Wehrmedizinische Monatsschrift

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Editorial
Editorial
Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Blutversorgung in der Bundeswehr:​ Resilienz im Einsatz und in der Verteidigung



Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Die Entwicklung der Transfusionsmedizin im militärischen Kontext:​ Von experimentellen Ansätzen zur modernen Einsatzlogistik




Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Damage Control Resuscitation







Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Vollbluttransfusion – Status quo der Entwicklungen






Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Die Vollblut-Ausbildung im Sanitätsdienst der Bundeswehr – Konzept,​ Implementierung und Qualifikationsprofil




Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Massivtransfusion im militärischen Kontext


Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Prähospitale Transfusion im zivilen und militärischen Bereich:​ Systematische Evidenzanalyse zu lyophilisiertem Plasma,​ ­Erythrozytenkonzentraten,​ Vollblut und Fibrinogen






Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Transfusionsregister am Bundeswehrkrankenhaus Berlin zur Erfassung der Langzeitfolgen für Spender und Empfänger von Blutprodukten



Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Die Abteilung Transfusionsmedizin und Hämotherapie am BundeswehrZentralkrankenhaus Koblenz


Tagungen und Kongresse
Sitzung des Arbeitskreises „Geschichte und Ethik der Wehrmedizin“ beim 56.​ Jahreskongress 2025 der DGWMP e.​ V.​ in Papenburg

Mitteilungen der DGWMP e.​ V.​
Geburtstage Juni 2026
Editorial PDF

Editorial

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser!

„Blut ist ein ganz besondrer Saft“
(Goethe, Faust I, Vers 1740).

Wer militärische Medizin ernst nimmt, muss die Versorgung mit Blut als das begreifen, was sie ist: kein austauschbares Verbrauchsgut, sondern ein biologisches Arzneimittel mit begrenzter Haltbarkeit, hohen Qualitätsanforderungen und einer Logistik, die im Frieden anspruchsvoll und im Einsatz potenziell fragil ist. Gleichzeitig entscheidet die Verfügbarkeit von Blut und Blutprodukten bei schweren Verletzungen und Blutungen oft binnen Minuten über Leben oder Tod. Transfusionsmedizin ist damit im militärischen Kontext ein unverzichtbarer Faktor für die Einsatzbereitschaft.

Diese Ausgabe der WMM analysiert die militärische Blutversorgung entlang der gesamten Kette: von der Planung über die Bereitstellung bis hin zur klinischen Anwendung, Ausbildung und Weiterentwicklung. Im Fokus steht damit ein Bereich, der im Alltag als selbstverständlich vorausgesetzt wird, dessen Robustheit jedoch aktiv gesichert werden muss: mit klaren Konzepten, standardisierten Prozessen, Interdisziplinarität und regelmäßigem Training, und das im heimischen Krankenhaus ebenso wie im Einsatz.

Militärische Blutversorgung ist immer eine Kombination aus Medizin, Organisation und Logistik und damit eine Führungs- und Schnittstellenaufgabe. Sie steht und fällt mit der Fähigkeit, Abläufe so zu planen, dass sie unter Stressbedingungen zuverlässig funktionieren – trotz Distanzen, Transportwegen, Kühlkette, Lagerhaltung und begrenzter Ressourcen.

Zentral dafür ist transfusionsmedizinische Expertise. Die Klinik für Transfusionsmedizin des Bundeswehrzentralkrankenhauses Koblenz zeigt die dafür notwendigen Leistungen: immunhämatologische Diagnostik, Qualitätssicherung, Beratung klinischer Teams sowie verlässliche Produktbereitstellung. Transfusionsmedizin ist dabei nicht nur „Lieferant“, sondern auch aktiver Partner bei der Indikationsstellung, der Risikominimierung und der Therapieoptimierung. Die historische Einordnung verdeutlicht zudem, warum Standardisierung, Training und Anpassungsfähigkeit bis heute entscheidend bleiben.

