Wehrmedizinische Monatsschrift

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Editorial
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Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Blutversorgung in der Bundeswehr:​ Resilienz im Einsatz und in der Verteidigung



Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Die Entwicklung der Transfusionsmedizin im militärischen Kontext:​ Von experimentellen Ansätzen zur modernen Einsatzlogistik




Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Damage Control Resuscitation







Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Vollbluttransfusion – Status quo der Entwicklungen






Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Die Vollblut-Ausbildung im Sanitätsdienst der Bundeswehr – Konzept,​ Implementierung und Qualifikationsprofil




Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Massivtransfusion im militärischen Kontext


Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Prähospitale Transfusion im zivilen und militärischen Bereich:​ Systematische Evidenzanalyse zu lyophilisiertem Plasma,​ ­Erythrozytenkonzentraten,​ Vollblut und Fibrinogen






Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Transfusionsregister am Bundeswehrkrankenhaus Berlin zur Erfassung der Langzeitfolgen für Spender und Empfänger von Blutprodukten



Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Die Abteilung Transfusionsmedizin und Hämotherapie am BundeswehrZentralkrankenhaus Koblenz


Tagungen und Kongresse
Sitzung des Arbeitskreises „Geschichte und Ethik der Wehrmedizin“ beim 56.​ Jahreskongress 2025 der DGWMP e.​ V.​ in Papenburg

Mitteilungen der DGWMP e.​ V.​
Geburtstage Juni 2026
Transfusionsmedizin und Hämotherapie PDF

Prähospitale Transfusion im zivilen und militärischen Bereich:
Systematische Evidenzanalyse zu lyophilisiertem Plasma, Erythrozytenkonzentraten, Vollblut und Fibrinogen

Prehospital Blood Product Use in Civilian and Military Settings – Evidence, System Comparison, and Incorporation into Damage Control Resuscitation

Christoph Jäniga, Björn Hossfeldb

1 Das 2004 gegründete Joint Theater Trauma Registry (JTTR) wurde im Jahre 2011 in das Department of Defense Trauma Registry (DoDTR) überführt.

a Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz

b Department für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerzmedizin, Bundeswehrkrankenhaus Ulm

Zusammenfassung

Die traumatische Hämorrhagie ist eine der führenden vermeidbaren Todesursachen bei Traumata sowohl im zivilen als auch im militärischen Kontext. Die Damage Control Resuscitation (DCR) zielt auf eine frühzeitige Gerinnungsunterstützung und die Reduktion kristalloider Volumentherapie ab. Die Rolle der prähospitalen Gabe von Plasma, Erythrozytenkonzentraten, Fibrinogen und Vollblut wird international kontrovers diskutiert.

Es erfolgte eine strukturierte narrative Literaturübersicht randomisierter kontrollierter Studien, multizentrischer Registeranalysen und systematischer Reviews mit Fokus auf Mortalität, Transfusionsbedarf und Sicherheit. Die Evidenz wurde systemvergleichend im europäischen, US-amerikanischen und militärischen Setting analysiert.

Europäische randomisierte Studien zeigen keinen signifikanten Mortalitätsvorteil der prähospitalen Blutproduktgabe bei überwiegend kurzen Transportzeiten. In US-amerikanischen Luftrettungssystemen mit längerer präklinischer Phase finden sich Hinweise auf eine Reduktion der 30-Tage-Mortalität. Militärische Registerdaten belegen konsistente Vorteile früher balancierter Transfusionsstrategien und von Vollblut unter Bedingungen einer prolongierten Evakuierung. Der Nutzen scheint maßgeblich von der Zeit bis zur endgültigen Blutstillung abhängig zu sein.

Die prähospitale Gabe von Blutprodukten ist sicher und technisch realisierbar. Ihr klinischer Nutzen ist jedoch kontextabhängig. Für militärische Einsatzszenarien mit verlängerten Evakuierungszeiten hat die frühzeitige Umsetzung von DCR-Prinzipien eine hohe strategische Bedeutung.

Schlüsselwörter: prähospitale Transfusion, Damage Control Resuscitation, traumatische Hämorrhagie, Vollblut, Militärmedizin

Summary

Traumatic hemorrhage remains a leading preventable cause of death in both civilian and military trauma cases. Damage Control Resuscitation (DCR) aims to provide early hemostatic support and to minimize crystalloid volume therapy. The prehospital use of plasma, red blood cell concentrates, fibrinogen, and whole blood is controversial on an international level.

A structured narrative review of randomized controlled trials, multicenter registry analyses, and systematic reviews was conducted, focusing on mortality, transfusion needs, and safety. The evidence was compared across European, U.S., and military settings.

European randomized trials show no significant mortality benefit for prehospital blood product administration, likely due to short transport times. In U.S. air medical systems with longer prehospital phases, there are indications of decreased 30-day mortality. Military registry data consistently indicate the benefits of early balanced transfusion strategies and whole blood in cases of prolonged evacuations. The advantage heavily depends on the time to definitive hemorrhage control.

Prehospital blood product administration is safe and feasible, but its clinical benefit depends on the context. In military situations with extended evacuation times, early implementation of DCR is strategically important.

Keywords: prehospital transfusion; Damage Control Resuscitation; traumatic hemorrhage; whole blood; ­military medicine

Einleitung

Der vorliegende Beitrag hat zum Ziel, die aktuelle Evidenzlage zum prähospitalen Einsatz verschiedener Blutprodukte differenziert zu erläutern.

Die traumatische Hämorrhagie bleibt weltweit eine der führenden vermeidbaren Todesursachen nach schweren Verletzungen – sowohl im zivilen als auch im militärischen Kontext [7]. Während die definitive chirurgische Blutstillung der kausale Therapieansatz ist, entscheidet die frühzeitige physiologische Stabilisierung über das Überleben in der prähospitalen Phase. Insbesondere die Entwicklung der traumainduzierten Koagulopathie (TIC) in den ersten Minuten nach der Verletzung ist prognostisch hochrelevant und mit einer signifikant erhöhten Mortalität assoziiert [16][26].

Das Konzept der Damage Control Resuscitation (DCR) entstand aus militärischen Erfahrungen in den Einsätzen im Irak und in Afghanistan. Beobachtungen aus dem Department of Defense Trauma Registry (DoDTR)1 Joint Theater Trauma Registry (JTTR) zeigten, dass eine frühzeitige, balancierte Transfusion von Plasma und Erythrozytenkonzentraten im Verhältnis 1:1 mit einer verbesserten Überlebensrate assoziiert war [18][25][27]. Parallel wurde deutlich, dass eine exzessive kristalline Volumentherapie die Koagulopathie verstärken und das Outcome verschlechtern kann [14]. DCR verfolgt daher einen integrativen Ansatz aus permissiver Hypotonie, frühzeitiger Gerinnungsunterstützung und Minimierung kristalliner Infusionen.

Während diese Strategien innerklinisch inzwischen standardisiert sind und Eingang in internationale Leitlinien gefunden haben [8], bleibt die Rolle der prähospitalen Blutproduktgabe Gegenstand anhaltender Diskussion.

