Entwicklung der Role 2 als erstes chirurgisches Element der Rettungskette in Deutschland und Frankreich – Eine kurze Geschichte der Gemeinsamkeiten, Unterschiede und ein Blick in die Zukunft
Development of Role 2 as the First Surgical Element of the Rescue Chain in Germany and France – A Brief History of Similarities, Differences, and a Look Into the Future
Evolution du rôle 2 comme premier élément chirurgical en Allemagne et en France – Une brève histoire des similitudes, des différences et un aperçu de l’avenir
Fabian Springerb, Tom Lloyd Boismoreaua, Nicholas Andraeb, Marie-Amelie van Landeghema, Jan Philipp Kluweb, Eline Steygera, Alina Rohrbachb, Vincent Ferrer-Moraa, Blanche Chereil de la rivièrea
a École de Santé des Armées (ESA), Bron, France
b Sanitätsakademie der Bundeswehr, München
Zusammenfassung
Die chirurgische Erstversorgung auf auf dem Gefechtsfeld ist seit jeher ein zentraler Aspekt der Militärmedizin. Im letzten Jahrhundert wurden durch die deutschen und französischen Sanitätsdienste bedeutende Fortschritte erzielt, insbesondere in der Entwicklung der Role 2. Diese dient als erste chirurgische Station der Verwundetenversorgung. Die Entwicklung der Role 2 lässt sich bis zum Deutsch-Französischen Krieg (1870–71) zurückverfolgen. Dieser Urvater der früheren langjährigen deutsch-französischen Rivalität verdeutlichte die Notwendigkeit einer professionellen Militärmedizin und legte den Grundstein für lebensrettende Operationen in Schlachtfeldnähe. Hierbei wurde auf vorausgehende Innovationen wie die Ambulance volante (Larrey) sowie die „Wurst“ (Percy) aufgebaut. Im Ersten Weltkrieg entstanden auf französischer Seite mit den „Autochir“-Einheiten („ambulance chirurgicale automobile“) mobile chirurgische Gruppen, während Deutschland feste Transportpunkte nutzte. Der Zweite Weltkrieg führte zur Verfeinerung dieser Einheiten, etwa durch die „Ambulance chirurgicale“ des französischen Militärs. Die Sanitätsstruktur der deutschen Wehrmacht war der modernen Role 2 bereits sehr ähnlich. Während des Kalten Krieges lag der Fokus der sanitätsdienstlichen Versorgung auf der Reduzierung der Opferzahlen in potenziellen Großkonflikten. Die deutsche Sanitätsstruktur baute auf den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs auf, während die französischen Dienste sich an die Erfordernisse postkolonialer Konflikte anpassten.
Die modernen asymmetrischen Konflikte in Irak, Afghanistan und Mali führten zu einer signifikanten Weiterentwicklung. Die Formalisierung der Role 2 führte zu einer hohen Professionalisierung und ermöglichte umfassende chirurgische Eingriffe im Sinne der Damage Control Surgery. Die NATO-Standardisierung brachte viele Gemeinsamkeiten zwischen deutschen und französischen Role-2-Einrichtungen, obwohl Unterschiede bei Technologie und Einsatzszenarien bestehen. Die aktuelle Diskussion dreht sich um die Balance zwischen Mobilität, Anpassungsfähigkeit und Autarkie bei stationären Role-2-Einrichtungen.
Schlüsselwörter: Geschichte der Wehrmedizin, Role 2, Entwicklung, Notfallchirurgische Erstversorgung
Abstract Francais
Les premiers soins chirurgicaux sur les champs de bataille ont toujours été un aspect central de la médecine militaire. Au cours du siècle dernier, des progrès importants ont été réalisés par les services sanitaires français et allemands, notamment dans le développement du rôle 2, qui fait office de premier poste chirurgical de soins aux blessés. Le développement du rôle 2 peut être retracé jusqu’à la guerre franco-allemande (1870–71). Cette rivalité de longue date entre la France et l’Allemagne a mis en évidence la nécessité d’une médecine de combat professionnelle et a jeté les bases d’opérations de sauvetage plus proches du champ de bataille.