Inhaltlich greift das Heft Schlüsselthemen auf: Vollblut als „State of the Art“ mit Indikationen und Limitationen. Entscheidend ist, Vollblut nicht als Schlagwort zu behandeln, sondern als wichtigen Baustein der hämotherapeutischen „Toolbox“ zu begreifen. Es ist das entscheidende Blutprodukt, das strukturierten Verfahren mit Verantwortlichkeiten, Qualitätssicherung und dokumentierten Prozessen unterliegt.

Behandelt werden auch Massivtransfusionsprotokolle und Damage-Control-Resuscitation, einschließlich der konsequenten Behandlung von Hypothermie, Azidose und Koa­gulopathie. Die präklinische Blutgabe, etwa in der Flugrettung, wird vorgestellt, die aber nur bei robust geregelter Indikation, korrekter Lagerung, Dokumentation und Übergabe sinnvoll ist. Patient Blood Management ergänzt dies als patientenzentriertes Konzept, um durch rationale Indi­kationsstellung, Minimierung iatrogener Blutverluste und ­Therapieoptimierung knappe Ressourcen zu schonen. Schließlich bleibt die Ausbildung zentral. Konzepte wie Vollblutprogramme im Einsatz funktionieren nur mit breit, wiederkehrenden und realitätsnah ausgerichteten Lehrgängen und Trainings.

Die Botschaft dieses Heftes ist nüchtern: Blutversorgung im Einsatz entsteht nicht „spontan“. Sie muss im Frieden so aufgebaut, geübt und weiterentwickelt werden, dass sie unter Belastung zuverlässig funktioniert. In diesem Sinn ist Blut tatsächlich ein ganz besonderer Saft – medizinisch, organisatorisch und strategisch.

Oberstarzt Dr. Diana Sauer

Flotillenarzt Dr. Jan Ammann

Oberstarzt Prof. Dr. Martin Kulla

Transfusionsmedizin und Hämotherapie PDF

Blutversorgung in der Bundeswehr:
Resilienz im Einsatz und in der Verteidigung

Blood Supply in the Bundeswehr: Resilience in Operations and Defense

Diana Sauera, Jan Ammannb

a Abteilung für Transfusionsmedizin und Hämotherapie, Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz

b Department für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerzmedizin, Bundeswehrkrankenhaus Ulm

Zusammenfassung

Die Versorgung mit Blut und Blutprodukten ist im klinischen Alltag unverzichtbar und im militärischen Kontext bei hämorrhagischem Schock ein kritischer Faktor. Sinkende Spenderzahlen, kurze Haltbarkeiten, insbesondere bei Thrombozytenkonzentraten, sowie hohe logistische Anforderungen erhöhen die Vulnerabilität. In Large-Scale-Combat-Operations steigt der Bedarf an Vollblutäquivalenten sprunghaft, während Evakuierungszeiten und Versorgungswege länger werden können.

Dieser Übersichtsbeitrag beschreibt Planungsfaktoren, die Rolle von gekühltem Vollblut und Trockenplasma im Konzept der Remote Damage Control Resuscitation sowie die Besonderheiten der Blutversorgung der Bundeswehr unter Bedingungen der Landes- und Bündnisverteidigung. Neben der Notwendigkeit einer beschleunigten Zulassung gekühlter Vollblutprodukte werden die Bedeutung zivil-militärischer Kooperation, multinationaler Interoperabilität und standardisierter Verfahren für die Gewinnung und Anwendung von Vollblut in der Area of Operation herausgearbeitet.

Schlüsselwörter: Blutversorgung, Vollblut, Trockenplasma, Transfusionsmedizin, zivil-militärische Zusammenarbeit

Summary

Blood and blood products are indispensable in clinical routine and a critical factor in military contexts involving hemorrhagic shock. Declining donor numbers, short shelf lives, particularly for platelet concentrates, and high logistical demands increase vulnerability. In Large-Scale Combat Operations, the demand for whole blood equivalents spikes, while evacuation times and supply routes may become extended.

This review outlines the planning factors, the roles of cold-stored whole blood and dried plasma in the concept of remote damage control resuscitation, and the peculiarities of blood supply within the Bundeswehr under national and alliance defense conditions. The necessity of accelerated approval for refrigerated whole blood products, the importance of civil-military cooperation, multinational interoperability, and standardized procedures for the collection and application of whole blood in the area of operation are highlighted.