Basierend auf diesen Überlegungen haben die an den Bundeswehrkrankenhäusern in Hamburg, Koblenz und Ulm stationierten Rettungshubschrauber seit einigen Jahren Blutprodukte, wie Erythrozytenkonzentrate, Plasma und Gerinnungsfaktoren, für die Versorgung von schwerverletzten Patienten im zivilen Rettungsdienst an Bord (Abbildungen 1 und 2).

Abb. 1: Prähospitaler Einsatz von Erythrozytenkonzentraten der Blutgruppe O neg. Die Antigeneigenschaften der Erythrozyten der Blutgruppe O negativ erlauben eine sichere, universelle Anwendung (Bildrechte: Oberstarzt Prof. Dr. Hoßfeld, BwKrhs Ulm).

Die zentrale Fragestellung lautet, ob die frühe Gabe von Plasma, Erythrozytenkonzentraten, Fibrinogen oder Vollblut bereits vor dem Eintreffen im Traumazentrum einen eigenständigen prognostischen Vorteil bietet – oder ob der Effekt primär durch die rasche chirurgische Blutstillung determiniert wird.

Randomisierte kontrollierte Studien aus Europa, wie RePHILL und PREHO-PLYO, konnten keinen signifikanten Mortalitätsvorteil durch prähospitale Plasma-Gabe nachweisen [3][19]. Demgegenüber zeigte die US-amerikanische PAMPer-Studie eine signifikante Reduktion der 30-Tage-Mortalität, insbesondere bei längeren Transportzeiten [12]. Allerdings handelt es sich bei PAMPer vor allem um die postprimäre Verlegung von peripher erstversorgten Patienten per Hubschrauber in Traumazentren; besonders profitierten die Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma, sodass postuliert werden kann, dass die Plasmagabe eher zur Stabilisierung des Kreislaufs denn zur Verbesserung der Gerinnung beigetragen hat. Militärische Registeranalysen berichten konsistent von verbesserten Überlebensraten durch frühe „balanced transfusion“ sowie den Einsatz von Vollblut [28].

Diese divergierenden Ergebnisse werfen grundlegende Fragen zur Kontextabhängigkeit des Effekts auf. Europäische Traumaversorgungssysteme zeichnen sich durch kurze Transportzeiten und eine hohe Dichte spezialisierter Traumazentren aus. Militärische Einsatzszenarien hingegen sind häufig durch prolongierte Evakuierungszeiten, eingeschränkte Ressourcen und eine hohe Inzidenz penetrierender Verletzungen gekennzeichnet [10]. Unter diesen Bedingungen könnte die prähospitale Implementierung von DCR-Prinzipien eine wesentlich größere Bedeutung annehmen.

Hinzu kommt die zunehmende sicherheitspolitische Relevanz konventioneller Landes- und Bündnisverteidigungsszenarien, in denen mit eingeschränkter Luftüberlegenheit und verzögerter Evakuierung zu rechnen ist. Das Konzept der „Prolonged Casualty Care“ rückt damit erneut in den Fokus militärmedizinischer Planungen. In solchen Szenarien stellt sich die Frage nach der optimalen prähospitalen Blutproduktstrategie nicht nur als klinische, sondern auch als strategische Herausforderung.

Ziel dieser Übersichtsarbeit ist es daher:

  1. die aktuelle Evidenz zur prähospitalen Gabe von Plasma, Erythrozytenkonzentraten, Fibrinogen und Vollblut systematisch darzustellen,
  2. die Unterschiede zwischen europäischem, US-amerikanischem und militärischem Umfeld kritisch zu analysieren,
  3. die Ergebnisse im Kontext der Damage Control Resuscitation einzuordnen und
  4. militärmedizinische Implikationen für zukünftige Einsatzszenarien abzuleiten.

Im Zentrum steht dabei die Hypothese, dass der prognostische Effekt prähospital verabreichter Blutprodukte maßgeblich durch die Zeit bis zur definitiven Blutstillung moduliert wird – und damit system- und szenarioabhängig ist.

Material und Methoden

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine strukturierte narrative Übersichtsarbeit mit systemvergleichender Analyse der Evidenz zur prähospitalen Gabe von Blutprodukten im zivilen europäischen, zivilen US-amerikanischen sowie militärischen Umfeld. Ziel war es, randomisierte kontrollierte Studien (RCTs), prospektive Kohortenstudien, Registeranalysen und systematische Reviews hinsichtlich klinischer Endpunkte (Mortalität, Transfusionsbedarf, Gerinnungsparameter, Nebenwirkungen) vergleichend auszuwerten und in den Kontext der Damage Control Resuscitation (DCR) einzuordnen.

Ein formales, systematisches Review mit Metaanalyse wurde nicht durchgeführt; die Arbeit folgt jedoch den methodischen Grundprinzipien einer strukturierten Literaturrecherche und einer transparenten Evidenzdarstellung.

Literaturrecherche

Die Literaturrecherche erfolgte zwischen Januar und Februar 2026 in den Datenbanken PubMed/MEDLINE, Embase und Cochrane Library. Zusätzlich wurden Referenzlisten relevanter Leitlinien und Übersichtsarbeiten manuell durchsucht.

Die Suchstrategie kombinierte folgende Schlagwörter und MeSH-Terms:

  • “prehospital blood transfusion”,
  • “damage control resuscitation”,
  • “freeze-dried plasma” / “lyophilized plasma”,
  • “whole blood transfusion”,
  • “fibrinogen concentrate”,
  • “military trauma”,
  • “combat casualty care” sowie
  • “hemorrhagic shock”

Die Suche wurde auf englisch- und deutschsprachige Publikationen begrenzt. Ein zeitliches Limit wurde nicht gesetzt; der Schwerpunkt lag jedoch auf Publikationen ab 2005, da die moderne DCR-Strategie ab diesem Zeitpunkt systematisch implementiert wurde.

Systemvergleich

Für den Vergleich zwischen Deutschland/Europa, USA (zivil) und militärischem Umfeld wurden folgende systemische Parameter berücksichtigt:

  • mediane prähospitale Transportzeit,
  • Verletzungsmechanismus (stumpf vs. penetrierend),
  • Verfügbarkeit chirurgischer Ressourcen sowie
  • Einsatz von Vollblut.

Implementierungsgrad von DCR-Prinzipien

Die Analyse erfolgte hypothesengeleitet unter der Annahme, dass die Zeit bis zur definitiven Blutstillung ein zentraler Moderator des Effekts prähospitaler Blutprodukte ist.

Militärmedizinischer Kontext

Zur Bewertung der militärischen Evidenz wurden zusätzlich Daten aus dem DoDTR, aus Tactical Combat Casualty Care (TCCC)-Publikationen und aus militärischen Vollblut-Programmen berücksichtigt.

Dabei wurde der Fokus auf operative Rahmenbedingungen gelegt, insbesondere: auf Prolonged Casualty/Field Care, auf Evakuationsverzögerung und auf infrastrukturelle/ressourcenbedingte Einschränkungen.

