einen Plünderer erschossen.
Verfasser
Prof. Dr. Rudolf Haensch
E-Mail: rudolf.haensch@uni-bamberg.de
Experimentelle Militärpharmaziegeschichte –
Arzneiformen aus Sanitätsparks der Wehrmacht
Bernhard Müller
In Sanitätsparks der Wehrmacht wurden ab 1935 militäreigene Fertigarzneimittel nach DAB 6 (1926) [Militärarzneibuch H.DV.183/LD.52/1] mit Wirk- und Hilfsstoffen aus der Deutschen Pharmazeutischen Industrie im industriellen Maßstab hergestellt. Untersucht wurden Salben, Tabletten und Ampullen.
Abb. 3: Geöffnete Bakelit-Dose mit Losantin-Tabletten. (Foto: Dr. Müller)
Salicylsalbe (2 %) [Fußheilsalbe] ist ohne mikrobiellen Befall. Im W.S.P. IX (Kassel-Ihringshausen) wurden offensichtlich Placebos hergestellt. Zwar ist gelbe Vaseline, aber keine Salicylsäure nachweisbar, was eine Zeitzeugin (1993) bestätigt. Im H.S.P. Berlin wurde Salicylsäure – mikroskopisch sichtbar und durch Rotfärbung nachweisbar – in weiße Vaseline abgefüllt, photometrisch werden 2,15 % nachgewiesen.
In Ampullen wurde Coffein-Natrium-Salicylat nach nasschemischer Identitätsprüfung gefunden. Die Gehaltsprüfung erfordert jedoch Transferdenken, da wässrige Wirkstofflösung nicht wasserfrei titrierbar ist (H2O H3O+, ein höherer Gehalt wird vorgetäuscht). Der „Nachbau des Ampulleninhaltes“, Gefriertrocknung und wasserfreie Titration führt zur Wiederfindungsrate von 99,98 %. In der Originalampulle sind fast 76 % des Wirkstoffgehaltes nachweisbar!
Losantintabletten werden bei Senfgaskontamination der Hautoberfläche – mit Wasser vermischt – als Suspension eingesetzt. Auf Ohren frisch geschlachteter Schweine verursacht freigesetztes Calciumhypochlorit keine Rötung oder Verätzung, aber leichte Ausbleichung der Hautoberfläche. Dies lässt vermuten, dass Losantintabletten noch oxidierende Wirkung zeigen und eine Neutralisation von Senfgas auf der Haut möglich ist.
Experimentelle Militärpharmaziegeschichte mit originalen Objekten lässt den Schluss zu: Arzneiformen gehen auch nach Jahrzehnten nicht einfach kaputt.
Verfasser
Dr. Bernhard Mülle
E-Mail: vizepraesident@dggp.de
Berlin 1945 – Medizinische Versorgung in einer belagerten Großstadt
Volker Hartmann
Die Reichshauptstadt Berlin galt aufgrund ihrer politischen und ökonomischen Bedeutung bereits zu Anfang des Zweiten Weltkrieges als luftgefährdet, auch wenn ihre Lage weit im Osten den Alliierten erst in der zweiten Kriegshälfte regelmäßige und flächenhafte Bombenangriffe erlaubte. Im Beitrag wurden zunächst die medizinische Situation in der Stadt im Jahr 1939, das verfügbare Personal und die bestehende Infrastruktur wie Krankenhäuser und Bettenzahl aufgeführt.
Es folgte ein Überblick über allgemeine Maßnahmen des Luftschutz-Sanitätsdienstes bis hin zur Planung und zum Bau von Luftschutzbunkern für die Bevölkerung. Im Zuge von Luftschutzmaßnahmen für Krankenhäuser wurden in der Innenstadt insgesamt 25 OP- und Kreißbunker gebaut, teilweise unterirdisch, später vor allem oberirdisch. Weithin bekannt geworden sind OP-Bunkersysteme in der Charité wie der sogenannte „Sauerbruch-Bunker“ in der Chirurgischen Klinik.
Als Rückgrat im Luftschutz galten drei nahezu unzerstörbare Flaktürme (vgl. Abbildung 4), in denen auch Lazaretteinrichtungen verfügbar waren. Trotzdem starben bei den Luftangriffen auf Berlin rund 60 000 Einwohner, über 3 5 % des Wohnungsbestands gingen verloren.
In der zweiten Aprilhälfte 1945 wurde Berlin von der Sowjetarmee eingekesselt. Es entwickelte sich über etwa 14 Tage ein blutiger Stadtkampf, in dem ein Feldstandortarzt versuchte, eher improvisierte und ständig zu verlegende Sanitätseinrichtungen zu steuern. Kennzeichen dieses Kampfes war ein Verwischen von militärischen und zivilen Versorgungsmöglichkeiten, bestimmende Größen ein hoher Verwundetenanfall, ausgesprochener Materialmangel und fehlende Sicherheit für Ärzte und Patienten. Nicht näher definierte Hilfslazarette, Frontlazarette oder Notlazarette in Krankenhäusern und Bunkersystemen (wie beispielsweise das Notlazarett Reichsbankbunker, das Frontlazarett Adlonbunker, der Hauptverbandplatz Tiefbunker Reichstag und das Notlazarett in der Reichskanzlei) entwickelten sich zu Brennpunkten der Sanitätsversorgung für Soldaten und die Zivilbevölkerung. Die katastrophalen Zustände während der Kämpfe, vor allem im Innenstadtbereich, endeten mit der Kapitulation Berlins am 2. Mai 1945, das Leiden der Bevölkerung ging allerdings noch einige Zeit weiter.
Verfasser
Flottenarzt a. D. Dr. Volker Hartmann
E-Mail: volker.hartmann@gmx.de