Keywords: blood supply; whole blood; dried plasma; transfusion medicine; civil-military cooperation

Einleitung und Hintergrund

Die Versorgung mit Blut und Blutprodukten ist ein zentrales Element der Patientenversorgung. Insbesondere bei kritisch verletzten oder erkrankten Patienten sowie in der Versorgung chronisch kranker Patienten haben Bluttransfusionen einen hohen Stellenwert. Blut und Blutprodukte wie Erythrozyten- und Thrombozytenkonzentrate sowie Plasma und aus Letzterem gewonnene spezifische Produkte wie Gerinnungsfaktorkonzentrate oder Albumin werden kontinuierlich benötigt.

Die Bereitschaft zur Blutspende hat in Deutschland, wie in vielen anderen Ländern auch, in den letzten Jahren abgenommen, insbesondere bei jungen Spendenden. Zudem kommt es jedes Jahr wiederholt – zum Beispiel ferienbedingt in den Sommermonaten, aber auch im Rahmen von Erkältungswellen oder Feiertagen – zu Engpässen in den Depots der Blutspendedienste. Dies betrifft vor allem sehr kurz haltbare Produkte wie Thrombozytenkonzentrate mit einem Verfall nach fünf Tagen sowie Erythrozytenkonzentrate, hier vorwiegend die der universal verträglichen Blutgruppe Null.

Neben den oben erwähnten chronisch transfusionspflichtigen Patienten, insbesondere in der Hämato-Onkologie, werden Blutprodukte vor allem zur Versorgung schwerverletzter Patienten benötigt. Verbluten ist neben dem schweren Schädel-Hirn-Trauma eine der Haupttodesursachen bei Polytraumata [4], sogar die häufigste initiale Todesursache bei potenziell überlebbaren Verletzungen. Dies gilt im militärischen Kontext noch verstärkt aufgrund spezifischer Besonderheiten wie Verletzungsmuster, Evakuierungs- und Versorgungsmöglichkeiten sowie taktischer Lagen [8].

Bezüglich der Verletzungsmuster überwiegen in Deutschland nach wie vor stumpfe Traumata, z. B. durch Verkehrsunfälle oder Stürze aus großer Höhe, während in militärischen Konflikten penetrierende Verletzungen in Kombination mit Explosionsverletzungen dominieren [11]. In den letzten Jahren kommt es infolge moderner Waffentechnik und des Einsatzes von Kampfdrohnen häufiger zu thermomechanischen Kombinationsverletzungen. Auf jeden Fall ist die möglichst optimale und frühzeitige Hämotherapie als einer der Grundpfeiler der sogenannten Damage Control Resuscitation anzustreben [8]. Diese umfasst die restriktive Volumentherapie mit Kristalloiden, die Nutzung früher blutstil­lender Verfahren, die Vermeidung von Hypothermie, Azidose und Hypokalzämie sowie ggf. die permissive Hypotonie.

Blutversorgung in Einsatzszenarien

Die Auswertung des Blutbedarfs in Einsatzszenarien der letzten Jahrzehnte und der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts legte die Grundlage für die Berechnungen des NATO Blood Panels, die von einem Bedarf von acht Vollblutäquivalenten (VBÄ) bei ca. 20 % stationär zu versorgenden Verletzten ausgeht (Abbildung 1).