Ergebnisse

Überblick über die eingeschlossene Evidenz

In die strukturierte Analyse wurden randomisierte kontrollierte Studien (RCTs), prospektive Kohortenstudien, multizentrische Registeranalysen sowie systematische Reviews eingeschlossen. Die Evidenz verteilt sich ungleich auf die drei untersuchten Versorgungsrealitäten:

  • Europa (insbesondere UK, Frankreich, Deutschland): mehrere RCTs zur prähospitalen Plasma-Gabe [3][19], eine randomisierte Pilotstudie zu Fibrinogen [23], ergänzende Register- und Beobachtungsdaten [11].
  • USA (zivil): zwei größere RCTs (PAMPer, COMBAT) [12][13] sowie Sekundäranalysen [20][31].
  • Militärisches Umfeld: Registeranalysen aus Afghanistan und Irak, Kohortenstudien zu Balanced Transfusion und Whole Blood [11][18][28].

Die primären Endpunkte der eingeschlossenen Studien waren überwiegend die 24-Stunden- und 30-Tage-Mortalität. Sekundäre Endpunkte umfassten den Transfusionsbedarf, Gerinnungsparameter und transfusionsassoziierte Komplikationen.

Tab. 1: Die Tabelle zeigt, dass im europäischen Umfeld trotz randomisierter Studien kein signifikanter Mortalitätsvorteil durch prähospitale Blutproduktgabe nachgewiesen werden konnte. Demgegenüber ergab sich in der US-amerikanischen Luftrettung ein signifikanter Überlebensvorteil bei längeren Transportzeiten. Militärische Registeranalysen zeigen konsistent reduzierte Früh- und 30-Tage-Mortalität bei früher Balanced Transfusion sowie bei Whole-Blood-Strategien. (Die Tabelle wurde erstellt mit Chat GPT 5.1).

Ergebnisse im europäischen Umfeld

Plasma

Die RePHILL-Studie randomisierte Patienten mit traumatischem hämorrhagischem Schock zu prähospitaler Gabe von Erythrozytenkonzentraten und lyophilisiertem Plasma versus Standardtherapie mit kristalliner Infusionstherapie [3]. Es zeigte sich kein signifikanter Unterschied im primären kombinierten Endpunkt aus 30-Tage-Mortalität und Laktat-Clearance. Auch hinsichtlich der isolierten Mortalität ergab sich kein signifikanter Vorteil. Die PREHO-PLYO-Studie untersuchte die prähospitale Gabe von lyophilisiertem Plasma im Vergleich zur Standardtherapie [19]. Es zeigte sich eine Verbesserung einzelner Gerinnungsparameter bei der Klinikaufnahme, jedoch keine signifikante Reduktion der Mortalität. Systematische Reviews und Metaanalysen, die diese Studien einschlossen, bestätigen das Fehlen eines konsistenten Mortalitätsvorteils im europäischen Setting [6].

Erythrozytenkonzentrate

Beobachtungsstudien und Registerdaten aus Deutschland und Frankreich belegen die technische Machbarkeit und Sicherheit der prähospitalen Gabe von Erythrozytenkonzentraten (EK) [1]. Eine signifikante Reduktion der 30-Tage-Mortalität konnte jedoch nicht konsistent nachgewiesen werden.

Fibrinogen

Die FIinTIC-Studie untersuchte die prähospitale Gabe von Fibrinogenkonzentrat bei traumatisch blutenden Patienten [23]. Es zeigte sich eine signifikante Verbesserung der viskoelastischen Gerinnungsparameter (ROTEM), jedoch kein signifikanter Unterschied bei klinischen Endpunkten wie Mortalität oder Transfusionsbedarf. Aufgrund des Pilotcharakters war die Studie nicht für harte Endpunkte gepowert.

3.3 Ergebnisse im US-amerikanischen zivilen Setting

PAMPer-Studie

Die PAMPer-Studie randomisierte traumatisierte Patienten mit Risiko für hämorrhagischen Schock während des Lufttransports zur Gabe von Plasma oder zur Standardtherapie [12]. Die 30-Tage-Mortalität betrug 23 % in der Plasma-Gruppe versus 33 % in der Kontrollgruppe. Dies entsprach einer signifikanten absoluten Risikoreduktion. Subgruppenanalysen zeigten einen besonders ausgeprägten Effekt bei:

  • längeren Transportzeiten,
  • schwerer Hypotonie und
  • Patienten mit begleitendem Schädel-Hirn-Trauma [31].

COMBAT-Studie

Die COMBAT-Studie untersuchte eine vergleichbare Fragestellung im urbanen bodengebundenen Rettungsdienst mit kürzeren Transportzeiten [13]. Hier zeigte sich kein signifikanter Unterschied in der Mortalität zwischen der Interventions- und der Kontrollgruppe.

Sekundäranalysen und Registerdaten

Sekundäranalysen der PAMPer-Daten zeigten eine Reduktion endothelialer Aktivierungsmarker sowie Hinweise auf eine verbesserte frühe Hämostase [20]. Registerdaten aus US-amerikanischen Traumazentren legen nahe, dass die Kombination aus Plasma und EK bei schwerer Blutung mit verbesserten Frühoutcomes assoziiert sein kann [27].

Ergebnisse im militärischen Umfeld

Balanced Transfusion

Analysen des DoDTR zeigten eine signifikante Assoziation zwischen früher Balanced Transfusion (Plasma:EK-Verhältnis nahe 1:1) und einer verbesserten Überlebensrate bei schwer verletzten Soldaten [18][25].

Vollblut

Mehrere militärische Kohortenstudien berichten von einer signifikant reduzierten 24-Stunden- und 30-Tage-Mortalität bei Einsatz von Whole Blood im Vergleich zu Komponentenstrategien [11][22][28]. Vollblut war insbesondere bei Patienten mit massiver Blutung und penetrierenden Verletzungen mit einem verbesserten Überleben assoziiert.

Sicherheitsprofil

Militärische Daten zeigen kein signifikant erhöhtes Risiko transfusionsassoziierter Komplikationen bei frühzeitiger Gabe von Plasma oder Vollblut [11][28].

Vergleich der Transportzeiten und Verletzungsmuster

In europäischen RCTs betrug die mediane prähospitale Transportzeit in der Regel unter 25 Minuten [3][19]. In der PAMPer-Studie lag sie häufig über 30 Minuten [12]. Militärische Evakuationszeiten überschreiten nicht selten 60 Minuten [10][25]. Bezüglich des Verletzungsmusters dominieren im europäischen zivilen Rettungsdienst stumpfe Traumata, während militärische Verletzungen häufig penetrierend oder explosionsbedingt sind [10][25].

Sicherheit und Nebenwirkungen

Weder in europäischen noch in US-amerikanischen RCTs wurde eine signifikante Zunahme schwerer transfusionsassoziierter Nebenwirkungen (z. B. TRALI, thromboembolische Ereignisse) beobachtet [6].

Auch militärische Daten zeigen ein akzeptables Sicherheitsprofil für frühzeitige Blutproduktgabe [11][28].

In Abbildung 2 werden die Ergebnisse nochmals grafisch zusammengefasst.