La Première Guerre mondiale a vu naître du côté français les unités « autochir » (ambulance chirurgicale automobile), des groupes chirurgicaux mobiles, tandis que l’Allemagne utilisait des points de transport fixes. La Seconde Guerre mondiale a permis d’affiner ces unités, notamment grâce à l’ambulance chirurgicale de l’armée française. La structure sanitaire de l’armée allemande était déjà très proche du rôle 2 moderne. Pendant la guerre froide, les services de santé se concentraient sur la réduction du nombre de victimes dans les conflits majeurs potentiels. La structure sanitaire allemande s’appuyait sur l’expérience de la Seconde Guerre mondiale, tandis que les services français s’adaptaient aux exigences des conflits postcoloniaux.
Les conflits asymétriques modernes en Irak, en Afghanistan et au Mali ont entraîné une évolution significative. La formalisation du rôle 2 a conduit à une grande professionnalisation et permet de mener des opérations globales de réduction des risques. La standardisation de l’OTAN a apporté de nombreux points communs entre les dispositifs français et allemands du rôle 2, bien qu’il existe des différences en matière de technologie et de scénarios d’intervention. Le débat actuel porte sur l’équilibre entre la mobilité, l’adaptabilité et l’autosuffisance des dispositifs fixes de rôle 2.
Mots-clés: historique de la médecine de défense, rôle 2, développement, soins chirurgicaux d’urgence
English Summary
The surgical initial care on battlefields has always been a central aspect of military medicine. In the last century, significant advancements were made by the German and French medical services, particularly in the development of the Role 2. The role 2 serves as the first surgical element for treating the wounded. The development of Role 2 can be traced back to the Franco-Prussian War (1870–71). This progenitor of the long-standing German-French rivalry highlighted the need for professional military medicine and laid the groundwork for life-saving operations near the battlefield. Prior innovations, such as the Ambulance volante (Larrey) and the «Wurst» (Percy), were built upon. In World War I, French «autochir» units (ambulance chirurgicale automobile) emerged – mobile surgical groups – while Germany used fixed transportation points. World War II led to the refinement of these units, for example, through the «Ambulance chirurgicale» of the French military. The medical structure of the German Wehrmacht was already very similar to the modern Role 2. During the Cold War, the focus of medical care was on reducing casualties in potential large-scale conflicts. The German medical structure was built upon the experiences of World War II, while the French services adapted to the requirements of post-colonial conflicts.
The modern asymmetric conflicts in Iraq, Afghanistan, and Mali resulted in significant further development. The formalization of Role 2 led to a high degree of professionalism, enabling comprehensive surgical interventions, including Damage Control Surgery. NATO standardization brought many commonalities between German and French Role 2 facilities, despite differences in technology and operational scenarios. The current discussion revolves around the balance between mobility, adaptability, and autonomy in stationary Role 2 facilities.
Keywords: history of military medicine; role 2; development; emergency surgical first aid
Einleitung
Die moderne sanitätsdienstliche Rettungskette in den NATO-Streitkräften ist in mehrere Behandlungsebenen unterteilt. Diese Behandlungsebenen sind vom NATO Standardization Office (2019) eindeutig definiert und werden auf Englisch als „Role“ bezeichnet [16]. Jeder dieser Abschnitte stellt eine bestimmte Stufe medizinischer Behandlungsmöglichkeiten dar, um den unterschiedlichen Anforderungen und der Komplexität militärmedizinischer Umstände gerecht zu werden (Abbildung 1). Die Erstversorgung Verwundeter erfolgt unmittelbar, in Abhängigkeit von der Intensität des Gefechts, durch Kameraden und Kameradinnen im Rahmen der sanitätsdienstlichen Ausbildung aller Truppen (Ersthelfer) [2][16][17]. Direkt im Anschluss steht in der Behandlungsebene 1 die medizinische Erstversorgung. Hierbei erfolgen in mobilen sanitätsdienstlichen Einrichtungen die Sichtung der Verwundeten, die Schock- und Schmerzbekämpfung sowie die blutstillenden Maßnahmen durch medizinisches Fachpersonal [16][17].
Abb. 1: Rettungskette innerhalb der Bundeswehr:
Bei einer Verwundung auf dem Gefechtsfeld erfolgt die Erstversorgung im Rahmen der Selbst- und Kameradenhilfe. In der anschließenden Behandlungsebene 1 erfolgen notfallmedizinische Versorgung und Stabilisierung. Die Behandlungsebene 2 stellt den Punkt der ersten notfallchirurgischen Versorgung dar. Die Entwicklung moderner Waffen mit hoher Splitter- und Explosionswirkung hat zu dieser Entwicklung geführt.
