Wehrmedizinische Monatsschrift

  • Archiv
  • Kontakt
  • Archiv
  • Kontakt

Suchergebnis
Links
Rechts
Inhaltsverzeichnis
Editorial
Editorial
Grußwort
Führen,​ Ausbilden und Erziehen!
Militärchirurgie und Kultur
Leidenschaft für die Chirurgie – eine Beziehung mit Zukunftspotenzial?

Militärchirurgie und Kultur
Brauchen wir das noch oder kann das weg? (Militär-)Chirurgie in der kulturellen Transformation





Militärchirurgie und Kultur
Die andere Seite des Tuches – Moderne Chirurgie aus Sicht der Anästhesie




Militärchirurgie und Kultur
Die andere Seite am Bett:​ Moderne Chirurgie aus der ­Perspektive der Pflege

Militärchirurgie und Kultur
Kommentar zu „Next Generation“:​ Brauchen wir eine neue Führungskultur in der Militärmedizin?
Militärchirurgie und Zukunft
Krieg in der Ukraine – Implikationen für die chirurgisch ­tätigen Sanitätsoffiziere in Large-Scale Combat Operations



Militärchirurgie und Zukunft
„Train to Fight“ – Die Rolle der Thoraxchirurgie in der ­militärchirurgischen Ausbildung der Bundeswehr



Militärchirurgie und Zukunft
Spezialisierung gegen breite Ausbildung – Wie geht es mit der (Militär-) chirurgischen Ausbildung weiter?



Militärchirurgie und Zukunft
Herausforderungen über das Abdecktuch hinaus – Katastrophenmedizin und die Vorsorge des ­Gesundheitssystems


Varia
PROMSO-Studie:​ Prophylaktische Onlay-Netzimplantation zur ­Senkung der Narbenhernienrate nach offener Abdominalbehandlung – Design und Aufruf zu einer multizentrischen,​ randomisierten Studie




Varia
Forum Allgemeinmedizin – Netzwerk für angewandte Forschung in der ambulanten Versorgung im Sanitätsdienst der Bundeswehr


Varia
Entwicklung der Role 2 als erstes chirurgisches Element der Rettungs­kette in Deutschland und Frankreich – Eine kurze Geschichte der Gemeinsamkeiten,​ Unterschiede und ein Blick in die Zukunft





Varia
Zum Ruhestand von Oberstarzt Professor Dr.​ med.​ habil.​ Erwin Waldemar Kollig

Tagungen und Kongresse
Bericht von der 33.​ Jahrestagung der ARCHIS in Hamburg

Tagungen und Kongresse
5th Symposium on Tropical Medicine and Infectious Diseases in an International Military Context 2026
Mitteilungen der DGWMP e.​ V.​
Einladung zum Nachwuchsforum und Ausschreibung des Heinz-Gerngroß-Förderpreises 2026
Mitteilungen der DGWMP e.​ V.​
Geburtstage Mai 2026
Militärchirurgie und Zukunft PDF

Krieg in der Ukraine – Implikationen für die chirurgisch tätigen Sanitätsoffiziere in Large-Scale Combat Operations1

War in Ukraine – Implications for Medical Officers Performing Surgery in Large-Scale Combat Operations

Daniel Hincka, Diana Podolskab, Jens-Peter Eversa

1 Zur besseren Lesbarkeit wird in diesem Artikel das generische Maskulinum verwendet. Die in der Arbeit verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich – sofern nicht anders gekennzeichnet – auf alle Geschlechter.

a Operatives Führungskommando der Bundeswehr JMed, Berlin

b Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie, Knappschaftskrankenhaus Dortmund

Zusammenfassung

Der seit 2022 andauernde russische Angriffskrieg gegen die Ukraine markiert einen Paradigmenwechsel der militärchirurgischen Versorgung von Verwundeten im Kontext von Large-Scale Combat Operations (LSCO). Im Vergleich zu früheren asymmetrischen Einsätzen in Afghanistan und dem Irak sind auf einem transparenten, contested Battlespace die Transportzeiten deutlich verlängert, medizinische Infrastrukturen bedroht und Ressourcen stark eingeschränkt. Diese Bedingungen erfordern eine Anpassung der chirurgischen Ausbildung und der Einsatz­praxis.