Abb. 2: Grafisch vergleichende Darstellung der Studienergebnisse aus Europa, den USA und dem militärischen Umfeld. (Bildrechte: C. Jänig, erstellt mit ChatGPT 5.1).

Vergleich ziviler europäischer, US-amerikanischer und militärischer Evidenz zur prähospitalen Blutproduktgabe

Die wissenschaftliche Evidenz zur prähospitalen Transfusion von Blutprodukten zeigt deutliche Unterschiede zwischen europäischen, US-amerikanischen und militärischen Versorgungsrealitäten. Während europäische randomisierte Studien keinen konsistenten Mortalitätsvorteil belegen konnten, zeigten US-amerikanische Daten unter bestimmten Rahmenbedingungen einen signifikanten Überlebensvorteil. Militärische Registeranalysen zeigten darüber hinaus konsistente positive Effekte früherer Balanced-Transfusion-Strategien.

Die PAMPer-Studie [25] konnte in einem cluster-randomisierten Design eine absolute Reduktion der 30-Tage-Mortalität um etwa 10 % durch prähospitale Plasma-Gabe während des Lufttransports nachweisen. Sekundäranalysen zeigten, dass dieser Effekt insbesondere bei längeren Transportzeiten (> 20 min) sowie bei schwerem hämorrhagischem Schock ausgeprägt war. Demgegenüber zeigte die COMBAT-Studie [21] mit kürzeren Transportzeiten keinen signifikanten Überlebensvorteil, was auf eine zeitabhängige Effektmodulation hinweist.

In Europa konnten weder RePHILL [3] noch PREHO-PLYO [19] eine Mortalitätsreduktion nachweisen. Charakteristisch für diese Studien sind kürzere prähospitale Versorgungszeiten sowie ein hoher Anteil an stumpfen Traumata. In hochentwickelten Traumazentren mit rascher operativer Blutstillung scheint der additive Nutzen einer prähospitalen Plasma-Gabe begrenzt zu sein.

Militärische Daten aus Afghanistan und dem Irak [25] zeigen hingegen konsistent verbesserte Überlebensraten bei frühen Balanced-Transfusion-Strategien, insbesondere bei der Verwendung von Whole Blood. Diese Ergebnisse sind vor dem Hintergrund prolongierter Evakuationszeiten, hoher Inzidenz penetrierender Verletzungen und massiver Blutverluste zu interpretieren. Die frühzeitige Gerinnungsunterstützung gewinnt unter diesen Bedingungen eine entscheidende pathophysiologische Bedeutung.

Diskussion

Einordnung der Ergebnisse im internationalen Kontext

Die vorliegenden Daten zeigen ein konsistentes, jedoch kontextabhängiges Muster: Während im europäischen zivilen Rettungsdienst trotz methodisch hochwertiger randomisierter Studien kein signifikanter Mortalitätsvorteil der prähospitalen Blutproduktgabe nachweisbar ist [3][19], demonstriert die US-amerikanische PAMPer-Studie eine signifikante Reduktion der 30-Tage-Mortalität unter bestimmten Rahmenbedingungen [12]. Militärische Registeranalysen berichten darüber hinaus wiederholt über verbesserte Überlebensraten durch frühe Balanced Transfusion sowie den Einsatz von Vollblut [18][28]. Diese Divergenz ist weniger als Widerspruch denn als Ausdruck struktureller Versorgungsunterschiede zu verstehen.

Transportzeit als zentraler Effektor

Ein zentrales Ergebnis der vergleichenden Analyse ist die Rolle der prähospitalen Zeit bis zur definitiven Blutstillung. In europäischen Studien lag die mediane Transportzeit überwiegend unter 25 min [3][19]. In der PAMPer-Studie hingegen betrug sie häufig über 30 min [12]. Dabei muss erwähnt werden, dass bei PAMPer nicht die Zeit ab der Verletzung betrachtet wird, sondern lediglich die Transportzeit im Hubschrauber, da Patienten bis zur Alarmierung des Lufttransports mitunter schon längere Versorgungszeiten erfahren hatten. Militärische Evakuationszeiten erreichen nicht selten 60 min oder länger [10][25].

Pathophysiologisch ist anzunehmen, dass die traumainduzierte Koagulopathie (TIC) in der frühen Schockphase fortschreitet und sich mit zunehmender Dauer der Hypoperfusion verstärkt [15][26]. Plasma entfaltet neben seiner gerinnungsphysiologischen Funktion auch endothelprotektive Effekte [15][24]. Diese Mechanismen gewinnen mit zunehmender Dauer der unbehandelten Schockphase an klinischer Relevanz.

Die Ergebnisse von PAMPer und COMBAT stützen diese Hypothese indirekt: Während bei längeren Transportzeiten ein Mortalitätsvorteil nachweisbar war [12], zeigte sich bei kurzen urbanen Transportintervallen kein signifikanter Effekt [13].

Verletzungsmuster und Pathophysiologie

Neben der Transportzeit unterscheidet sich das Verletzungsmuster in den Untersuchungen erheblich. Europäische Traumazentren sind überwiegend mit stumpfen Traumata konfrontiert. Militärische Verletzungen sind dagegen häufig penetrierend oder explosionsbedingt [10][25].

Penetrierende Verletzungen gehen häufiger mit akuten massiven Blutverlusten und vaskulären Läsionen einher. Subgruppenanalysen zivil-militärischer Daten deuten darauf hin, dass diese Patienten stärker von früher Plasma-Strategie profitieren könnten [20]. Die höhere Inzidenz massiver Blutungen im militärischen Kontext könnte somit einen Teil der beobachteten Effektstärke erklären.

Balancierte Transfusion versus Vollblut

Die militärische Evidenz zeigt konsistent positive Assoziationen zwischen einer frühen balancierten Transfusion (Verhältnis Plasma:EK ~1:1) und dem Überleben [18][25]. Parallel gewinnt Vollblut zunehmend an Bedeutung [4][21][28].

Vollblut bietet mehrere theoretische Vorteile:

  • physiologisches Verhältnis der Blutbestandteile,
  • vereinfachte Logistik,
  • reduzierte Exposition gegenüber multiplen Spendern und
  • geringere administrative Komplexität im Einsatz.

Registerdaten weisen auf eine Reduktion der Frühmortalität bei der Verwendung von Vollblut hin [11][28]. Allerdings beruhen diese Erkenntnisse überwiegend auf Beobachtungsdaten, sodass Confounding-Effekte nicht vollständig ausgeschlossen werden können. Randomisierte militärische Studien fehlen bislang. Dennoch erscheint Vollblut unter Bedingungen einer prolongierten Evakuierung und limitierter Ressourcen strategisch plausibel.

Fibrinogen – biologische Plausibilität versus klinische Evidenz

Fibrinogen ist häufig der früheste limitierende Gerinnungsfaktor bei schwerer Blutung [9]. Die FIinTIC-Studie zeigte eine Verbesserung viskoelastischer Parameter [23], konnte jedoch keinen Mortalitätsvorteil nachweisen. Auch neuere Metaanalysen bestätigen das Fehlen robuster klinischer Endpunkteffekte [17][22]. Mögliche Ursachen sind:

  • geringe Fallzahlen,
  • heterogene Patientenselektion und
  • Kombination mit anderen Transfusionsstrategien

Im militärischen Einsatz mit hoher Inzidenz massiver Blutverluste könnte die gezielte Substitution dennoch eine Rolle spielen, insbesondere in Verbindung mit der Point-of-Care-Diagnostik.