Die Behandlungsebenen 3 und 4 umfassen die abschließende medizinische Versorgung und Rehabilitation der Verwundeten.
(Bildquelle: Bundeswehr/PIZ UstgBer)
Die Behandlungsebene 2 bietet die erste notfallchirurgische Versorgung. Gemäß AJP-4.10 NATO Medical Support Doctrine ist die moderne Role 2 definiert als
“… a structure capable of the reception and triage of casualties, as well as being able to perform resuscitation and treatment of shock to a higher level than Role 1. It will routinely include DCS and may include a limited holding facility for a short term holding of casualties until they can be returned to duty or evacuated.” [16].
In der Folge werden auf der Behandlungsebene 2 primäre Stabilisierung schwerstverletzter bzw. polytraumatisierter Patienten sowie Damage-Control-Surgery (DCS) durchgeführt [16][17]. Der ursprüngliche Verzicht auf weiterführende Operationen führt zu einer Minimierung des Risikos sekundärer Operationstraumata. Dies trägt zur Erhöhung der Überlebensrate der Patienten bei.
Die dritte Behandlungsebene umfasst die klinische Akutversorgung, die im Rahmen eines Einsatzes zur Verfügung steht, um umfassende und spezialisierte medizinische Betreuung sicherzustellen. In der Role 4 oder Behandlungsebene 4 erfolgt die abschließende klinische Versorgung des Patienten nach einer Verlegung aus dem Kampfgebiet in den rückwärtigen Raum oder im Falle eines mandatierten Einsatzes einer Repatriierung und der weiteren Versorgung in einer entsprechend ausgerüsteten stationären Einrichtung [16][17]. Doch diese moderne Rettungskette musste sich erst, getrieben von den Herausforderungen und Konflikten des 19. und 20. Jahrhunderts, entwickeln.
Methode
In einem gemeinsamen militärhistorischen Projekt von französischen und deutschen Sanitätsoffizieranwärterinnen und -anwärtern unterschiedlicher Approbationsrichtungen wurde die Entwicklung der Role 2 in der Rettungskette der Streitkräfte als Ort der ersten chirurgischen Intervention beleuchtet. Zur Beantwortung der Forschungsfrage dieses binationalen medizinisch-militärhistorischen Projekts wurden sowohl Primär- als auch Sekundärquellen herangezogen, um eine fundierte Analyse der historischen Entwicklungen im militärischen Kontext vorzunehmen.
Zuerst erfolgte die Sichtung der Primärquellen, die über die Abteilung Geschichte der Wehrmedizin und Medizinethik sowie über die École de Santé des Armées als digitale Kopien der Originaldokumente zur Verfügung gestellt wurden. Ergänzend wurden auf deutscher Seite Lehrfilme sowie auf französischer Seite Vorschriften herangezogen. Die Primärquellen wurden gesichtet, kategorisiert und bewertet.
Neben den Primärquellen wurden Sekundärquellen herangezogen, um bereits bestehende Forschungsergebnisse zu berücksichtigen. Diese umfassten wissenschaftliche Artikel, Bücher und Dissertationen. Die Recherche nach relevanter Sekundärliteratur erfolgte in wissenschaftlichen Datenbanken und Online-Ressourcen. Als Auswahlkriterien wurden Aktualität, Methodik und inhaltlicher Aufbau festgelegt.
Nach einer kritischen Analyse der Quellen erfolgte die Integration der Daten aus Primär- und Sekundärquellen. Dieser Schritt umfasste den Vergleich beider Quellarten, um Übereinstimmungen und Diskrepanzen zu identifizieren. Die Synthese der Ergebnisse ermöglichte umfassende und fundierte Schlussfolgerungen. Eine gesonderte ethische Überlegung und eine erweiterte Quellenkritik wurden nur im Rahmen der ersten Analyse durchgeführt. Dies wirkt sich limitierend auf die Ergebnisse aus und führt zu einem möglichen Bias.
