Die Vollblut-Ausbildung im Sanitätsdienst der Bundeswehr –
Konzept, Implementierung und Qualifikationsprofil
Whole Blood Training Program in the Bundeswehr Medical Service – Concept, Implementation, and Qualification Profile
Martin Teufela, Diana Sauerb, Christoph Jänigc, Jens Preind, Tobias Markmeyerd, Jan Ammanne
a Ausbildungs- und Simulationszentrum, Sanitätsregiment 3 Dornstadt
b Abteilung für Transfusionsmedizin, BundeswehrZentralkrankenhaus Koblenz
c Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie, BundeswehrZentralkrankenhaus Koblenz
d Kommando Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst Leer
e Department für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie, Bundeswehrkrankenhaus Ulm
Zusammenfassung
Traumatische Hämorrhagie zählt zu den führenden vermeidbaren Todesursachen im militärischen und zivilen Umfeld. Logistische Restriktionen, verlängerte Evakuierungszeiten und limitierte Infrastruktur können insbesondere in militärischen Einsatzszenarien die Verfügbarkeit komponentenbasierter Blutprodukte erheblich einschränken. Vor diesem Hintergrund gewinnt die strukturierte Anwendung von Vollblut zunehmend an Bedeutung. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr hat hierzu ein standardisiertes, interprofessionelles Ausbildungskonzept zur Vollblutspende und -transfusion im Einsatz etabliert. Ziel ist die Befähigung von ärztlichem sowie qualifiziertem nichtärztlichem Personal zur regelkonformen Gewinnung, Herstellung und Anwendung von Vollblut unter auch ressourcenlimitierten Einsatzbedingungen. Die Ausbildung ist simulationsgestützt, curricular strukturiert und konsequent in das transfusionsrechtliche Normenwerk eingebettet.
Der Beitrag beschreibt die rechtlichen Rahmenbedingungen, die Ausbildungsstruktur, die Prüfungsmodalitäten sowie die Qualifikationsanforderungen und ordnet das Konzept in den wehrmedizinischen Kontext ein.
Schlüsselwörter: Vollblut, Notfalltransfusion, militärische Medizin, Hämotherapie, Ausbildung, Transfusionsrecht, Simulationstraining
Summary
Trauma-related hemorrhage remains one of the leading preventable causes of death in both military and civilian settings. Logistical constraints, longer evacuation times, and limited infrastructure can significantly restrict the availability of component-based blood products, especially in deployed military environments. In this context, structured whole blood transfusion strategies are becoming increasingly important. The Bundeswehr Medical Service has developed a standardized, team-based training program for whole blood donation and transfusion. The program trains physicians and selected non-physician medical personnel to collect, process, and administer whole blood in operational conditions, in accordance with transfusion law. The curriculum is simulation-based, competency-oriented, and fully integrated within the regulatory framework. This article describes the legal background, training structure, exam procedures, and qualification requirements, and places the concept within the broader scope of military medicine.
Keywords: whole blood; emergency transfusion; military medicine; hemotherapy; training; transfusion law; simulation-based training
Einleitung
Die unkontrollierte Blutung bleibt eine der häufigsten vermeidbaren Todesursachen im militärischen wie zivilen Umfeld [5][10]. Eine frühzeitige Hämotherapie ist zentraler Bestandteil der Damage-Control-Resuscitation (DCR) und beeinflusst Morbidität und Mortalität maßgeblich [9].
Vollblut vereint Erythrozyten, Plasma und – je nach Herstellungsverfahren – Thrombozyten in einem physiologischen Verhältnis und gilt den aktuellen Empfehlungen zufolge als First-Line-Therapie in der taktischen Medizin [12]. Die strukturierte Anwendung von Vollblut in Deutschland gewinnt im zivilen Bereich [3][11], insbesondere aber im militärischen Kontext zunehmend an Bedeutung [7][8].
International wird die Implementierung von Vollblutprogrammen in zivilen Bereichen der Notfallmedizin aktiv vorangetrieben. Beispielhaft sind das Norwegian Blood Preparedness Project [1] sowie das Vollblutprogramm der Royal Caribbean Cruise Lines [6].
Die Durchführung von Blutspenden und Transfusionen unterliegt in Deutschland den verbindlichen Vorgaben des Transfusionsgesetzes sowie der Richtlinie zur Hämotherapie der Bundesärztekammer; dies gilt uneingeschränkt auch im militärischen Bereich.
Vor diesem Hintergrund hat der Sanitätsdienst der Bundeswehr eine standardisierte, interprofessionelle Ausbildung zur Vollblutspende und -transfusion etabliert, um Personal mit unterschiedlichen Qualifikationen zur regelkonformen Gewinnung, Herstellung, Indikationsstellung und Anwendung von Vollblut zu befähigen. Der vorliegende Beitrag beschreibt die Struktur, Inhalte und das Qualifikationsprofil dieser Ausbildung und ordnet sie in den wehrmedizinischen sowie transfusionsrechtlichen Kontext ein.
Rahmenbedingungen und rechtliche Grundlagen
Die Durchführung von Blutspenden, Transfusionen und die Anwendung von Blutprodukten sind in Deutschland umfassend gesetzlich geregelt. Auch im militärischen Kontext unterliegen die Gewinnung, Herstellung und Anwendung von Blutprodukten den zivilrechtlichen Vorgaben. Ziel dieser Rechtsnormen, Leitlinien und Vorschriften ist es, ein Höchstmaß an Sicherheit für Spenderinnen und Spender sowie für Empfängerinnen und Empfänger von Blutprodukten zu gewährleisten.