Sicherheit der prähospitalen Blutproduktgabe

Ein wesentliches Ergebnis der vorliegenden Evidenz ist das konsistent günstige Sicherheitsprofil. Weder europäische noch US-amerikanische RCTs zeigten eine signifikante Zunahme schwerer transfusionsassoziierter Komplikationen [6]. Auch militärische Registerdaten ­bestätigen ein akzeptables Risikoprofil [11][28]. Diese ­Beobachtung ist insbesondere für militärische Einsatzszenarien von Bedeutung, da hier Risiko-Nutzen-Abwägungen unter taktischen Bedingungen erfolgen müssen.

Übertragbarkeit auf zukünftige Einsatzszenarien

Mit Blick auf mögliche Szenarien konventioneller Landes- und Bündnisverteidigung ist von veränderten Rahmenbedingungen auszugehen:

  • eingeschränkte Luftüberlegenheit,
  • verzögerte Evakuierungszeiten entlang der Rettungskette und
  • überlastete chirurgische Kapazitäten

Dadurch gewinnt das Konzept der Prolonged Casualty Care an Bedeutung. Unter diesen Bedingungen nimmt die Relevanz prähospitaler DCR-Strategien zu. Die derzeitige Evidenz legt nahe, dass insbesondere bei einer prolongierten Versorgung eine frühzeitige Blutkomponenten- oder Vollblutversorgung prognostisch relevant sein könnte.

Limitationen der Evidenz

Die Analyse unterliegt mehreren Einschränkungen:

  • Heterogenität der Studienpopulationen,
  • Unterschiedliche und möglicherweise ungünstige Endpunktdefinitionen,
  • fehlende randomisierte militärische Studien und
  • potenzielle Selektions- und Survivorship-Bias in Registeranalysen.

Die Traumaversorgung umfasst unzählige Maßnahmen und Therapieschritte von der prähospitalen Rettung über die Versorgung im Schockraum, oft mehrfache Operationen und mehrtägige Intensivtherapie. In diesem umfassenden Spektrum den Effekt von zwei Erythrozytenkonzentraten oder Plasmagaben zu Beginn der Versorgung auf das Outcome der Patienten zu betrachten, entspräche einer Betrachtung des Gipfelerfolgs in Abhängigkeit davon, ob Bergsteiger bei Himalaya-Expeditionen im Basislager Tee oder Kaffee trinken. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass die meisten Studien in hochentwickelten Gesundheitssystemen durchgeführt wurden. Die Übertragbarkeit auf ausgedehnte militärische Konfliktszenarien mit massiven Verwundetenaufkommen bleibt unklar.

Zusammenfassend legt die Evidenz nahe, dass der Nutzen prähospitaler Blutprodukte maßgeblich durch Systemfaktoren bestimmt wird. Insbesondere die Dauer bis zur definitiven Blutstillung ist ein zentraler Moderator des Effekts. Für militärische Einsatzszenarien mit potenziell verlängerten Versorgungszeiten erscheint die frühzeitige Implementierung von DCR-Prinzipien im prähospitalen Setting besonders relevant.

Schlussfolgerung

Die vorliegenden Daten sprechen gegen eine generelle, systemunabhängige Empfehlung zur prähospitalen Blutproduktgabe. Vielmehr zeigt sich ein kontextabhängiger Effekt, der maßgeblich durch

  • Transportzeit,
  • Verletzungsmuster,
  • Infrastruktur und
  • operative Ressourcen

moduliert wird.

Im urbanen europäischen Setting mit kurzen Transportzeiten erscheint der additive Mortalitätsvorteil begrenzt. Im militärischen Setting mit prolongierter Evakuierung hingegen gewinnen frühe DCR-Prinzipien erhebliche strategische Bedeutung.

Fazit für die Praxis

  • Der Nutzen prähospitaler Blutprodukte ist stark kontextabhängig und steigt mit zunehmender Transportdauer bis zur definitiven Blutstillung.
  • Im zivilen europäischen Rettungsdienst mit kurzen Transportzeiten ist ein genereller Mortalitätsvorteil bislang nicht gesichert; eine selektive Indikationsstellung ist erforderlich.
  • Für militärische Einsatzszenarien mit prolongierter Evakuation haben frühzeitige Damage-Control-Resuscitation-Strategien eine hohe operative Relevanz.
  • Die prähospitale Verwendung von Low-Titer-0-Vollblut bietet logistische Vorteile und könnte eine verbesserte hämostatische Effektivität aufweisen.

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Manuskriptdaten

Zitierweise

Jänig C, Hossfeld B. Prähospitale Transfusion im zivilen und militärischen Bereich: Systematische Evidenzanalyse zu lyophilisiertem Plasma, Erythrozytenkonzentraten, Vollblut und Fibrinogen. WMM 2026;70(5):231-238.

DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-871

Für die Verfasser

Flotillenarzt Dr. Christoph Jänig

Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin

BundeswehrZentralkrankenhaus Koblenz

Rübenacher Str. 170, D-56072 Koblenz

E-Mail: christoph.jaenig@gmail.com

Manuscript Data

Citation

Jänig C, Hossfeld B. Prehospital Blood Product Use in Civilian and Military Settings – Evidence, System Comparison, and Incorporation into Damage Control Resuscitation. WMM 2026;70(5E):8.

DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-872

For the Authors

Commander (Navy MC) Dr. Christoph Jänig

Department of Anesthesiology and Intensive Care

Bundeswehr Central Hospital Koblenz

Rübenacher Str. 170, D-56072 Koblenz

E-Mail: christoph.jaenig@gmail.com


Transfusionsmedizin und Hämotherapie PDF

Transfusionsregister am Bundeswehrkrankenhaus Berlin zur Erfassung der Langzeitfolgen für Spender und Empfänger von Blutprodukten1

Transfusion Registry at the Bundeswehr Hospital Berlin:
Exploring the Long-term Effects of Blood Transfusions and Donations

Jennifer Jerscha,c,2, Katja Schneiderb*, Lorenz Wolfc, Lars Stephand, Amelie Garmattere, Kai Zacharowskia, Michael Benkerc, Rico Müllerd, Benjamin Friedrichsona, Jan Andreas Klokaa, Elina Nürenberg-Golouba

1 Zur besseren Lesbarkeit wird bei Personenangaben überwiegend die maskuline Form (Patient, Soldat usw.) benutzt; angesprochen sind damit alle Geschlechter.