Abb. 1: Benötigte Vollblutäquivalente für 100 Wounded in Action (WIA), links in Form von 160 Einheiten Vollblut, rechts entsprechend mittels Komponententherapie: 160 Erythrozytenkonzentrate (EK), 160 Plasmen, 40 Thrombozytenkonzentrate (TK), dazu 40 Kryopräzipitate bzw. ca. 10 g Fibrinogenkonzentrat (Quelle: NATO Blood Panel Planning Factors, Memorandum 2022, siehe auch [6]) (Bildrechte: NATO Blood Panel)

Berücksichtigt man die zu erwartende tägliche Anzahl von Verwundeten in einer Large Scale Combat Operation (LSCO), zum Beispiel im Rahmen eines NATO-Art-5-Bündnisfalles, erkennt man schnell die Herausforderung an die ausreichende und zeitgerechte Bereitstellung entsprechender Anzahlen an VBÄ. Die nachfolgende Übersicht zeigt deutlich, warum die Versorgung im Einsatzgebiet mittels Vollblut sowohl medizinische als auch logistische Vorteile bietet:

  1. Eine Versorgung mit Thrombozytenkonzentraten (TK) ist in der Area of Operation (AOO) nur sehr eingeschränkt möglich, allenfalls unter Nutzung in Deutschland nicht zugelassener kalt gelagerter TK (Cold Stored Platelets, CSP) oder gefriergetrockneter TK (Cryopreserved Platelets). Damit fehlt bei Nutzung von Komponenten eine der wesentlichen Komponenten für die ausreichende Hämostase.
  2. Bedingt durch Herstellungsprozesse und Additivlösungen, selbst bei optimaler Ratio der Komponenten, sind das transfundierte Volumen und damit die Dilution der einzelnen Bestandteile höher (Abbildung 2).
  3. Alle verwendeten Komponenten haben unterschiedliche Lagerungs- und Transporttemperaturen sowie Haltbarkeiten, was für die Logistik Herausforderungen mit sich bringt.

Abb. 2: Vergleich der Eigenschaften einer Einheit Vollblut (gekühlt) mit Komponenten in optimaler Ratio [10][12]

Vollblut im Einsatz überlegen

Unstrittig ist, dass Vollblut in der Area of Operation aufgrund der zuvor beschriebenen Vorteile ein wichtiger Bestandteil der Versorgung von Patienten im hämorrhagischen Schock ist. Daher sollte möglichst zeitnah die Zulassung eines gekühlten Vollblutprodukts (Cold Stored Whole Blood, CSWB) auch in Deutschland ermöglicht werden, zumindest für die besonderen Bedürfnisse des Militärs. Ein entsprechendes Statement des Wehrmedizinischen Beirates (WMB) wurde bereits 2024 verabschiedet, nachdem eine Ad-hoc-Arbeitsgemeinschaft aus zivilen und militärischen Stakeholdern unter Leitung des für Transfusionsmedizin zuständigen Mitgliedes des WMB, Prof. Dr. Holger Hackstein, die Evidenz in diesem Bereich dargelegt hatte.

Beschleunigte Zulassung von Cold Stored Whole Blood?

Die in den letzten Jahren zunehmende militärische Zusammenarbeit mit zivilen Fachexperten auf dem Gebiet der Transfusionsmedizin zeigt, dass aufgrund veränderter geopolitischer Gegebenheiten ein starkes Interesse an Themen wie Resilienz und Strategien zur Blutversorgung in Katastrophen- und Krisenszenarien besteht. Insgesamt ist diesbezüglich das Verständnis für die besonderen Belange der Bundeswehr deutlich gewachsen. Erwähnenswert ist hierzu, dass die Deutsche Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie (DGTI) 2025 eine Arbeitsgruppe „Vollblut“ in ihrer Sektion Hämotherapie etabliert hat (Vorsitzende: Prof. Dr. Birgit Gathof und Oberstarzt Dr. Diana Sauer). Auf dem letzten Jahreskongress war die Bedeutung der sicheren Blutversorgung in zivilen wie militärischen Krisen Thema einer eigenen Vortragssession. Ebenfalls entstand 2025, nach Erarbeitung durch die ebenfalls zivil-militärisch besetzte Unterarbeitsgruppe „Vollblut“ des Arbeitskreises Blut des Bundesgesundheitsministeriums (Vorsitz: Dr. Ruth Offergeld), das Votum 50 des AK Blut zum Einsatz von Vollblut im Kontext militärischer Einsätze [1]. Dieses Votum empfiehlt „eine beschleunigte Zulassung“ von CSWB auch in Deutschland sowie „die Schaffung einer sofortigen Übergangslösung für militärische Einsätze… zumindest für die Bundeswehr unter Ausnutzung bestehender Ausnahmeregelungen“. Ein Beratungsgespräch hinsichtlich der Zulassung eines leukozytendepletierten Vollblutproduktes mit der zuständigen Bundesoberbehörde hat bereits seitens der Abteilung für Transfusionsmedizin und Hämotherapie des BwZKrhs Koblenz stattgefunden; die Erhebung von Qualitäts- und Stabilitätsdaten für ein Zulassungsverfahren ist zeitnah geplant.