Für den Sanitätsdienst der Bundeswehr ergibt sich daraus die Verpflichtung, auch unter Einsatzbedingungen, die grundlegenden Prinzipien von Qualität, Sicherheit und Rückverfolgbarkeit einzuhalten. Die Ausbildung zur Vollblutspende und -transfusion orientiert sich daher konsequent an den anerkannten Standards der Transfusionsmedizin sowie an den daraus abgeleiteten dienstlichen Vorgaben.
Ausbildung
Überblick
Ziel der Ausbildung ist es, den Teilnehmenden das erforderliche theoretische Wissen sowie die praktischen Handlungskompetenzen zu vermitteln, um eine Notfalltransfusion beziehungsweise eine notfallmäßige Blutspende einschließlich der Herstellung einer transfusionsfähigen Vollblutkonserve sicher durchführen zu können. Darüber hinaus erhalten sie Einblicke in organisatorische und strukturelle Abläufe der Qualitätssicherung und werden in Fragen der Sicherheit von Vollblutprodukten, einschließlich relevanter infektiologischer Aspekte, geschult.
Das zentrale Merkmal des Ausbildungskonzeptes ist der interprofessionelle Ansatz. Die Befähigung zur Gewinnung und Anwendung von Vollblut in militärischen Einsätzen der Bundeswehr ist nicht ausschließlich auf ärztliches Personal beschränkt, sondern wurde unter definierten rechtlichen und fachlichen Voraussetzungen auch auf qualifiziertes nichtärztliches Fachpersonal erweitert. Dadurch soll die Verfügbarkeit von Vollblut auch unter extremen Einsatzbedingungen sichergestellt werden.
Zur Ausbildung zum „Anwender Vollblutspende“ sind grundsätzlich folgende Personengruppen zugelassen:
– ärztliches Personal,
– besonders geeignete Fachkrankenpflegerinnen und Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin,
– besonders geeignete Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter sowie
– besonders geeignete Einsatzsanitäterinnen und Einsatzsanitäter (insbesondere Combat First Responder C oder vergleichbare Qualifikationen).
Mit der Revision der Verfahrensanweisung zur Durchführung der Gewinnung und Anwendung von Vollblut bei militärischen Einsätzen der Bundeswehr im Jahr 2026 wird zusätzlich Fachkrankenpflegepersonal der Notfallpflege einbezogen.
Die Gültigkeit der Qualifikation ist zeitlich befristet und beträgt für ärztliches Personal 36 Monate sowie für alle übrigen Teilnehmenden 24 Monate.
Im Jahr 2022 fanden erste Pilottrainings zur Anwenderausbildung statt, zunächst für Spezial- und spezialisierte Kräfte der Bundeswehr. Aufbauend auf diesen Erfahrungen entwickelte die Experten-Arbeitsgruppe Vollblut am Ausbildungs- und Simulationszentrum des Sanitätsregiments 3 im Jahr 2023 die curriculare Ausbildung „Vollblutspende-Anwender“, die anschließend im Rahmen einer Pilotphase erprobt wurde. Seit 2024 ist die Ausbildung Bestandteil des offiziellen Trainingskatalogs der Bundeswehr.
Im Jahr 2025 wurde zusätzlich eine komprimierte, zweitägige Ausbildungsvariante für Fachärztinnen und Fachärzte für Anästhesiologie mit der Fortbildung zur Qualifikation als Transfusionsbeauftragte etabliert. Die Leistungsüberprüfungen entsprechen in Inhalt und Form denen der regulären Anwenderausbildung. Ergänzend kommt ein curricular eingebettetes E-Learning-Format zur Anwendung.
Bislang haben insgesamt etwa 260 Personen die reguläre Anwenderausbildung durchlaufen, vom Stabsunteroffizier bis zum Oberstarzt. Davon entfielen 27 % auf ärztliches und 73 % auf nichtärztliches Personal. Die durchschnittliche Bestehensquote lag bei knapp 87 % (n = 226). Zwölf Fachärztinnen und Fachärzte absolvierten bislang die verkürzte Ausbildungsvariante mit einer Bestehensquote von 100 %.
Die Anwender-Ausbildung
Die Ausbildung basiert auf der Theorie des erfahrungsbasierten Lernens nach Kolb [2] und ist konsequent simulationsgestützt konzipiert. Ziel ist die Entwicklung von Handlungssicherheit unter realitätsnahen Bedingungen.
Ergänzend wurde ein E-Learning-Modul auf Basis von Moodle über die Plattform „link&learn“ implementiert. Durch die Bereitstellung von Unterrichtsmaterialien, vertiefender Literatur sowie Lehrvideos konnte insbesondere das theoretische Grundlagenverständnis der nichtärztlichen Teilnehmenden verbessert werden. Die vorbereitende Lernphase schließt mit einem obligatorischen Online-Pre-Test ab. Das Ergebnis ist keine formale Teilnahmevoraussetzung, ermöglicht jedoch eine differenzierte Lerngruppenanalyse sowie eine gezielte Anpassung der Präsenzlehre.