2 Jennifer Jersch und Katja Schneider haben diesen Beitrag in gemeinsamer Erstautorenschaft erstellt.

a Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie, Universitätsmedizin Frankfurt

b Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Bundeswehrkrankenhaus Berlin

cKlinik für Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin, Bundeswehrkrankenhaus Berlin

d Abteilung Laboratoriumsmedizin, Bundeswehrkrankenhaus Berlin

e Klinik für Innere Medizin, Bundeswehrkrankenhaus Berlin

Zusammenfassung

Die Transfusion von Blutprodukten hat sich von einer lebensrettenden Akutmaßnahme zu einem breiten therapeutischen und wissenschaftlichen Feld mit komplexen Risiken und Interaktionen entwickelt. Jährlich werden allein in Deutschland Millionen Blutprodukte verarbeitet und Transfusionen verabreicht. Akute Reaktionen sind dank moderner Hämovigilanzsysteme gut dokumentiert, doch zu den langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen fehlen belastbare Daten.

Mit dem digitalen Transfusionsregister der Blood Donor and Recipient Long-Term Outcome Study (LOS) wird am Bundeswehrkrankenhaus Berlin ein multidisziplinäres Langzeitregister etabliert, um die Gesundheitseffekte zu untersuchen und wissenschaftliche Grundlagen für innovative Leitlinien in der Transfusionsmedizin zu schaffen. Dieser Beitrag stellt die wissenschaftliche Grundlage, das Studiendesign sowie die Bedeutung des Registers vor.

Schlüsselwörter: Bluttransfusion, Langzeitfolgen, Hämovigilanz, Blutspender, Registerstudie

Summary

The transfusion of blood products has evolved from a life-saving emergency treatment into a broad therapeutic and scientific field with complex risks and interactions. Annually, millions of blood products are processed and administered in Germany alone. While modern hemovigilance systems effectively document acute reactions, there is a lack of comprehensive data on long-term health effects. The Blood Donor and Recipient Long-Term Outcome Study (LOS) is establishing a multidisciplinary long-term registry at the Bundeswehr Hospital Berlin to examine health outcomes and develop a scientific foundation for new guidelines in transfusion medicine. This article discusses the scientific basis, study design, and importance of the registry.

Keywords: blood transfusion; long-term outcomes; hemovigilance; blood donors; registry study

Einleitung

Bluttransfusionen sind ein essenzieller Bestandteil der modernen Medizin. Die Europäische Union setzt mit dem neuen Gesetz zur Regulierung von Substanzen menschlichen Ursprungs (Substances of Human Origin, SoHO) einen hohen Standard für die Dokumentation aller Prozesse von der Blutspende bis zur Transfusion, um den optimalen Schutz von Spender und Empfänger zu gewährleisten [5]. Heute werden akute Nebenwirkungen von Bluttransfusionen wie febrile nicht hämolytische Reaktionen, transfusionsassoziierte Kreislaufüberlastung (transfusion-associated circulatory overload, TACO) oder transfusionsassoziierte Lungeninsuffizienz (transfusion-related acute lung injury, TRALI) durch nationale Meldepflichten und Hämovigilanzsysteme konsequent erfasst [6]. Allerdings sind bisher die langfristigen Auswirkungen auf Empfänger und Spender weitgehend unerforscht. Epidemiologische Studien zeigen, dass transfundierte Patienten auch nach Jahren im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung eine höhere Sterblichkeit aufweisen [10]. Für Spender bleiben vor allem Fragen zur Eisenhomöostase sowie zu den physiologischen und psychologischen Langzeitfolgen unbeantwortet.

Ziel dieses Beitrags ist es, den medizinischen Hintergrund für die Langzeituntersuchungen von Spender- und Empfängerpopulationen zu erläutern und die Registry Study for Research of Blood Donor and Recipient Long-Term Outcomes (LOS) vorzustellen, die mit Unterstützung des Bundeswehrkrankenhauses Berlin evidenzbasierte Erkenntnisse generieren soll. Gerade in Krisensituationen, in denen Blut als lebenswichtige Ressource für die Versorgung Verwundeter eine zentrale Rolle spielt, kommt der epidemiologischen Evidenz, der Studienanlage und ihrer Relevanz für das Sanitätspersonal der Bundeswehr besondere Bedeutung zu.

Langzeitwirkungen bei Transfusionsempfängern

Neuere Metaanalysen zeigen, dass perioperative Transfusionen, insbesondere bei Herz- und Thoraxeingriffen, mit einer langfristig erhöhten Mortalität assoziiert sind [16]. In einer Auswertung von 39 Studien mit 180 074 Patienten war die frühe Sterblichkeit bei transfundierten Patienten fast viermal so hoch wie bei nicht transfundierten Patienten (odds ratio, OR 3,87) [16]. Das erhöhte Sterblichkeitsrisiko persistierte auch langfristig; eine Langzeitnachverfolgung von 1–15 Jahren wurde in den berücksichtigten Studien durchgeführt. Nach einem Median von 6,4 Jahren Nachverfolgung war das Risiko, nach einer transfusionspflichtigen Operation zu versterben, noch doppelt so hoch (OR 2,01). Eine schwedische Registerstudie zu gastroösophagealen Tumoren konnte zeigen, dass perioperative Bluttransfusionen mit einem 50 % höheren Sterberisiko innerhalb von drei Jahren einhergingen (hazard ratio, HR 1,50), das auch nach Ausschluss der 30 Tage-Mortalität bestehen blieb (HR 1,30) [3]. Beide Analysen belegen keine Kausalität, da Confounding trotz statistischer Adjustierung nicht vollständig ausgeschlossen werden kann. Exakte Daten zum durchgeführten Eingriff, zur Indikation und zu den Komorbiditäten können diese Wissenslücke auch im Zusammenhang mit Transfusionen schließen.

Neben der Sterblichkeit rücken auch immunologische Komplikationen in den Fokus der Forschung. Alloimmunisierung gegen Erythrozytenantigene kann zu verzögerter Hämolyse, Transfusionsverzögerungen und erhöhter Morbidität führen. Der Aufbau einer Immunantwort hängt von patientenbezogenen Faktoren wie akuter Entzündung, chronischen Erkrankungen und Immunsuppression ab. Fieber, Infektionen und inflammatorische Schübe (z. B. akute Thoraxsyndrome bei Sichelzellanämie) verstärken das Risiko der Alloimmunisierung, während Immunsuppression oder Asplenie es reduzieren. Gleichzeitig spielen Produktfaktoren wie Lagerungsdauer und Leukozytendepletion eine Rolle [1]. Diese Mechanismen verdeutlichen, dass langfristige Beobachtungen über den Transfusionszeitpunkt hinaus sowie detaillierte medizinische Daten und Aufzeichnungen zur Intervention erforderlich sind, um die Auswirkungen von Bluttransfusionen zu verstehen.