Zentrale Ableitungen betreffen die konsequente Anwendung von Damage Control Surgery und Resuscitation sowie die Beherrschung von Prolonged Field Care an denkbaren frontnahen Stabilization Points. Zukünftige Militärchirurgen müssen unweigerlich Kompetenzen in Zwei-Höhlen-Eingriffen mit Blutungskontrolle, Gefäßinterventionen, Notfallamputationen und intensiver postoperativer Betreuung entwickeln. Gleichzeitig gewinnen Entscheidungsfindung unter sich schnell ändernden taktisch-operativen Bedingungen, Improvisationsfähigkeit und militärische Führungskompetenz an Bedeutung.

Der Beitrag zeigt, dass medizinische Überlegenheit in LSCO weniger durch Spezialisierung als vielmehr durch breite Ausbildung, Anpassungsfähigkeit und Systemresilienz bestimmt wird.

Schlüsselwörter: Verwundetenzahlen, Anpassung, Training Militärchirurgie, Transportzeiten, Einsatzgrundsätze, Damage Control Surgery

Summary

The war in Ukraine, ongoing since 2022, marks a paradigm shift in military surgical care for casualties during large-scale combat operations (LSCO). Compared to previous asymmetric missions in Afghanistan and Iraq, evacuation times are significantly longer on a transparent, contested battlespace, medical infrastructure is under threat, and resources are severely limited. These conditions require adaptations in surgical training and deployment practices.

Key takeaways include the consistent application of damage control surgery and resuscitation, as well as mastery of Prolonged Field Care at forward Surgical Stabilization Points. Future military surgeons will inevitably need skills in two-cavity procedures with hemorrhage control, vascular interventions, emergency amputations, and intensive postoperative care. At the same time, decision-making under rapidly changing tactical and operational conditions, improvisation skills, and military leadership are becoming increasingly important.

This article shows that medical superiority in LSCO is determined less by specialization and more by broad training, adaptability, and system resilience.

Keywords: large-scale combat operations; adaptations; military surgical training; transportation time; deployment practices; damage control surgery

Einleitung

Der russisch-ukrainische Krieg ist seit 2022 das erste Beispiel für einen hochintensiven zwischenstaatlichen Krieg im Sinne einer Large-Scale Combat Operation (LSCO) im 21. Jahrhundert [1]. Moderne Waffensysteme, der umfassende Einsatz von Aufklärungs- und Kampfdrohnen, Artilleriedominanz, gepaart mit einem verkürzten Sensor-to-Shooter-Cycle, und die bewusste Bedrohung der medizinischen Infrastruktur prägen ein Konfliktszenar, das sich grundlegend von den asymmetrischen Konflikten der frühen 2000er-Jahre im Irak (Operation Iraqi Freedom, OIF) oder Afghanistan (International Security Assistance Force, ISAF) unterscheidet.

Das zunehmend digitalisierte und transparente Gefechtsfeld hemmt Bewegungen an der Frontlinie (Forward Line of Own Troops, FLOT) in einem knapp 10 km breiten, sich über die Konfliktdauer hinweg um ein Vielfaches weiter ausdehnenden Contested Battlespace. Konkludent führt dieser Umstand zu einer zu den vorgenannten Einsätzen divergierenden Form der sanitätsdienstlichen Verwundetenversorgung.

Ziel dieser narrativen Literaturübersicht und Analyse ist es, diese Veränderungen darzustellen und Ableitungen für die zukünftigen Anforderungen an chirurgisch tätige Sanitätsoffiziere zu treffen.

Verwundetenversorgung in Afghanistan (um 2011)

Operativ-taktisches Umfeld

Das operativ-taktische Umfeld der NATO-geführten Militäroperation ISAF in Afghanistan war geprägt von einer asymmetrischen Kriegsführung mit improvisierten Sprengsätzen (IED), Hinterhalten und begrenzten offenen Kampfhandlungen aller Parteien.