Ergebnisse und Diskussion
Die Entwicklung bis 1918
Als Ausgangspunkt der Entwicklung der militärmedizinischen Versorgung hin zu einer modernen sanitätsdienstlichen Versorgung auf dem Gefechtsfeld kann der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 betrachtet werden [11][15]. Das Militär des Norddeutschen Bundes sowie der durch Schutz- und Trutzbündnisse mit Preußen gebundenen süddeutschen Staaten hatte bereits eine grundlegende Rettungskette mit Militärärzten und Mitarbeitern des Roten Kreuzes eingerichtet [14]. Diese wegweisende Entwicklung kann als Folge des Deutschen Krieges von 1866 betrachtet werden. Dennoch hatte das sogenannte Sanitätskorps innerhalb der deutschen Armeen noch bis 1873 keine einheitliche Dienstorganisation [11][14]. Auf französischer Seite machten ein noch weitestgehend fehlendes Organisationssystem, nicht-standardisiertes Wissen und Ausrüstung sowie die noch vergleichsweise geringe Bekanntheit des Roten Kreuzes den dringenden Reformbedarf deutlich [13]. Auf beiden Seiten wurde deutlich, dass die Entwicklung und Zentralisierung der bestehenden medizinischen Versorgung weiterentwickelt werden mussten.
Nach dem Deutsch-Französischen Krieg führte insbesondere die Reform des Etappenwesens 1872 auf deutscher Seite zu einer Verbesserung und Vereinheitlichung der Verwundetenversorgung, da im Kriegsfall nun alle in fachlicher Instanz eingesetzten Kräfte des Militärsanitätswesens dem Generalstabsarzt der preußischen Armee unterstanden [11]. Zudem verfügte ab 1906 jede der bis dahin 4 Armee-Inspektionen im Deutschen Kaiserreich über eine eigene Sanitätsbehörde [11]. Auf französischer Seite kam es in dieser Zeit nur zu wenigen Neuerungen. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 und der erstmalige umfassende Einsatz moderner Artillerie sowie automatischer Waffen führten allerdings für beide Seiten zu einem kaum zu bewältigenden Verwundetenaufkommen. Ebenso veränderten sich die Verletzungsmuster durch den Einsatz immer leistungsfähigerer neuer Waffen hin zu einem Anstieg der Amputations- und Splitterverletzungen [11][18].
Abb. 2: Einsatz vorgeschobener chirurgischer Elemente im Ersten Weltkrieg:
Die Rettungsketten während des Ersten Weltkriegs auf deutscher und französischer Seite waren stark an die jeweiligen militärischen Strukturen angepasst. Aufgrund der hohen Verluste wurde erstmals eine mobile vorgeschobene chirurgische Einheit, sogenannte „Autochir“, im französischen Militär eingeführt [13]. Das deutsche Sanitätskorps nutzte größtenteils feste Truppenverbandsplätze und Transportpunkte (Eigene Abbildung).
Die Entwicklung bis zum Ende des 2. Weltkriegs
Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs im November 1918 und den Bestimmungen des Versailler Vertrages (Artikel 159 bis 213) wurde festgelegt, dass sich Deutschland, „um den Anfang einer allgemeinen Beschränkung der Rüstungen aller Nationen zu ermöglichen“, zu einer Reduktion seiner Armee auf 100 000 Soldaten verpflichtet [9]. In der Folge kam es auf deutscher wie auf französischer Seite zu keinen weiteren Sprunginnovationen im Bereich der chirurgischen Erstversorgung.
Ab Beginn des Zweiten Weltkriegs nutzten die französische Armee sowie die Streitkräfte des Freien Frankreichs motorisierte mobile Einheiten, sogenannte „Ambulance chirurgicale“, als Role 2. Diese basierten auf einem verbesserten „Autochir“-Modell und waren an die Gegebenheiten des Bewegungskriegs angepasst. Sie können als französischer Vorläufer der Role 2 angesehen werden [13]. Nach der Operation Torch, der Landung alliierter Truppen in Französisch-Nordafrika im November 1942, erhielten die Streitkräfte des Freien Frankreichs unter General de Gaulle zunehmend amerikanische Ausrüstung und passten ihre Doktrin dem US-Modell an [5][13].
Die deutsche Wehrmacht setzte bereits seit dem völkerrechtswidrigen Überfall auf Polen 1939 eine Struktur ein, die der heutigen sehr ähnlich war. So verfügte jede Division über zwei „Hauptverbandsplätze“, die über jeweils zwei Operationsgruppen verfügten und pro Tag Kapazität für 25 Schwerverletzte hatten. Die Sanitätstruppe der Wehrmacht verwendete auch mobile Operationssäle, sogenannte Feld-Operationswagen, die auf Kleinbussen montiert waren und gute Ergebnisse lieferten (Abbildung 3) [4][10].