Herausforderungen im LSCO-Szenario

Die besondere Herausforderung an die Versorgung mit Blut und Blutprodukten für ein LSCO-Szenario besteht in vielfacher Hinsicht. Erforderlich sind

  • rechtzeitige und über die Zeit hinweg kontinuierliche Gewinnung von Blutspendenden,
  • ausreichende Herstellungskapazitäten einschließlich der hierfür benötigten personellen, materiellen und infrastrukturellen Ressourcen und
  • logistische Kapazitäten für Lagerung und Transport im Inland sowie in die und innerhalb der AOO.

Forderung nach möglichst frühzeitiger und damit häufig bereits präklinischer Versorgung mit Blut im Rahmen der ressource-limited Damage Control Resuscitation (rDCR) gewinnt weiter an Bedeutung, wenn man von deutlichen Verzögerungen in der Rettungskette bis zum Erreichen einer notfallchirurgischen Versorgung im Sinne einer Damage Control Surgery (DCS) ausgeht. Dass dies im Rahmen von LSCO bedacht werden muss, zeigen Daten zu Zeitlinien aus dem Ukraine-Krieg.

Die perfekte hämotherapeutische Versorgung mit Vollblut ist selbst bei optimalen logistischen Voraussetzungen kaum möglich. Daher ist insbesondere für den prähospitalen Bereich Trockenplasma (Dried Plasma, DP) eine Möglichkeit zur Stabilisierung bis zur Versorgung mit Vollblut sowie bis zum Erreichen einer DCS-Möglichkeit. Ein entsprechendes Memorandum des NATO Blood Panels von 2022 sowie ein 2025 erstelltes Food-For-Thought-Paper zu diesem Thema, aufgegriffen in einem im Lancet erschienenen Kommentar des Blood Panels [5], stützen den Einsatz von DP im Far-Forward-Bereich und empfehlen eine Erhöhung der Produktionskapazitäten von lyophilisiertem Plasma (Freeze-Dried Plasma, FDP) sowie die Forschung an Alternativen, hier vor allem sprühgetrocknetes Plasma (Spray-Dried Plasma, SDP).

Blutversorgung als gesamtstaatliche Aufgabe

Die ausreichende Versorgung mit Blut und Blutprodukten in denkbaren militärischen Konflikten sowie in zivilen Krisen oder Katastrophen kann nur als gesamtstaatliche Aufgabe gelöst werden. Das heißt: Eine zivil-militärische Zusammenarbeit und das Abstützen der Bundeswehr auf zivile Partner sind unerlässlich. Nationale Krisenpläne sowie Pläne zur multinationalen Zusammenarbeit, z. B. innerhalb der EU, der NATO und der Partnernationen, sind dringend erforderlich und werden kontinuierlich weiterentwickelt. Ob das Inkrafttreten der neuen EU-Gesetzgebung für Substanzen menschlichen Ursprungs (Regulation (EU) 2024/1938 on Standards of Quality and Safety for Substances of Human Origin (SoHO-Regulation)) hierzu beitragen kann, muss sich noch zeigen [5]. Jedoch ist im Rahmen der Neuausrichtung der Bundeswehr die eigene, bundeswehrinterne Expertise im wehrmedizinisch zentralen Bereich der Transfusionsmedizin und Hämotherapie von erheblicher Bedeutung, einschließlich des Blutspendedienstes der Bundeswehr.