Ein wesentlicher Unterschied zum derzeitigen Krieg in der Ukraine war die auf Seiten der NATO-Kräfte bestehende Lufthoheit (Air Supremacy). Aufgrund dessen konnten verwundete Soldaten in der Regel vom Point of Incident (POI) innerhalb von 30–60 Minuten nach dem Ereignis luftgebunden per Hubschrauber in Role-2- oder Role-3-Einrichtungen (rotary-fixed MedEvac, MEDical EVACuation) verbracht werden. Die geforderte „Golden Hour“ war operational umsetzbar. Dies ermöglichte i.d. R. eine chirurgische Versorgung (Damage ­Control Surgery, DCS) innerhalb von 2 Stunden nach der Verwundung, reduzierte die Notwendigkeit einer Prolonged Field Care (PFC)erheblich und ermöglichte im Anschluss eine strategische Evakuierung (StratAirMedEvac) in das Heimatland [4][11][17][18].

Verwundetenversorgung ISAF/OIF

Belmont et al. untersuchten in einer Kohorte von 7877 verwundeten Soldaten die Verletzungslokalisation. Am häufigsten waren Extremitäten (51,9 %) gefolgt von Kopf- und Nackenregion (28,1 %) betroffen. Thorax und Abdomen waren in 9,9 % und 10,1 % der Fälle die Verwundungslokalisationen. In 74,4 % waren Explosions- bzw. Splitterverletzungen und in 19,9 % Schussverletzungen ursächlich [3].

Infolge der hohen Anzahl an Extremitätenverletzungen wurden Tourniquets zunehmend standardisiert eingesetzt, seinerzeit aufgrund der kurzen Transportzeiten meist mit kurzen Ischämiezeiten. Aufgrund kurzer Evakuierungszeiten und einer entsprechenden Schulung von Soldaten waren tourniquet-assoziierte Komplikationen zu vernachlässigen [14][15].

Blutprodukte, einschließlich Vollblut, standen abgestützt auf etablierte logistische Ketten zuverlässig zur Verfügung [9][10]. Der Einsatz von Tourniquets, Transfusionsmanagement und kürzere Transportzeiten des Verwundeten führten in den Jahren 2001 bis 2017 zu einer Reduktion der Mortalität um 44 %. Zudem stieg die Überlebensrate kritisch verletzter amerikanischer Soldaten im Irak und Afghanistan (ISS 25–75) von 2,2 % (2001) auf 39,9 % (2017) [11].

Während die Case Fatality Rate (CFR) und Killed in Action (KIA) Rate in den ISAF/OIF im Vergleich zum Vietnam-Konflikt (1965–1975) niedriger waren, lag die Died of Wound Rate (DOW = Inhouse-Mortalität) im Vergleich zu ISAF/OIF bei 5,3 % vs. Vietnam 3,3 %. Eine scheinbare Erklärung ist die verkürzte Transportzeit des Verwundeten, was jedoch für einige Autoren zu kurz gefasst erscheint [17].

Verwundetenversorgung in der Ukraine
(2022–2025)

Belastbare Verwundetenzahlen im derzeitigen Konflikt sind geheim und nicht in öffentlichen Quellen zugänglich. Einzig narrative Artikel können zur Analyse der Verwundetenversorgung in der Ukraine ausgewertet werden. Im Folgenden werden die Herausforderungen dargestellt.

Operativ-taktisches Umfeld

Im laufenden Ukrainekrieg lässt sich der frontnahe Gefechtsraum in einen Contested Battlespace (ca. 40km Tiefe), einen Denied Battlespace (ca. 15–20 km Tiefe) und eine Technological Exclusion Zone (ca. 5 km Tiefe) – ausgehend von der Forward Line of Own Troops (FLOT) – gliedern. Diese umfasst nahezu sämtliche Dimensionen.

Während im umkämpften physischen Contested Battlespace Evakuierungen unter hohem Risiko noch möglich sind, wird die sanitätsdienstliche Versorgung im Denied Battlespace stark eingeschränkt und in der Technological Exclusion Zone nahezu unmöglich. Verwundete sind über lange Zeit auf Selbst- und Kameradenhilfe bzw. PFC angewiesen [12].