Die einwöchige Präsenzphase umfasst 16 Unterrichtseinheiten zu theoretischen Inhalten sowie 15 Unterrichtseinheiten praktischer Ausbildung in Kleingruppen. Den Abschluss bildet eine Einzelprüfung vor einer Prüfkommission mit schriftlichen, praktischen und mündlichen Anteilen. Der zeitliche Gesamtumfang beträgt etwa zwei bis zweieinhalb Stunden pro Teilnehmer.
Theoretische Ausbildungsinhalte
Die theoretische Unterrichtung umfasst unter anderem:
• Physiologie der Hämorrhagie und des Schocks einschließlich Grundlagen der Hämostase und Gerinnungsdiagnostik,
• Blutprodukte und gerinnungsmodulierende Medikamente sowie Konzepte der Massivtransfusion,
• Immunhämatologie einschließlich Blutgruppeneigenschaften (ABO, Rhesus, Kell), Blutgruppenbestimmung und klinisch-chemischer Diagnostikverfahren einschließlich Probenversand und -transport,
• transfusionsrelevante Infektiologie einschließlich Diagnostikverfahren, Risikobewertung, Transfusionsreaktionen und Management unerwünschter Ereignisse,
• algorithmusbasierte Indikationsstellung von (Massiv-)Transfusionen,
• Spenderauswahl und leitliniengerechte Durchführung der Blutspende einschließlich Leistungsfähigkeit nach Spende,
• Dokumentation auf Spender- und Empfängerseite,
• rechtliche Grundlagen einschließlich einschlägiger Leitlinien, Empfehlungen und Dokumentationsanforderungen sowie
• Logistik und sachgerechter Umgang mit Blutprodukten (komponentenbasierte Produkte und Vollblut).
Die theoretische Ausbildung beginnt mit der E-Learning-Phase, die anschließende Präsenzlehre erfolgt im geschlossenen Hörsaalrahmen. Die praktische Ausbildung ist inhaltlich eng mit den theoretischen Modulen verzahnt und nimmt im Verlauf des Kurses kontinuierlich zu. Ab dem dritten Ausbildungstag steht die szenariobasierte Durchführung des gesamten Ablaufs – von der Indikationsstellung bis zur Transfusion – im Mittelpunkt.
Die praktische Ausbildung erfolgt in Kleingruppen von drei bis vier Soldaten, jeweils begleitet von einem Instruktor. Das Instruktorenverhältnis beträgt jeweils ein ärztlicher und ein nichtärztlicher Instruktor pro sechs Teilnehmende (Abbildung 1).
Abb. 1: Deutscher Soldat bei der Durchführung der Vollblutspende im Rahmen der Ausbildung, hier beim Beginn der Leukozyten-Depletion nach der Blutabnahme (Quelle: Mediendatenbank der Bundeswehr)
Praktische Ausbildungsinhalte
Die praktische Ausbildung umfasst folgende Schritte:
• Indikationsstellung anhand des vorliegenden Algorithmus,
• Empfängerseitige Bestimmung der ABO-, Rhesus- und Kell-Blutgruppe einschließlich der Anwendung von marktverfügbaren Bedside-Tests,
• Darauf aufbauende Spenderauswahl, Spenderanamnese, Aufklärung und Bewertung bzw. Feststellung der Tauglichkeit zur Blutspende einschließlich einer Priorisierung von Spendern bei MANV-Lagen,
• Durchführung der Vollblutspende einschl. Gewinnung von Rückstellproben,
• Diagnostik auf HIV, Hepatitis B und C sowie Syphilis, inkl. Durchführung Schnelltest-basierter Infektionsserologie als Point-of-Care-Diagnostik hierfür,
• Spenderseitige Bestimmung der ABO-, Rhesus- und Kell-Blutgruppe einschließlich der Anwendung von marktverfügbaren Bedside-Tests, und
• Leukozytendepletion und Herstellung / Beschriftung des endgültigen Transfusionsproduktes einschl. empfänger- und spenderseitiger Dokumentation sowie
•Transfusion des fertigen Vollblutprodukts unter Blutgruppenbestätigung.
Eine Punktion an Teilnehmenden erfolgt ausschließlich freiwillig. Die maximale Spendenmenge ist auf 150 ml pro Person begrenzt. Eine autologe Retransfusion wird nicht durchgeführt. Die Ausbildung findet an derzeit gerüsteten Blutspendesystemen statt (Abbildung 2).
Abb. 2: Materialübersicht der Vollblutspende mit Spender-, Empfänger- und Testkomponenten sowie dem vorbereiteten System inklusive Punktionssimulator und Kunsthaut (Quelle Bundeswehr, A. Schmidt)
Simulation und Szenarioausbildung
Die Ausbildung erfolgt mit vorbereiteten Blutspendesystemen. Das Füllgewicht wird mittels Federwaage kontinuierlich kontrolliert (Sollwert: 475 g ± 10 %), um eine realitätsnahe Produktqualität abzubilden.