Das Konzept Blutversorgung in der Bundeswehr

Unter Federführung der Fachabteilung II Grundsatz Wehr-/Einsatzmedizin/Präklinik des Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr (KdoGesVersBw) und Mitwirkung u. a. der Fachexperten der Konsiliargruppen Transfusionsmedizin und Anästhesie/Intensivmedizin/Notfallversorgung/Schmerztherapie sowie weiterer ­Fachabteilungen des KdoGesVersBw, wie der Wehrpharmazie, entstand in den letzten Monaten ein völlig überarbeitetes Konzeptpapier zur Blutversorgung in der Bundeswehr (K1–9000/4011), das voraussichtlich in den nächsten Monaten gezeichnet und im Regelungsmanagement der Bundeswehr veröffentlicht wird. Aufgrund der veränderten geopolitischen Lage und der damit verbundenen Neuausrichtung der Bw wurde eine grund­legende Überarbeitung des bisherigen Konzepts not­wendig, insbesondere mit besonderem Fokus auf die Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV). Das Konzept legt allgemeine Grundsätze, einheitliche Begriffe sowie Besonderheiten der transfusionsmedizinischen und hämotherapeutischen Versorgung mit Blut und Blutprodukten innerhalb der Bw fest. Der notwendige fachliche bzw. rechtliche Rahmen wird dargestellt; die ­Erfordernisse der Aus-, Fort- und Weiterbildung des Personals, die infrastrukturellen Einrichtungen, die kooperierenden Institutionen sowie der Bereich der Fähigkeitsentwicklung werden festgelegt. Dies umfasst auch die logistischen Besonderheiten der Blutversorgung. Hier gilt es, die entsprechenden Kühlketten zu berücksichtigen, da die verschiedenen konfektionierten Blutprodukte unterschiedliche Anforderungen haben. Da hier nicht nur Lagerung, sondern auch Transport betroffen sind, handelt es sich um eine gesamtheitliche Aufgabe von Medizin, Logistik und Planung.

Gewinnung und Anwendung von Vollblut im ­Einsatz

Neben den herkömmlichen, in Blutspendeeinrichtungen hergestellten Produkten kommt auch in der AOO gewonnenes Vollblut zum Einsatz, wenn Regelprodukte nicht oder nicht zeitgerecht vorhanden sind. In der Bundeswehr ist dieses Verfahren der Gewinnung und Anwendung von Vollblut in einer Verfahrensanweisung, die auf einer Ausnahmegenehmigung nach § 26 Abs. 3 Transfusionsgesetz [3] in Abstimmung mit den Bundesministerien der Verteidigung (BMVg) und der Gesundheit (BMG) derzeit als sogenannte Emergency Blood Collection (EBC) zur sofortigen Verwendung nur als Ultima Ratio zugelassen. Eine Gewinnung mit der Intention der Lagerung bei Mangelsituationen im Blutdepot, also eine sogenannte Contingency Blood Collection (CBC) ist bis heute nicht zulässig. Die entsprechende Verfahrensanweisung wurde erstmalig 2022 in Abstimmung mit dem BMVg und dem BMG gezeichnet. Eine notwendige Revision wurde im letzten Jahr erarbeitet und 02/2026 im Geschäftsbereich des BMVg gezeichnet, sodass diese wahrscheinlich zeitnah in Kraft treten kann. Wichtige Neuerungen dieser Revision sind zum einen das verlängerte Zeitfenster bis zur Transfusion:

  • sechs statt bislang vier Stunden ungekühlt,
  • bis zu 24 Stunden bei Möglichkeit der Lagerung bei +2–6 °C.

Zum anderen entfällt die Bestimmung der kompletten Rhesus­formel mittels Grifols MultiCard zugunsten einer Kurz-Blutgruppe, bestehend aus AB0-System und Rhesusfaktor D.

Um die Gewinnung und Anwendung von Vollblut im Einsatz sicher und hochwertig durchführen zu können, ist eine curriculäre Ausbildung zum „Anwender Vollblutspende“ – in der Bw in unterschiedlichen Qualitätsstufen erwerbbar – notwendig.