Abb. 3: Mobiler deutscher Feld-Operationswagen:
Die Einheit ist mit einer französischen Ambulance chirurgicale vergleichbar. Beide Ansätze sind Modifikationen bereits etablierter Militärfahrzeuge mit unterschiedlichen Aufsätzen, um die Anzahl der benötigten Wartungsteile zu minimieren (Bild: Sammlung Holger Erdmann).
Entwicklung zu heutigen Strukturen
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland wurde diese in das Sicherheitssystem der Westalliierten, die North Atlantic Treaty Organisation (NATO), integriert. Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) wurde mit ihren Streitkräften in den Warschauer Pakt aufgenommen. Die Aufgabe der Role 2 während des Kalten Krieges war von der Idee geprägt, die Zahl der Opfer bei einer möglichen konventionellen Konfrontation zwischen den Blöcken zu begrenzen [19]. Während sich die deutsche Struktur hauptsächlich an den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs orientierte, musste sich der französische Sanitätsdienst an die Bedürfnisse von Konflikten und Kriegen in den Kolonien, etwa im Indochinakrieg, anpassen. Eine der bedeutendsten Entwicklungen des Indochinakrieges in sanitätsdienstlicher Hinsicht waren die „Antennes Chirurgicales Parachutistes“ (ACP), vergleichbar mit einem Forward Surgical Element. Diese waren luftverlegbar und konnten die chirurgische Erstversorgung samt Sterilisation bereitstellen, wobei bestehende Infrastrukturen genutzt werden konnten. Die französische Armee stellte sich damit auf die schlechte Zugänglichkeit des bergigen Dschungels im Einsatzgebiet und auf schnelle Lageänderungen ein. Gleichzeitig erschwerte die effektive feindliche Flugabwehr den schnellen Abtransport der Patienten. Das ACP war mit zwei Chirurgen, einem Anästhesisten, zwei Krankenschwestern, einem Instrumenteur und drei Sanitätssoldaten besetzt. So konnten mit langer Durchhaltefähigkeit und begrenzter Haltekapazität für Patienten lebensrettende Operationen aus dem Repertoire der DCS durchgeführt werden [1][6].
Die neu gegründete Bundeswehr orientierte sich weiterhin an den Lehren des Zweiten Weltkriegs. Die Organisationsstrukturen der deutschen Sanitätstruppe wurden modernisiert und sowohl an den technischen als auch an den medizinischen Fortschritt angepasst. So behielt der bereits im Ersten Weltkrieg etablierte Hauptverbandplatz seine Funktion als Ort des ersten chirurgischen Kontakts und wurde als zeltgestützte verlegbare Einheit konzipiert, welche in der Lage ist, der kämpfenden Truppe bei ihrem Auftrag zu folgen. Aufgrund des Fehlens groß angelegter Einsätze oder Konflikte wurden jedoch nur vergleichsweise geringe Verbesserungen vorgenommen [3].
Jüngste Konflikte wie der Irak- und Afghanistankrieg sowie die Operationen in Mali zwangen die medizinischen Dienste, sich an die Realität hochintensiver Konfrontationen in unterschiedlichen Umgebungen anzupassen. Zum ersten Mal wurden die sogenannten „Rollen“, wie sie heute genutzt werden, in der AJP-4.10 NATO MEDICAL SUPPORT DOCTRINE definiert [16]. Die Feldchirurgie der Weltkriege als Punkt des „ersten chirurgischen Kontakts“, den wir aus der Geschichte kennen, entwickelte sich durch fortwährende Innovation auf medizinischer und auch militärischer Seite zur Role 2 [6]. Um eine DCS innerhalb von 2 Stunden nach der Verletzung durchführen zu können, musste die Einbindung geschulten medizinischen Personals und fortschrittlicher Technologie auf einer leicht transportierbaren Basis entwickelt werden. So haben die aktuelle Entwicklung im Rahmen gemeinsamer Stabilisierungseinsätze und die von der NATO eingeführte Standardisierung zu vielen Ähnlichkeiten zwischen der deutschen und der französischen Role 2 geführt [1][3][6]. Die Zusammenarbeit und der Wissensaustausch unter den beteiligten Nationen sind dabei militärische Schlüsselfaktoren [16].
Der genaue Ablauf der Rettungskette, die verwendeten Transportmittel sowie die Auswahl einer geeigneten Role-2-Versorgungseinrichtung hängen stark vom spezifischen Einsatzort und den dort herrschenden Einsatzbedingungen ab. Für einen flexiblen und effektiven Einsatz müssen ausreichend ausgebildetes und einsatzbereites Personal, geeignete Patiententransportmittel sowie passende Behandlungseinrichtungen bereitgestellt werden [3][16].