Langzeitfolgen bei Blutspendern

Blutspenden sind für viele Menschen ein wiederkehrender Akt altruistischer Fürsorge. Die Sicherstellung der Spendergesundheit ist nicht nur eine ethische Verpflichtung, sondern auch eine zentrale Voraussetzung für die nachhaltige Fortführung der Transfusionsmedizin. Dies stellte auch die Weltgesundheitsorganisation nachdrücklich fest [6]. Der „Healthy Donor Effect“ (HDE) beschreibt das Phänomen, dass Blutspender im Durchschnitt gesünder sind als die Allgemeinbevölkerung. Diese Selektion kann jedoch dazu führen, dass potenzielle gesundheitliche Auswirkungen des Blutspendens systematisch unterschätzt werden. Eine skandinavische Kohortenstudie mit über 1,18 Millionen Blutspendern zeigte nach Adjustierung für den HDE eine um 7,5 % reduzierte Mortalität pro zusätzliche jährliche Spende [14]. Hinsichtlich spezifischer Erkrankungen ergab eine chinesische Registerstudie bei männlichen Spendern ein adjustiertes relatives Risiko (RR) für maligne Erkrankungen von 0,82; insbesondere für Leber-, Lungen- und Ösophaguskarzinome wurde ein niedrigeres Risiko beobachtet; das Risiko für Hirntumoren war jedoch leicht erhöht (RR 1,19) [13]. Ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko ließ sich in einer australischen Studie mit über 4 000 Spendern nicht nachweisen [9].

Von besonderer Relevanz für die Spendersicherheit ist die Prävention von Eisenmangel, der häufigsten Folge regelmäßiger Blutspenden [2]. Prämenopausale Spenderinnen sind durch die menstruelle Blutung zusätzlich gefährdet: Starke Menstruationsblutungen waren in einer niederländischen Studie mit 473 prämenopausalen Spenderinnen mit einem 3,56-fach erhöhten Anämierisiko assoziiert [4]. Eine finnische Analyse von 79 157 Spendern nach hämoglobinwertbedingter Rückweisung einer Blutspende ergab, dass 84,5 % der Betroffenen auch bei verlängerten Spendenintervallen keine Hämoglobin-Erholung aufwiesen, wobei Frauen mit 14,4 % eine geringere Erholungsrate aufwiesen als Männer mit 17,6 % [11]. Frauen berichteten zudem häufiger negative Post-Donations-Symptome wie Fatigue und Schwindel (19 % vs. 8 % bei Männern) [12]. Neben physiologischen Faktoren beeinflusst auch die mentale Gesundheit die Spenderkarriere: Spender mit besserer selbstberichteter mentaler Gesundheit wiesen eine höhere Spendenfrequenz auf [8].

Die systematische Quantifizierung physiologischer und psychologischer Risiken und Risikofaktoren ist unerlässlich, um evidenzbasierte Richtlinien für alle Spender, insbesondere für vulnerable Populationen, zu etablieren und alle Patienten langfristig mit lebenswichtigem Blut und Blutprodukten versorgen zu können. Mit der zunehmenden Bedeutung der Warmblutspende, insbesondere in einsatznahen Szenarien, wird die Nachverfolgbarkeit von Spender- und Patientenverläufen zunehmend wichtig. Durch eine systematische Erfassung im Transfusionsregister können mögliche kurz- und langfristige Folgen der Warmblutspende erkannt, bewertet und in evidenzbasierte Spenderrichtlinien überführt werden.

Methodik und Studiendesign des LOS-Registers

Ziele

Ziel der LOS ist es, die Langzeitfolgen von Bluttransfusionen und Blutspenden systematisch zu erfassen und wissenschaftlich zu analysieren. Dazu werden Daten zu Interventionen, Transfusionsindikationen, Blutprodukten, Akutreaktionen, Demografie, Begleiterkrankungen und gesundheitlichen Langzeitparametern (z. B. Verlauf von Schwangerschaften, neu auftretende onkologische und kardiovaskuläre Erkrankungen, neurologische Defizite, Fitness und Fragilität) erhoben. Für Spender sollen wiederholte Spenden, psychische Gesundheit, Ernährung, Aktivität, Lebensqualität, psychosoziale Parameter sowie geschlechtsspezifische Gesundheitsdaten erfasst werden [7].

Aufbau, Ablauf und Datenspeicherung

Das Register ist prospektiv und nicht-interventionell ausgelegt; es werden nationale und internationale Kooperationen angestrebt. Sämtliche Blutspender und Transfusionsempfänger, unabhängig von Alter oder Geschlecht, können nach Einwilligung eingeschlossen werden. Ausschlusskriterien bestehen lediglich bei fehlender Einwilligung [7]. Die Patientendaten werden in einem digitalen System gemäß den Kriterien „Findable, Accessible, Interoperable, Reusable“ (FAIR) verwaltet. Das Transfusionsregister lässt sich im Internet aufrufen; eine zusätzliche Softwareinstallation ist nicht erforderlich. Das medizinische Personal erfasst die Patienten im System und trägt relevante medizinische Daten ein. Die Patienten erhalten zum ersten Mal nach drei Monaten und anschließend jährlich einen Link zu einem Gesundheitsfragebogen. Dieser ist laienverständlich gestaltet und ermöglicht durch Multiple-Choice-Fragen die standardisierte Erfassung von Gesundheitsdaten (Abbildung 1). Für Blutspender ist eine Selbstregistrierung mit regelmäßigen automatisierten Erinnerungen an die Fragebögen vorgesehen.

 

Abb. 1: Aufbau und Ablauf der LOS:
(A) Das medizinische Personal erfasst nach Einwilligung der Patienten essenzielle medizinische Daten in klinischen Episoden während die Patienten ihren Gesundheitszustand regelmäßig in standardisierten Fragebögen schildern.
(B) Die gesammelten Daten können für medizinische und gesundheitsökonomische Forschung und zur Verbesserung der Versorgung genutzt werden.
(C) Die Dokumentensammlung auf der LOS-Website transfusionregistry.org enthält alle wichtigen Vordrucke und umfangreiches Informationsmaterial im PDF-Format (QR-Code). Die Website informiert außerdem Ärzte, Patienten, politische Entscheidungsträger, Wissenschaftler und auch die Öffentlichkeit über die Studie, die Partnerkliniken, die aktuelle EU SoHO Verordnung und viele weitere relevante Themen.

Medizinische und identifizierende Daten der Teilnehmer werden auf Servern der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt getrennt gespeichert und sind durch ein Pseudonym verknüpft. Die pseudonymisierten Daten stehen der Forschung zur Verfügung und werden streng gemäß den Vorgaben der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) ausgewertet. Die Ärzte einer Klinik können auf die medizinischen Daten ihrer Patienten zugreifen, beispielsweise um den Genesungsprozess nach bestimmten Eingriffen nachzuvollziehen.

Ethik, Governance und Datennutzung

Die LOS hat das positive Ethikvotum der Universitätsmedizin der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt. Die Studiendokumente (Information und Einwilligung in die Studienteilnahme und zum Datenschutz, Informationsflyer, Datenschutzkonzept) wurden von der Ethikkommission bzw. dem Datenschutzbeauftragten geprüft und den teilnehmenden Zentren zur Verfügung gestellt. Die Datennutzung unterliegt einem gemeinschaftlichen Governance-Modell mit Studienleitung, wissenschaftlichem Beirat und Generalversammlung, an dem sich teilnehmende Studienzentren beteiligen können. Die teilnehmenden Zentren erhalten jährlich umfassende Berichte zu den verwendeten Blutprodukten sowie zu den Patienten. Auch selbständige Forschung an ausgeleiteten Daten ist für die teilnehmenden Kliniken möglich. Dazu prüft der wissenschaftliche Beirat aus Ärzten und Wissenschaftlern das Forschungsvorhaben, um den Schutz und die sinnvolle Nutzung der Patientendaten zu gewährleisten.