Die Gewinnung von Blut in der AOO ist sicherlich ein relevanter und hilfreicher Baustein, kann aber die Regelversorgung mit herkömmlich hergestelltem Blut und Blutprodukten keinesfalls ersetzen, da die Spenderpopulation hierzu zu gering ist und physiologische, wenn auch geringe, Einschränkungen nach der Spende in die operationell-taktische Entscheidung einbezogen werden müssen. Voraussetzung für einen optimalen Pool potenzieller Spendender ist zusätzlich eine möglichst aktuelle, nicht mehr als 4–6 Monate vor dem Einsatz stattfindende Untersuchung auf irreguläre erythrozytäre Antikörper (Antikörpersuchtest i.R. wiederholter BG-Bestimmung) sowie eine Untersuchung auf durch Blut übertragbare Erkrankungen.

Internationale Zusammenarbeit

Sowohl in einem NATO-Art-5-Bündnisfall als auch im Rahmen der Einsätze im Internationalen Krisenmanagement (IKM) ist die multinationale Zusammenarbeit ein integraler Bestandteil. Daher ist die Einbettung nationaler in internationale Konzepte auf z. B. NATO-Ebene unerlässlich, um eine möglichst hohe Interoperabilität und Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Fachexperten aus mehr als 25 NATO-Nationen und der PIAG (Partner Interoperability Advocacy Group) erarbeiten im NATO Blood Panel daher gemeinsam Standards, z. B. das STANAG 2939 und das zugehörige Standard Related Document (SRD), und beraten fachlich das Committee of the Chiefs of Military Medical Services (COMEDS) und die Joint Health Group. STANAG (Standardization Agreement) ist ein NATO-Standardisierungsdokument, das technische Spezifikationen, Verfahren und Ausrüstung für die Streitkräfte der Mitgliedsstaaten vereinheitlicht. Aufgrund der Erkenntnisse der letzten fünf bis zehn Jahre wurde das STANAG 2939 vollständig überarbeitet, und die von der NATO NSO akzeptierte Version wird derzeit von allen Mitgliedstaaten geprüft. Ziel des STANAG ist ein Einvernehmen über Mindeststandards für Blut und Blutprodukte, um den Austausch dieser zwischen den Partnernationen im Einsatz zu ermöglichen. Auch für in der AOO gewonnenes Blut finden sich Empfehlungen in STANAG und SRD, ebenso für die Ausbildung zur Gewinnung und Anwendung von Vollblut in der AOO sowie für die Nutzen-Risiko-Abwägung verschiedener Blutprodukte und Optionen.

Fazit

Die Versorgung mit Blut und Blutprodukten ist sowohl im klinischen Alltag im Inland als auch insbesondere in militärischen Einsatzszenarien von größter Bedeutung. Auch wenn diese Versorgung immer nur in zivil-militärischer Kooperation und als gesamtstaatlicher Ansatz gelingen kann, ist eine bundeswehrinterne Fachkompetenz im wehrmedizinisch absolut zentralen Bereich der Transfusionsmedizin unerlässlich. Hierzu zählt neben klinischer Expertise in Hämotherapie und Hämostaseologie auch der Blutspendedienst der Bundeswehr. Die Mitarbeit in nationalen und internationalen Fachgremien sowie die Erarbeitung hochwertiger Versorgungsstrategien sind von immenser Bedeutung. Beispiele hierfür sind neben der Zusammenarbeit mit Kommandobehörden, der Logistik und allen Teilstreitkräften der Bw auch die Mitarbeit in zivilen Gremien wie Fachgesellschaften und dem Arbeitskreis Blut des BMG sowie in internationalen Zusammenschlüssen auf NATO- oder EU-Ebene.