Trotz aller Anpassungen und Gemeinsamkeiten zwischen dem deutschen und dem französischen Verständnis einer Role 2 bestehen weiterhin Unterschiede, insbesondere auf technischer Ebene und im Hinblick auf das vorgesehene Einsatzszenario (Abbildung 4).
Abb. 4: Gegenüberstellung aktueller Konzepte der Role 2 auf deutscher und französischer Seite:
Die Darstellung und Leistungsübersichten verdeutlichen das geistige Erbe und den Auftragshintergrund sowie den individuellen Ansatz der beiden Nationen, der trotz der Standardisierung durch die NATO in den individuellen Einsatzdoktrinen festgehalten ist. So sind die französischen Konzepte leichter und schneller verladbar, wohingegen die deutschen Konzepte über einen größeren Umfang sowie längere Durchhaltefähigkeit verfügen.
(Bildquelle: (A und B) erstellt mit ChatGPT/OpenAI 2025, (C und D) Bundeswehr)
Fazit
Im Rahmen der Evolution der Role 2 war einer der wichtigsten Schritte, die Bedeutung einer qualitativ hochwertigen medizinischen Versorgung in unmittelbarer Nähe der Verletzungsstelle zu erkennen und Forward Surgical Elements für eine bedarfsgerechte Versorgung auszubringen. Diese Lehre haben sowohl Deutschland als auch Frankreich aus der Vergangenheit gezogen und ihre eigenen Ideen konsequent weiterentwickelt. Die aktuelle Diskussion dreht sich um die Balance zwischen Mobilität, Anpassungsfähigkeit und Autarkie bei stationären Role 2-Einrichtungen.
In den jüngsten Konflikten wie etwa dem Ukrainekrieg kehrt nach Mitteilungen des ukrainischen Verteidigungsministeriums dank adäquater medizinischer Versorgung ein hoher Prozentsatz verwundeter Soldaten und Soldatinnen nach nach der Genesung an die Front zurück [7][8].
Literatur
- Adnet T. Les antennes chirurgicales parachutistes à Diên Biên Phu [Internet].[Letzter Aufruf 8. September 2025]; Verfügbar unter: https://www.cheminsdememoire.gouv.fr/sites/default/files/2019-06/antennes%20chirurgicales.pdf mehr lesen
- Bundeswehr. Übersicht Sanitätsausbildung Bundeswehr [Internet].[Letzter Aufruf 8. September 2025];Verfügbar unter: https://www.bundeswehr.de/de/meldungen/sanitatesausbildung-bundeswehr-leben-retten-lernen mehr lesen
- Bundeswehr. Vom Hauptverbandsplatz zum Einsatzrettungszentrum [Internet]. [Letzter Aufruf 8. September 2025]; https://www.bundeswehr.de/de/sanitaetsdienst-vom-hauptverbandplatz-zum-einsatzrettungszentrum-4305724 (letzter Zugriff am 08. September 2025)
- Busch R. Stalingrad – Die stillen Helden - Das Schicksal der Sanitätseinheiten. Graz: ARES-Verlag; 2019.
- Chauliac G. Le service de santé de la France libre de 1940 à 1943, Guy Chauliac. Paris: Édition Personnelle ; 1994.
- de Saint-Julien J, Vergos M. Les antennes chirurgicales, un concept d’actualitéField surgical units. Bulletin de l'Académie Nationale de Médecine 2006;190(4-5):1051-1059. mehr lesen
- Denisova K. Ministry: Over 75% of injured Ukrainian soldiers return to service after rehabilitation [Internet].[Letzter Aufruf 8. September 2025];Verfügbar unter: https://www.kyivindependent.com/over-75-of-injured-soldiers-return-to-service-after-rehabilitation/ mehr lesen
- Epstein A, Lim R, Johannigman J, Fox C, Inaba K, et al. Putting Medical Boots on the Ground: Lessons from the War in Ukraine and Applications for Future Conflict with Near-Peer Adversaries. J Am Coll Surg 2023;237(2): 364-373. mehr lesen
- Friedensvertrag von Versailles, 28. Juni 1919. Teil V: Bestimmungen über Landheer, Seemacht und Luftfahrt, Artikel 159 bis 213. mehr lesen
- Fuss PW. Militärische Erstversorgung von Verwundeten auf dem Gefechtsfeld durch Soldaten der Kampftruppe – vom Hilfskrankenträger zum Combat First Responder. München: Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, Ludwig-Maximilians-Universität; 2020. mehr lesen
- Hartmann V. Sanitätsdienst im Stellungskrieg – Besondere Herausforderung an Hygiene, Gesundheitsvorsorge und Verwundetenversorgung. WMM 2014;57(7):231-238. mehr lesen
- Kolmsee P. Unter dem Zeichen des Äskulap - eine Einführung in die Geschichte des Militärsanitätswesens von den frühesten Anfängen bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Bonn: Beta Verlag; 1997.