Erwartete Ergebnisse und Erkenntnisse

Da sich das Register im Aufbau befindet, liegen noch keine ausgewerteten Daten vor. Basierend auf der vorhandenen Literatur werden folgende Erkenntnisse erwartet:

  • Überlebensraten und Morbidität nach Transfusionen: Die Registerdaten sollen die mögliche Langzeitmortalität quantifizieren und relevante Einflussfaktoren wie Transfusionsindikation, Komorbiditäten, Produktart, Lagerungsdauer und Transfusionsumgebung identifizieren [2][8][16].
  • Immunologische Komplikationen:
    Das Register ermöglicht die prospektive Erfassung der Auswirkungen von Alloimmunisierungen und verzögerten hämolytischen Transfusionsreaktionen. Der Einfluss inflammatorischer Zustände, chronischer Erkrankungen und Produktmerkmale auf die Bildung von Alloantikörpern kann longitudinal untersucht werden [14].
  • Krebs- und Herz-Kreislauf-Risiko bei Spendern:
    Die große Kohorte ermöglicht eine Präzisierung der in China und Australien berichteten Risikoverhältnisse für Tumoren und kardiovaskuläre Erkrankungen [9][13].
  • Wichtige Aspekte der Spendergesundheit wie mentale Gesundheit und Wohlbefinden, Spenderverhalten sowie Reproduktions- und Geschlechtergesundheit können analysiert werden, und gleichzeitig können Spender an der Forschung beteiligt werden [2][4][8][11][12].
  • Qualitätsindikatoren und Benchmarking:
    Durch den Vergleich unterschiedlicher Kliniken lassen sich Qualitätsindikatoren wie die Transfusionshäufigkeit und die Komplikationsrate ableiten. Dies ermöglicht die datenbasierte Optimierung transfu­sionsmedizinischer Prozesse in der Bundeswehr.

Diskussion

Die vorgestellten Studien unterstreichen, dass Bluttransfusionen zwar akut lebensrettend sind, aber langfristige Folgen für Empfänger haben können. Mechanismen wie transfusionsassoziierte Immunsuppression, inflamma­torische Reaktionen und Lagerungsschäden der Erythrozyten könnten zur erhöhten Langzeitsterblichkeit ­beitragen [1]. Die vorliegenden Evidenzen stammen überwiegend aus retrospektiven Registeranalysen; randomisierte Studien fehlen, da Transfusionen meist unumgänglich sind. Eine prospektive Erfassung ermöglicht jedoch, Einflussfaktoren zu kontrollieren und Hypothesen zu formulieren. Für Spender zeigen bisherige Studien heterogene Ergebnisse: Während die Sterblichkeit und das Gesamt-Krebsrisiko tendenziell niedriger sind, könnten bestimmte Tumorarten [13] und Eisenmangel bis hin zur Anämie [11][12] durch häufiges Spenden begünstigt werden. Mentale Gesundheit und Spenderzufriedenheit sind essenziell für eine nachhaltige Transfusionsmedizin. Sie werden jedoch bislang kaum untersucht.

Fazit

Die Einbindung der Bundeswehr eröffnet weitere Perspektiven: Soldaten werden in besonderen Einsatzsituationen transfundiert, sodass das Register auch traumabezogene Langzeitfolgen untersuchen kann. Für das Sanitätspersonal bietet das Register praxisnahe Rückmeldungen zu Transfusionsindikationen, Komplikationen und Outcome, wodurch Fortbildungen und Qualitätsverbesserungen bei der Patientensicherheit unterstützt werden. Auch gesundheitsökonomische Erkenntnisse lassen sich gewinnen, um die Versorgung nachhaltig zu stützen. Dazu müssen die Patienten aufgeklärt und ihre Daten im Transfusionsregister vom medizinischen Personal erfasst werden.

Kernaussagen

  • Gesetzliche Lage:
    Die EU reguliert alle transfusionsrelevanten Prozesse streng und fordert eine 30-jährige Datenaufbewahrung. Die WHO betont den Schutz der Spender.
  • Langzeitrisiken:
    Studien weisen auf eine erhöhte Langzeitsterblichkeit nach Transfusionen hin, deren Ursachen noch unzureichend verstanden sind.
  • Immunologische Komplikationen:
    Alloimmunisierungen hängen von patienten- und produktbezogenen Faktoren ab, Entzündungen erhöhen das Risiko.
  • Spendergesundheit:
    Blutspenden gelten überwiegend als sicher, bestimmte Gruppen profitieren jedoch von individuell angepassten Spenderichtlinien.
  • Digitales Register (LOS):
    Das Register soll mit hohen ethischen und technischen Standards Wissenslücken zu Langzeitfolgen von Transfusionen und Spenden schließen.
  • Bedeutung für die Bundeswehr:
    Es unterstützt Qualitätsverbesserung, evidenzbasierte Entscheidungen und Forschung, vorausgesetzt, mit konsequenter Aufklärung und Datenerfassung.

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Manuskriptdaten

Zitierweise

Jersch J , Schneider K, Wolf L, Stephan L, Garmatter A, Zacharowski K, Benker M, Müller R, Friedrichson B, Kloka JA, Nürenberg-Goloub E. Transfusionsregister am Bundeswehrkrankenhaus Berlin zur Erfassung der Langzeitfolgen für Spender und Empfänger von Blutprodukten. WMM 2026;70(5):239-243.

DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-873

Für die Verfasser

Oberstabsarzt Dr. Katja Schneider

Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie

Bundeswehrkrankenhaus Berlin

Scharnhorststraße 13, 10115 Berlin

E-Mail: katjaschneider@bundeswehr.org

Oberstabsarzt Dr. Jennifer Jersch

Klinik für Anästhesiologie, Intensiv- und Notfallmedizin

Bundeswehrkrankenhaus Berlin

Scharnhorststraße 13, 10115 Berlin

E-Mail: jenniferjersch@bundeswehr.org

Manuscript Data

Citation

Jersch J, Schneider K, Wolf L, Stephan L, Garmatter A, Zacharowski K, Benker M, Müller R, Friedrichson B, Kloka JA, Nürenberg-Goloub E. Transfusion registry at the Military Hospital Berlin: Understanding the long-term effects of blood transfusions and donations. WMM 2026;70(5E):9.

DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-874

For the Authors

Major (MC) Dr. Katja Schneider

Department of General Surgery

Bundeswehr Hospital Berlin

Scharnhorststraße 13, 10115 Berlin

E-Mail: katjaschneider@bundeswehr.org

Major (MC) Dr. Jennifer Jersch

Department of Anesthesiology

Bundeswehr Hospital Berlin

Scharnhorststraße 13, D-10115 Berlin

E-Mail: jenniferjersch@bundeswehr.org

 

Zeitschriften
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