Im Rahmen der simulationsbasierten Ausbildung und Prüfung gilt es, neben einer möglichst realistischen Punktionsmöglichkeit sowohl die Flussgeschwindigkeit der Blutspende als auch die Dauer der Filtration (Leukozytendepletion) zu variieren bzw. realitätsgetreu beeinflussen zu können. Eine realistische Darstellung der Punktionsstelle am lebenden Menschen ist erfahrungsgemäß wichtig, jedoch herausfordernd. Die Verwendung großlumiger Spendenadeln schränkt die Nutzbarkeit von i.v.-Skilltrainern stark ein, da diese nach der Punktion nicht mehr abdichten und daher nur einmal verwendet werden können. Durch die Nutzung üblicher Querschnittsartikel sowie von anfallendem Restmaterial konnte ein günstiger, sicherer Punktionssimulator entwickelt werden, der durch die Kombination mit selbsthergestellter Kunsthaut eine kostengünstige, realitätsnahe Simulationsmöglichkeit bietet. Durch die Verwendung von PEG-Beuteln als Kunstblutvorrat kann jede Spendemenge und -dauer realitätsgetreu und mit handelsüblich verfügbaren Artikeln dargestellt werden. Durch die Entwicklung von Kunstblut-Rezepturen, basierend auf marktverfügbaren Produkten wird das temperatur- bzw. umgebungsabhängige Verhalten von Blut während der Leukozytendepletion realitätsnah nachgeahmt, sodass Filtrationsintervalle von 12 bis 25 Minuten zuverlässig dargestellt werden können.
So werden die Teilnehmenden am 3. Tag der Ausbildung nahezu ausschließlich in der praktischen Durchführung der ganzheitlichen Handlung, von der Indikationsstellung über die Spenderauswahl und -untersuchung bis hin zur -aufklärung, zur Vollblutspende und schließlich dem Beginn der Transfusion ausgebildet. Nach der Ausbildung in den Einzelschritten beziehungsweise in „cleaner Umgebung“ in Lehrräumen unter leichten Bedingungen in den beiden Vortagen, erfolgt der 3. Ausbildungstag unter realitätsnahen Bedingungen. Dabei erfolgt die Ausbildung in vollständigem Gefechtsanzug und grundsätzlich in Außenbereichen. Ziel ist es, ab dem Erstkontakt mit dem Spender binnen 45 Minuten transfusionsbereit zu sein. Hier werden 12 Teilnehmende von 4 Instruktoren ausgebildet und bewertet.
Prüfungsmodalitäten
Die Auswertung der Ausbildung erfolgt analog zur praktischen Prüfung anhand eines standardisierten Prüfbogens, der sämtliche Einzeltätigkeiten der ganzheitlichen Handlung in 30 Schritten umfasst.
Fehler werden in drei Kategorien eingeteilt:
– rot: unmittelbar lebensgefährdend (z. B. major-inkompatible Transfusion),
– gelb: mittelbar gefährdend, jedoch nicht unmittelbar vital bedrohlich,
– grün: Fehler von geringer Relevanz.
Je vier Fehler einer Kategorie entsprechen einem Fehler der nächsthöheren Kategorie.
Am darauffolgenden Ausbildungstag absolvieren die Teilnehmenden die Einzelprüfungen. Die Prüfung stellt einen wichtigen Baustein der Ausbildung dar, um damit die zu fordernde hohe Güte der Fähigkeit der zukünftigen Anwender zu sichern und nachzuweisen. Die Prüfungen werden schriftlich, mündlich und praktisch vor einer Prüfkommission abgelegt. Diese besteht aus zwei gleichberechtigten Prüfern, je einem ärztlichen und einem nichtärztlichen Instruktor. Im Fall, dass unter den Prüfern keine Einigung in der Bewertung erzielt werden konnte, muss die praktische Prüfung vor 3 Prüfern wiederholt werden. Dieser Fall ist bislang noch nie eingetreten.
Die schriftliche Prüfung dauert 60 Minuten und umfasst 40 Multiple-Choice-Fragen mit einer Bestehensgrenze von 75 %. Anschließend erfolgt die praktische Prüfung mit derselben Zeitvorgabe von 45 Minuten, von Spenderkontakt bis zur Transfusionsbereitschaft. Ab einem roten Fehler gilt die Prüfung als nicht bestanden. Als letzter Prüfungsabschnitt wird die mündliche Prüfung direkt im Anschluss an die praktische absolviert. Hier bekommen Teilnehmende 25 Fragen aus verschiedenen Themengebieten des Kurses gestellt, der Zeitumfang der Prüfung beträgt ca. 30 Minuten. Es gelten die gleichen Bewertungsgrenzen wie im schriftlichen Prüfungsabschnitt. Die Bewertung erfolgt abgestuft in Schulnoten 1–6; für das Bestehen ist ein Notenschnitt von mindestens 4,49 erforderlich. Dabei kann die schriftliche Note die mündliche ausgleichen und umgekehrt. Die praktische Prüfung ist ein Sperrfach, d. h. das Ergebnis muss zum Bestehen mindestens 4 betragen. Bei sehr guten Prüfergebnissen wird ein Instruktoren-Potential (IP) ausgesprochen, was Teilnehmende grundsätzlich für eine weiterführende Ausbildung zum Instruktor auszeichnet bzw. dafür benötigt wird. Zum Instruktor-Potential darf keine der drei Teilnoten schlechter als 2 sein, das Gesamtergebnis muss 90 % oder besser sein. Das IP muss hier durch beide Prüfer bestätigt werden und legt den Schwerpunkt auf eine fachlich sichere Beantwortung beziehungsweise auf ein erkennbares tiefes fachliches Verständnis in den erfragten Gebieten (Abbildung 3).