Folglich versterben Verwundete in der Ukraine aufgrund von Lücken in der Erstversorgung und in der anschließenden Evakuierungskette an prinzipiell behandelbaren Verletzungen (potentially survivable resp. preventable morbidity and mortality). Sinnbildlich für diesen Umstand ist die steigende Inzidenz amputierter Extremitäten nach Anwendung von Tourniquets ohne Kontrolle der fortwährenden Indikation während der Evakuierung (Abbildung 1) [13].

Abb. 1: Extremität mit liegendem Tourniquet und Ischämie

Aus den narrativen Veröffentlichungen lassen sich für die chirurgische Versorgung folgende Ableitungen für ein LSCO-Szenar treffen [13][16][19][21]:

  • prolongierte Evakuierungszeiten (zwischen 1 Stunde bis mehrere Tage) bei fehlenden oder weit dislozierten sanitätsdienstlichen Versorgungseinrichtungen und fehlenden Transportmöglichkeiten,
  • Notwendigkeit der personellen und materiellen Standardisierung der sanitätsdienstlichen Versorgungseinrichtungen, die insbesondere den Besonderheiten von Surgical Stabilization Points (SSP; siehe unten) Rechnung tragen,
  • herausfordernde postoperative Versorgung der versorgten Verwundeten vor Ort im SSP sowie en route sowie
  • notwendige standardisierte Ausbildung des sanitätsdienstlichen Personals (z. B. DCS, PFC).

Verwundetenversorgung Ukraine

Surgical Stabilization Points (SSP)

Ein zentrales strukturelles Element der chirurgischen Versorgung in der Ukraine ist die Etablierung chirurgischer Stabilisierungspunkte (Surgical Stabilization Points, SSP), die funktional zwischen NATO-Role 1 und -Role 2 angesiedelt sind. Diese Einrichtungen dienen nicht der definitiven Versorgung, sondern der schnellen chirurgischen Stabilisierung kritisch verletzter Verwundeter im Denied Battlespace und in der Technological Exclusion Zone im Sinne der DCS in unmittelbarer Nähe zur FLOT (Abbildung 2).

Abb. 2: Surgical Stabilization Points

SSP sind hochmobil und ressourcenadaptiert konzipiert. Sie ermöglichen DCS unter Bedingungen eingeschränkter Diagnostik, limitierter logistischer Versorgung und permanenter Bedrohung durch Artillerie- und Drohnenangriffe. Typische Eingriffe umfassen Blutungskontrolle inkl. Packing, temporäre Gefäßshunts, Thoraxdrainagen, Notfallamputationen sowie die initiale Behandlung schwerer thorakoabdomineller Verletzungen [1][5][13][20][21]. Neben den oben beschriebenen Eingriffen sind Kenntnisse in der Behandlung von Verbrennungen, Barotrauma und Atemwegsschäden bei Einsatz thermobarischer Waffen unumgänglich [8].

Die Bedeutung dieser Stabilisierungspunkte ergibt sich unmittelbar aus den stark verzögerten Evakuierungszeiten. SSP verkürzen die Evakuierungsdauer nicht, reduzieren jedoch die Zeit bis zur ersten chirurgischen Intervention und senken dadurch die Mortalität und die Sekundärschäden. Offizielle Daten existieren aufgrund fehlender zugänglicher Registerdaten zurzeit noch nicht.

Studien aus der Ukraine zeigen allerdings, dass an Role 2- und Role 2+-nahen Strukturen bereits ein erheblicher Anteil an Damage Control Resuscitation und Damage Control Surgery durchgeführt wird, was einer funktionalen Verschiebung der Versorgungsrollen an die FLOT gleichkommt [13][16][20]. Diese chirurgischen Stabilisierungspunkte knüpfen funktional an die aus den NATO-Einsätzen bewährten Forward Surgical Teams (FST) an, erfordern jedoch eine weitaus höhere Autonomie, um die durch verzögerten entlastenden Patiententransport notwendige PFC im SSP abbilden zu können [12][16]. Diese Entwicklung erfordert seitens der ukrainischen Streitkräfte eine Anpassung der chirurgischen Ausbildung, insbesondere im Hinblick auf die Entscheidungsfindung unter Unsicherheit, Ressourcenknappheit und einer verlängerten postoperativen Betreuung [1][12][16].