- Larcan A, Ferrandis JJ. Le Service de santé aux armées pendant la Première Guerre mondiale. Paris: LBM 2008.
- Löffler F: Das preußische Militär-Sanitätswesen und seine Reform nach der Kriegserfahrung von 1866. Berlin: Verlag von August Hirschwald; 1868.
- Müllerschön A, Vollmuth R. Der Deutsch-Französische Krieg als Meilenstein medizinischen Wissenstransfers zwischen Sanitätsdienst und ziviler Forschung.WMM 2022;66(2):86-87. mehr lesen
- NATO Standardization Office: NATO STANAG 2228 AJP-4.10 NATO Medical Support Doctrine [Internet].September 2029;[Letzter Aufruf 8. September 2025]; Verfügbar unter: https://www.coemed.org/files/stanags/01_AJP/AJP-4.10_EDC_V1_E_2228.pdf mehr lesen
- Neitzel C, Ladehof K. Taktische Medizin - Notfallmedizin und Einsatzmedizin (3. Auflage). Berlin: Springer Verlag; 2024.
- Osten P: Erster Weltkrieg 1914–1918: Militärmedizin – unvorbereitet in die Krise. Dtsch. Ärztebl. 2015; 112(9): A-370-372 mehr lesen
- Thoß B: NATO-Strategie und nationale Verteidigungsplanung. Berlin: De Gruyter Oldenbourg ; 2005.
Kernaussagen
- Die von der NATO eingeführte Standardisierung hat zu vielen Gemeinsamkeiten zwischen der deutschen und der französischen Role 2 geführt.
- Dennoch bestehen weiterhin Unterschiede, insbesondere auf technischer Ebene und in Bezug auf das vorgesehene Einsatzszenario.
- Die genannten Konflikte zeigen die Bedeutung einer qualitativ hochwertigen medizinischen Versorgung in unmittelbarer Nähe der Verletzungsstelle.
- In den jüngsten Konflikten kehrt ein hoher Prozentsatz verwundeter Soldaten an die Front zurück und kämpft weiter, nachdem sie ausreichend medizinisch versorgt wurden.
- Die Diskussion über Mobilität und Anpassungsfähigkeit sowie eine dauerhaftere und autarkere stationäre Role 2 muss weitergeführt werden.
Manuskriptdaten
Zitierweise
Springer F, Boismoreau TL, Andrae N, van Landeghem MA, Kluwe JP, Steyger E, Rohrbach A, Ferrer-Mora V, Chereil de la rivière B.. Entwicklung der Role 2 als erstes chirurgisches Element der Rettungskette in Deutschland und Frankreich – Eine kurze Geschichte der Gemeinsamkeiten, Unterschiede und ein Blick in die Zukunft. WMM 2026;70(4):178-183.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-813
Für die Verfasser
Stabsapotheker Dipl.-Pharm. Fabian Springer
Institut für Pharmakologie und Toxikologie,
Sanitätsakademie
Neuherbergstr. 11, 80937 München
E-Mail: fabian1springer@bundeswehr.org
Manuscript Data
Citation
Springer F, Boismoreau TL, Andrae N, van Landeghem MA, Kluwe JP, Steyger E, Rohrbach A, Ferrer-Mora V, Chereil de la rivière B. [Development of Role 2 as the First Surgical Element of the Rescue Chain in Germany and France – A Brief History of Similarities, Differences, and a Look Into the Future]. WMM 2026;70(4):178-183.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-813
For the Authors
Captain (MC) Dipl.-Pharm. Fabian Springer
Bundeswehr Institute of Pharmacology and Toxicology
Bundeswehr Medical Academy
Neuherbergstr. 11, D-80937 München
E-Mail: fabian1springer@bundeswehr.org