Abb. 3: Neuer Algorithmus zur Vollblutspende als Taschenkarte (Quelle: Bundeswehr, Verfahrensanweisung Vollblut)
Der Lernfortschritt der Teilnehmenden lässt sich anhand der Ergebnisse des Pre-Tests und der Abschlussprüfung (n = 266) objektiv messen. Die Leistungsentwicklung entspricht der subjektiven Zufriedenheit der Teilnehmenden.
Für Fachärztinnen und -ärzte für Anästhesiologie mit absolvierter Weiterbildung zum Transfusionsbeauftragten (Fachkunde Transfusionsmedizin) kann seit 2025 ein verkürztes Ausbildungsformat mit einem Gesamtumfang von 2 Tagen angeboten werden. So wird Schlüsselpersonal mit hoher Routine und Expertise weniger durch Abwesenheiten belastet. Teilnehmende erhalten denselben Zugang zum self-paced E-Learning; in Verbindung mit dem hohen Ausbildungsstand wird der theoretische Ausbildungsanteil auf das notwendigste Minimum von zwei Unterrichtseinheiten zugunsten der praktischen Ausbildung reduziert. Um zusätzlich das Maximum an praktischer Ausbildungszeit zu erhalten, erfolgt die Prüfung durch 3 Prüfkommissionen und 6 Teilnehmende. Dadurch und durch die Parallelisierung der schriftlichen mit den praktisch-mündlichen Anteilen in zwei Prüfgruppen kann der Gesamtzeitanteil der Prüfung auf 3 Stunden begrenzt werden. Die Modalitäten der Abschlussprüfung sind identisch zur regulären Anwenderausbildung.
Instruktoren-Ausbildung
Trotz der Herausforderungen durch die SARS-CoV-2-Pandemie begann nach einer Pilotphase 2021 eine einwöchige Instruktorenausbildung durch die Expertenarbeitsgruppe Vollblut am BwKrhs Berlin. Im Zuge der Anwenderausbildung und der neuen Ausbildungsschwerpunkte wurde 2023 die bisherige Instruktorenausbildung an das Ausbildungs- und Simulationszentrum des Sanitätsregiments 3 alloziert, strukturell und inhaltlich angepasst und dort weitergeführt.
Die Instruktorenausbildung besteht, analog zu international validierten Trainingsformaten, aus den Modulen 1 „Preparation Course“ und 2 „Mentoring“.
Modul 1 „Preparation Course“ umfasst eine Ausbildungswoche und behandelt Planung, Organisation und Durchführung der Anwenderausbildung, Ausbildungsinhalte, Lehrmeinungen sowie Vorgaben für eine einheitliche, standardisierte Ausbildung. Obligatorisch sind Lehrproben sowie eine intensive praktische Ausbildung mit Fokus auf Vermittlung, Prüfung, didaktische Kompetenz, Teamführung sowie Evaluation und Weiterentwicklung. Den Abschluss bildet eine ganzheitliche Bewertung; eine formale Prüfung ist nicht vorgesehen.
Modul 2 „Mentoring“ folgt innerhalb von höchstens sechs Monaten nach Modul 1 und dauert ebenfalls eine Woche. Unter Aufsicht erfahrener Instruktoren am Ausb-/SimZ SanRgt 3 führen die Kandidatinnen und Kandidaten mindestens einen Lehrgang „Vollblutspende Anwender“ eigenverantwortlich durch. Auch hier erfolgt keine Abschlussprüfung, sondern eine ganzheitliche Bewertung.
Die Qualifikation zum Instruktor für Vollblutspende setzt das Absolvieren beider Module voraus. Sie ist für ärztliches und nichtärztliches Personal gleichermaßen 24 Monate gültig. Die Lehrbefähigung wird durch aktive Instruktorentätigkeit aufrechterhalten, innerhalb von 24 Monaten müssen mindestens zwei reguläre Anwenderlehrgänge begleitet werden. Die Aufrechterhaltung der Qualifikation erfolgt durch die Verlängerung der Anwenderqualifikation.
Fazit
Die Implementierung eines strukturierten Vollblutprogramms adressiert die zeitkritische Behandlung lebensbedrohlicher Blutungen unter logistisch eingeschränkten Bedingungen. Der interprofessionelle Ansatz erweitert die Handlungsmöglichkeiten erheblich, ohne regulatorische Sicherheitsstandards zu kompromittieren.
Das vorgestellte Konzept verbindet operative Flexibilität mit transfusionsrechtlicher Sicherheit und stellt ein strukturiertes, qualitätsgesichertes Modell für den militärischen Einsatz dar. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr ist national die einzige Institution [4], die diese Fähigkeit abbildet und vermittelt. Hieraus ergeben sich perspektivisch Möglichkeiten für eine weiterführende internationale sowie zivil-militärische Zusammenarbeit im Rahmen der Militär- und Katastrophenmedizin.
Kernaussagen
- Die traumatische Hämorrhagie ist eine der führenden vermeidbaren Todesursachen im militärischen Einsatz.
- Vollblut ermöglicht eine logistisch robuste Notfalltransfusion, auch unter ressourcenlimitierten Bedingungen.