In ihrem retrospektiv-deskriptiven Artikel berichten Samofalov et al. über einen Zeitraum von 2022 bis 2024 von 56 % durchgeführten DCS- und 35 % Early Total Care-Eingriffen (ETC) in den SSP [21].

Vor allem die taktische Situation im Sinne eines zeitlich nicht vorhersehbaren Massenanfalls an Verwundeten macht eine Restriktion auf DCS-Eingriffe bis 90 Minuten erforderlich. Erwähnte Triggerfaktoren zur Entscheidungsfindung zugunsten von DCS sind sehr generisch gehalten: mehrfache Darmverletzungen, Bewusstseinszustand des Patienten, Körperkerntemperatur < 35 °C, O2-Sättigung < 85 % und sonografisch nachgewiesene intraabdominelle freie Flüssigkeit [21].

Evakuierung und zeitliche Verzögerung

Ein zentrales Merkmal des dortigen Krieges ist die massive Verzögerung bei der Evakuierung der Verwundeten [12][13]. Luftgestützte MEDEVAC-Konzepte sind aufgrund fehlender Luftüberlegenheit praktisch nicht realisierbar. Bodengebundene Evakuierungen erfolgen häufig über improvisierte Transportmittel, über beschädigte Infrastruktur und unter direkter Bedrohung durch Artillerie und Drohnen. Die Folge sind Evakuierungszeiten von mehreren Stunden bis hin zu Tagen. Derzeit werden weniger als 10 % der Verwundeten innerhalb der Golden Hour einer ROLE 2 zugeführt. Über die Dauer des Konfliktes nahm die durchschnittliche Evakuierungszeit von POI bis zur ROLE 2 deutlich zu. 2022 betrug diese im Durchschnitt 134 Minuten (15 Minuten bis 12 Stunden); 2023 war der Durchschnitt nicht mehr repräsentativ, da er einige Stunden bis mehrere Tage betrug [21].

Prolonged Field Care (PFC)

Die zeitliche Verzögerung der MedEvac zwingt medizinisches Personal zu einer langanhaltenden Versorgung auf niedrigeren Versorgungsebenen sowohl am Point of Incident (POI) als auch in einem SSP. PFC ist nicht mehr die Ausnahme, sondern wird zur Regel [1][12][16]. Ersthelfer, erweitert geschulte Soldaten vergleichbar einem Einsatzersthelfer-B, Ärzte und Pflegepersonal in SSP übernehmen häufig intensivmedizinische Aufgaben, oft ohne adäquate Ausstattung. Von ihnen wird schon am POI über eine unbestimmt lange Zeit bis zur Evakuierung u. a. ein Blutungsmanagement mit frühzeitiger Gabe von Blut verlangt und mittlerweile auch für nicht-ärztliches Personal erlaubt [21].

Blutungen bleiben die häufigste vermeidbare Todesursache [5][7]. Tourniquets spielen weiterhin eine zentrale Rolle, werden jedoch im Ukrainekrieg häufig überindiziert eingesetzt. In Kombination mit langen Evakuierungszeiten führt dies zu ischämischen Schäden, Amputationen und metabolischen Komplikationen. Gleichzeitig ist der Zugang zu Blutprodukten eingeschränkt, sodass improvisierte Blutversorgungsmöglichkeiten („walking blood banks“, Blutlogistik per Drohnen) notwendig werden. Diese Entwicklungen stellen hohe Anforderungen an Ausbildung, Material und Entscheidungsfindung.

Folgerungen für die zukünftige Militärchirurgie in LSCO

Die Erfahrungen aus der Ukraine zeigen, dass Konzepte, die bei ISAF/OIF erfolgreich waren, nicht ohne Weiteres auf LSCO, z. B. auf einen Konflikt wie den Ukrainekrieg, übertragbar sind.