Literatur

  1. Arbeitskreis Blut des Bundesministeriums für Gesundheit am RKI: Einsatz von Vollblut im Kontext militärischer Einsätze [Internet].RKI 2025.[Letzter Zugriff 19. Februar 2026]; verfügbar unter: https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Blut-und-Transfusionsmedizin/Arbeitskreis-Blut/Voten/Downloads/V50.pdf mehr lesen
  2. Bundesärztekammer. Richtlinie zur Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen und zur Anwendung von Blutprodukten (Richtlinie Hämotherapie), Gesamtnovelle 2023 [Internet].BÄK 2023.[Letzter Zugriff 19. Februar 2026]; verfügbar unter: https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Themen/Medizin_und_Ethik/Richtlinie-Haemotherapie-2023_neu2.pdf mehr lesen
  3. Bundesministerium der Justiz. Gesetz zur Regelung des Transfusionswesens (Transfusionsgesetz – TFG) [Internet]. BMJ 2023.[Letzter Zugriff 19. Februar 2026]; verfügbar unter:https://www.gesetze-im-internet.de/tfg/TFG.pdf . mehr lesen
  4. Center for Disease Control and Prevention, United States. Annual reports: Death Leading Causes for 2021 [Internet]. CDC 2024.[Letzter Zugriff 19. Februar 2026]; verfügbar unter: https://www.cdc.gov/nchs/data/nvsr/nvsr73/nvsr73-04.pdf mehr lesen
  5. European Parliament and Council. Regulation (EU) 2024/1938 of the European Parliament and of the Council of 13 June 2024 on standards of quality and safety for substances of human origin intended for human application and repealing Directives 2002/98/EC and 2004/23/ EC (Text with EEA relevance) [Internet].EU 2024.[Letzter Zugriff 19. Februar 2026]; verfügbar unter: https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2024/1938/oj (letzter Zugriff am 19.02.2026). mehr lesen
  6. Frescaline N, Beckett A, Reade MC. Call to enhance civilian and mitlitary blood preparedness. Lancet 2026;407:1053-1054. mehr lesen
  7. Gurney JM, Cap AP, Holcomb JB et al. The thin red line: blood planning factors and the enduring need for a robust military blood system to support combat operations. J Trauma Acute Care Surg 2024;97 (2S Suppl 1):S31-S36. mehr lesen
  8. Gurney JM, Spinella PC. Blood transfusion management in the severely bleeding military patient. Curr Opin Anaesthesiol 2018;31:207-214. mehr lesen
  9. Joint Trauma System. Clinical Practice Guideline (JTS CPG): Damage Control Resuscitation (DCR) in Prolonged Field Care (PFC). Publication Date 01 Oct 2018 [Internet]. JTS 2018.[Letzter Zugriff 19. Februar 2026]; verfügbar unter: https://jts.health.mil/assets/docs/cpgs/Damage_Control_Resuscitation_PFC_01_Oct_2018_ID73.pdf mehr lesen
  10. Ponschab M, Schöchl H, Gabriel C et al. Haemostatic profile of reconstituted blood in a proposed 1:1:1 ratio of packed red blood cells, platelet concentrate and four diff erent plasma preparations. Anaesthesia 2015;70:528-536 mehr lesen
  11. Remondelli MH, Remick KN, Shackelford SA et al. Casualty care implications of large-scale combat operations. J Trauma Acute Care Surg 2023;95:180-184. mehr lesen
  12. Weymouth W, Long B, Koyfman A et al. Whole Blood in Trauma: A Review for Emergency Clinicians. J Emerg Med 2019;56:491-498. mehr lesen

Manuskriptdaten

Zitierweise

Sauer D, Ammann J. Blutversorgung in der Bundeswehr: Resilienz im Einsatz und in der Verteidigung. WMM 2026;70(5):194-198.

DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-877

Für die Verfasser

Oberstarzt Dr. Diana Sauer

Abteilung für Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz

Rübenacher Str. 170, 56072 Koblenz

E-Mail: dianasauer@bundeswehr.org

Manuscript Data

Citation

Sauer D, Ammann J. Blood Supply in the Bundeswehr:

Resilience in Operations and Defense. WMM 2026;70(5E):2.

DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-878

For the Authors

Colonel (MC) Dr. Diana Sauer

Department of Transfusion Medicine und Hemotherapy

Bundeswehr Central Hospital Koblenz,

Rübenacher Str. 170, D-56072 Koblenz

E-Mail: dianasauer@bundeswehr.org

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