- Die Ausbildung ist interprofessionell, simulationsbasiert und konsequent in die transfusionsrechtlichen Vorgaben eingebettet.
- Ärztliches und nichtärztliches Fachpersonal wird strukturiert und qualitätsgesichert zur Anwendung befähigt.
- Das Konzept vereint regulatorische Sicherheit mit operativer Handlungsfähigkeit.
Literatur
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Erklärung zum Interessenkonflikt:
Die Verfasser erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Vorgaben des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
Manuskriptdaten
Zitierweise
TeufelM, SauerD, JänigC, PreinC, MarkmeyerT, Ammann J. Die Vollblut-Ausbildung im Sanitätsdienst der Bundeswehr – Konzept, Implementierung und Qualifikationsprofil. WMM 2026;70(5):221-226.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-881
Für die Verfasser
Oberfeldarzt Martin Teufel
Ausbildungs- und Simulationszentrum, Sanitätsregiment 3
Auf dem Lerchenfeld 1, 89160 Dornstadt
E-Mail: martinteufel@bundeswehr.org
Manuscript Data
Citation
Teufel M, Sauer D, Jänig C, Prein C, Markmeyer T, Ammann J. Whole Blood Training Program in the Bundeswehr Medical Service – Concept, Implementation, and Qualification Profile. WMM 2026;70(5E):6.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-882
For the Authors
Lieutenant Colonel (MC) Martin TEUFEL
Training and Simulation Center Sanitätsregiment 3
Auf dem Lerchenfeld 1, D-89160 Dornstadt
E-Mail: martinteufel@bundeswehr.org
Massivtransfusion im militärischen Kontext1
Massive Transfusion in a Military Setting
Sascha Hashemiana, Jan Ammanna
1Genderhinweis: Zur besseren Lesbarkeit wird in diesem Artikel das generische Maskulinum verwendet. Die in der Arbeit verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich – sofern nicht anders gekennzeichnet – auf alle Geschlechter.
a Department Anaesthesiologie, Intensiv-, Notfal- und Schmerzmedizin, Bundeswehrkrankenhaus Ulm
Zusammenfassung
Die Massivtransfusion ist eine der wichtigsten stabilisierenden Maßnahmen bei einem kritisch blutenden Traumapatienten und definiert sich durch einen hohen Blutproduktverbrauch in kurzer Zeit. Zur Koordinierung einer Massivtransfusion sind sogenannte Massivtransfusionsprotokolle weit verbreitet, welche als krankenhausspezifische Standard Operating Procedures (SOP) neben einer Verbesserung der medizinischen Behandlung und der Logistik eine Entlastung für Behandlungsteams bedeuten. Aus diesen Vorteilen ergeben sich auch Möglichkeiten für den militärischen Kontext.
Dieser Artikel zeigt Besonderheiten und Hürden der Massivtransfusion im militärischen Kontext sowie die Vorteile der Etablierung von Massivtransfusionsprotokollen auf.
Schlüsselwörter: Massivtransfusion, Massivtransfusionsprotokoll (MTP), Transfusion im militärischen Kontext, Blutproduktlogistik
Summary
Massive transfusion is a crucial stabilizing measure for severely bleeding trauma patients, characterized by rapid and high blood product use. To manage this effectively, so-called massive transfusion protocols are widely adopted. These hospital-specific Standard Operating Procedures (SOPs) enhance medical care and logistics while reducing the workload on treatment teams. These benefits also offer opportunities in military settings. This article discusses the unique aspects and challenges of massive transfusion in a military context, as well as the advantages of implementing massive transfusion protocols.
Keywords: massive transfusion; massive transfusion protocol (MTP); transfusion in a military context; blood product logistics
Einleitung
Das Versterben aufgrund einer Hämorrhagie ist auf dem Gefechtsfeld die häufigste potenziell überlebensfähige Todesursache. Schwerpunkt der militärischen sanitätsdienstlichen Ausbildung ist daher seit langem die Blutstillung. Schafft es ein Verwundeter mit Hämorrhagie in eine Einrichtung der verschiedenen Behandlungsebenen, ist eines der ersten Ziele die Damage Control Resuscitation (siehe hierzu auch den Beitrag „Damage Control Resuscitation“ in diesem Heft). Dabei ist mittlerweile bekannt, dass von einer aggressiven Flüssigkeitstherapie mit Kristalloiden aufgrund des Verdünnungseffekts von Gerinnungsfaktoren, einer entstehenden Azidose, des Reduzierens der Körperkerntemperatur und des möglichen Verstärkens einer aktiven Blutung durch eine zusätzliche Erhöhung des arteriellen und venösen Drucks abgesehen werden sollte [4]. Bei einem aktiv blutenden, kreislaufinstabilen Patienten sollte stattdessen die rechtzeitige Gabe von Blutprodukten erfolgen und bei entsprechender Blutungsschwere auf ein Massivtransfusionsprotokoll (MTP) zurückgegriffen werden. Dieser Artikel soll die Besonderheiten einer Massivtransfusion sowie die Möglichkeiten der Umsetzung eines MTP im militärischen Kontext darstellen.
Das Massivtransfusionsprotokoll
Von einer Massivtransfusion spricht man bei einer Transfusion von 10 oder mehr Erythrozytenkonzentraten (EK) innerhalb von 24h oder von 4 oder mehr EK innerhalb von 6 h. Ein Massivtransfusionsprotokoll (MTP) ist ein standardisierter krankenhausspezifischer Prozess, der die schnelle Bereitstellung verschiedener Blutprodukte koordiniert. MTP sind in der zivilen Versorgung von Traumapatienten verbreitet, gelten als Standard und werden in verschiedenen Leitlinien empfohlen [2]. Ziel eines MTP ist einerseits der Ersatz des Blutverlusts durch verschiedene Konzentrate, die der physiologischen Zusammensetzung des Blutes entsprechen sollen, andererseits die Gerinnungstherapie.
Geeignete Kriterien zur Initiierung eines MTP sind Verletzungen mit einem erwartbaren relevanten Blutverlust (die Hälfte des zirkulierenden Blutvolumens oder eine fortschreitende Blutung), Laktat ≥5 mmol/l, systolischer Blutdruck ≤90mmHg, Herzfrequenz ≥105/min sowie eine Organdysfunktion. Abbildung 1 zeigt schematisch einen möglichen Indikationsalgorithmus.
Abb. 1: Darstellung eines möglichen Indikationsalgorithmus für ein Massivtransfusionsprotokoll
Ein MTP definiert zu Beginn diefür die Hämostase notwendigen Grundbedingungen: Normothermie, pH > 7,2 und ionisiertes Ca2+ > 0,9 mmol/L. Diese sind abgeleitet aus der „letalen Trias“ des Traumas mit Hypothermie, Azidose und Koagulopathie, in neueren Publikationen um die Hypokalziämie als „letaler Diamant“ ergänzt [6].
Der Ablauf des MTP wird im weiteren Verlauf typischerweise in Blöcke unterteilt. Gängig ist im ersten Behandlungsblock die Transfusion von 4 Einheiten Erythrozytenkonzentrat (EK), 4 Einheiten Plasma (FFP) und 1 Einheit Thrombozytenkonzentrat (TK) sowie die zusätzliche Gabe von Gerinnungsprodukten wie Fibrinogen, Tranexamsäure und Calcium. Zusätzliche Maßnahmen wie Kreuzblutproben von weiteren EK, die Abnahme eines traumatologischen Standardlabors und die POC-(Point of Care)-Diagnostik sollten frühzeitig erfolgen. Zur POC-Diagnostik zählen die venöse oder arterielle Blutgasanalyse sowie viskoelastische Testverfahren wie die Thrombelastographie.
In den folgenden Blöcken des MTP erfolgt die Transfusion weiterer Blutprodukte im gleichen Verhältnis (4:4:1), die Gabe von Calcium und Fibrinogen kann hierbei weiterhin standardisiert erfolgen, sollte aber auch in der Bewertung der POC-Diagnostik erfolgen. Im Verlauf eines MTP kann zusätzlich auf die Gabe von Prothrombinkonzentrat (PPSB), Faktor XIII, Faktor VII sowie Desmopressin zurückgegriffen werden. Bei Patienten unter Antikoagulation können diese durch geeignete Antidote oder Gerinnungspräparate antagonisiert werden. Krankenhausspezifische Unterschiede führen aufgrund logistischer Hürden bei der Bereitstellung von TK häufig zu Abweichungen vom theoretischen Schema, die die erste Gabe eines TK verzögern. Dieses wird in den entsprechenden MTP dann im zweiten oder dritten Block nachgeholt, sodass das Verhältnis 4:4:1 wiederhergestellt wird.
MTP sorgen aufgrund logistischer Vorbereitungen und verbesserter interdisziplinärer Kommunikation für eine schnellere und strukturierte Bereitstellung von Blutprodukten [7]. Dies führt auch zu einer Reduktion des Zeitverlustes bis zur ersten Transfusion und ist damit ein Faktor zur direkten Verbesserung der Versorgung von Traumapatienten. Eine Metaanalyse zeigte, dass die Implementierung eines MTP zu einer statistisch und klinisch relevanten Reduktion der Gesamtmortalität bei Traumapatienten führt [3]. Entgegen einigen Annahmen führen MTP nicht zu einem höheren Verbrauch von Blutprodukten, sondern sogar zu einem geringeren [8].
MTP im militärischen Kontext
Die Vorteile zeigen, dass MTP nicht nur in der zivilen Traumaversorgung wichtig sind, sondern auch Verletzte in einem militärischen Kontext von deren Einführung profitieren könnten. Insbesondere durch die Entlastung des Behandlungsteams durch strukturierte Transfusionsabläufe und die frühe Stabilisierung der Verwundeten könnten hier die Versorgungszeiten verkürzt werden, um die Verwundeten schneller der notwendigen chirurgischen Versorgung zuzuführen.
Aufgrund unserer taktisch-medizinischen Grundsätze und der logistischen Schwierigkeiten ist ein MTP erst für die Behandlungsebenen der Rolle 2 und höher geeignet. Eingeschränkt wird ein MTP im militärischen Kontext auch durch die geringeren Bestände an Blutprodukten. Insbesondere bei hohem Verwundetenaufkommen kann eine Massivtransfusion bei einem einzelnen Verwundeten zu einem so hohen Verbrauch führen, dass die Versorgung der weiteren Verwundeten stark beeinträchtigt wird. Hier muss bei einem Massenanfall im Rahmen der Priorisierung auch der Einsatz von Blutprodukten und eines MTP kritisch hinterfragt werden, um Individualmedizin auf Kosten anderer Verwundeter zu vermeiden. Des Weiteren sind Lagerung und Transport von EK, FFP und TK aufgrund unterschiedlicher Temperaturanforderungen und Lagerbedingungen eine Herausforderung, sodass Vollblut hier geeigneter erscheint.
Massivtransfusion von Vollblut
Die Transfusion von Vollblut ist ein aktuelles Hauptthema der militärischen Transfusionsmedizin. Neben den bekannten Vorteilen des Vollbluts ist die Einführung von Vollbluttransfusionen von großer Bedeutung im Kontext der Massivtransfusion und der Implementierung von MTP. Auf physiologischer Ebene würde die Massivtransfusion von Vollblut gegenüber der von Blutproduktkonzentraten näher an den tatsächlich durch den Blutverlust zu ersetzenden Blutbestandteilen orientiert sein. Vollblut zeigt sich gegenüber den verschiedenen Konzentraten hinsichtlich der Gerinnung und der Aktivität der Gerinnungsfaktoren überlegen [9].
Auch die herstellungsbedingte additive Lösung von Vollblut unterscheidet sich in Art und Menge gegenüber den Additiva von EK, FFP und TK. Vollblut enthält ca. 70ml einer unter anderem citrathaltigen additiven Lösung. EK enthalten 100–120ml Citrat, TK 100–150ml und FFP kein Volumen, dafür aber ebenfalls Citrat [1][5]. Ein Vollblutäquivalent der verschiedenen Konzentrate im Verhältnis 1:1:0,25 enthält somit die doppelte Menge additiver Lösung mit einem höheren Anteil Citrat. Dadurch entstehen in der Massivtransfusion von Konzentraten eine stärkere Dilution und eine stärkere Chelatbildung von Calcium aufgrund der höheren Citratkonzentration [9].
Ein weiterer Vorteil sind die einfacheren Lagerbedingungen. Während EK gekühlt, FFP gefroren und TK bei Raumtemperatur unter ständiger Bewegung gelagert werden müssen, muss Vollblut lediglich gekühlt gelagert werden. Dies reduziert die technischen und logistischen Anforderungen für eine Behandlungseinrichtung und deren Versorgung. Einschränkungen der Verwendung von Vollblut sind neben der bisher noch nicht weit verbreiteten Umsetzung und der dadurch fehlenden breiten Anwendung die kürzere Haltbarkeit des Vollblutpräparats gegenüber Plasmaprodukten, z. B. gegenüber FFP oder lyophilisiertem Plasma [10].
In der praktischen Anwendung von Vollblut wird das medizinische Behandlungsteam durch die geringere Anzahl an benötigten Transfusionsbeuteln zusätzlich entlastet. Das Verwenden von Vollblut führt daher zu besserer Compliance und zu einem schnelleren Ablauf des MTP. Abbildung 2 zeigt den schematischen Ablauf eines MTPs mit konfektionierten Blutprodukten im Vergleich zu Vollblut.
Abb. 2: Schematische Darstellung zweier MTPs für konfektionierte Blutprodukte (links) und Vollblut (rechts)
* Anpassung nach Klinik und Laborchemie notwendig
Fazit
Eine Massivtransfusion ist im militärischen Kontext unter Bedingungen begrenzter personeller und materieller Ressourcen in hochdynamischen und schwer zu koordinierenden Lagen eine besondere Herausforderung. Massivtransfusionsprotokolle haben sich in der Versorgung ziviler Traumapatienten bewährt und könnten im militärischen Kontext, insbesondere durch den Einsatz von Vollblut, zu einer Verbesserung der medizinischen Versorgung sowie zu einer Entlastung von sanitätsdienstlichem Personal beitragen.
Kernaussagen
- Massivtransfusionen stellen im militärischen Kontext eine besondere Herausforderung dar.
- MTP sind ein bewährter Standard der zivilen Notfall- und Akutmedizin.
- MTP bieten Handlungssicherheit bei Massivtransfusionen und bedeuten daher eine Entlastung für das medizinische Personal.
- Im militärischen Kontext kann durch die Etablierung eines MTP profitiert werden.
- Der Einsatz von Vollblut vereinfacht die Durchführung von Massivtransfusionen und MTP.
Literatur
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Manuskriptdaten
Zitierweise
HashemianS, Ammann J. Massivtransfusion im militärischen Kontext. WMM 2026;70(5):227-230.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-869
Für die Verfasser
Stabsarzt Dr. Sascha Hashemian
Department Anaesthesiologie, Intensiv-, Notfall- und Schmerzmedizin
Bundeswehrkrankenhaus Ulm
Oberer Eselsberg 40, 89081 Ulm
E-Mail: saschahashemian@bundeswehr.org
Manuscript Data
Citation
Hashemian S, Ammann J. Massive transfusion in a military setting.
WMM 2026;70(5E):7.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-870
For the Authors
Captain (MC) Dr. Sascha Hashemian
Department of Anesthesiology, Intensive Care, Emergency Medicine, and Pain Therapy (AINS)
Bundeswehr Hospital Ulm
Oberer Eselsberg 40, D-89081 Ulm
E-Mail: saschahashemian@bundeswehr.org