Die vergleichende Darstellung der Verwundetenversorgung in der Ukraine zu ISAF/OIF macht deutlich, dass die Ausbildung eines in einer LSCO eingesetzten Chirurgen überdacht werden muss. Konzepte, die während der Einsätze im Irak und in Afghanistan etabliert wurden, behalten zwar weiterhin ihre Gültigkeit, müssen jedoch an die Bedingungen einer verzögerten Evakuierung, eingeschränkter Ressourcen und einer hochintensiven Gefechtsführung, verbunden mit einer hohen Bedrohungslage, angepasst werden (diametral zu ISAF und OIF).

Zentral ist weiterhin die Anwendung der DCS mit dem Ziel der Lebensrettung. Neben einer Zwei-Höhlen-Kompetenz stehen vor allem Blutungskontrolle, Notfallamputationen, Gefäßinterventionen, Fasziotomien und Débridements im Vordergrund. Sowohl medizinische als auch militärische Entscheidungen müssen unter Zeitdruck und bei hoher Patientenzahl getroffen werden. Im Zuge der verzögerten Evakuierung übernimmt der Chirurg zugleich intensivmedizinische Aufgaben, z. B. eine Hämotherapie. Fähigkeiten der PFC unter widrigen Bedingungen stellen den anzunehmenden Regelfall dar. Die medizinische Tätigkeit erfolgt häufig in improvisierten oder geschützten Einrichtungen mit eingeschränkter technischer Ausstattung. Daher sind medizinisch hohe Improvisationsfähigkeit und organisatorische Kompetenz erforderlich, die durch militärische (Führungs-)Fähigkeiten ergänzt werden müssen.

Zusammenfassend zeigt sich, dass medizinische Überlegenheit nicht primär durch technologische Ausstattung oder Spezialisierung bestimmt wird, sondern durch Anpassungsfähigkeit, die Breite der Ausbildung und die Systemresilienz der handelnden Protagonisten.

Ausblick

Die „Afghanistandividende“, der in DCS ausgebildeten und einsatzerfahrenden Chirurgen, neigt sich dem Ende zu. Die schon 1995 veröffentlichte Forderung

„The surgeon must have broad clinical experience and be skilled in military leadership. He must be accustomed to performing surgery under limited conditions and in often adverse environments“

muss weiterhin die Maxime der Ausbildung sein [2]. Die Herausforderungen des „Peacetime Effects – where providers have limited exposure to complex procedures“ müssen durch neustrukturierte Ausbildungsprogramme überwunden werden [6]. Hier bietet die im Sanitätsdienst der Bundeswehr etablierte Special Operations Surgical Team (SOST) Ausbildung Anknüpfungspunkte, die sicherlich nicht in einer solchen hohen Granularität in die Fläche ausgebracht werden müssen. Was aber in der Fläche internalisiert werden muss, ist die Verpflichtung der „Alten“ den „Jungen“ ihre gemachten Erfahrungen zu vermitteln.

Literatur

  1. Batchinsky A, Gumeniuk K, Holcomb JB. Clues to survival in future large-scale combat operations are to be found in the current war in Ukraine. Trauma Surg Acute Care Open. 2025;10:e001962.
  2. Becker HP, Grabarek V. Status of surgical training in the German military. Mil Med. 1995 Jul;160(7):359–361.
  3. Belmont PJ Jr, McCriskin BJ, Sieg RN, Burks R, Schoenfeld AJ. Combat wounds in Iraq and Afghanistan from 2005 to 2009: distribution and mechanisms of injury. J Trauma Acute Care Surg. 2012;73(1):3–12. doi:10.1097/TA.0b013e31825a771d.
  4. Brethauer SA, Chao A, Chambers LW, Green DJ, Brown C, Rhee P, Bohman HR. Invasion vs insurgency: US Navy/Marine Corps forward surgical care during Operation Iraqi Freedom. Arch Surg. 2008;143(6):564–569.
  5. Butler FK, Holcomb JB, Dorlac WC, et al. Who needs a tourniquet? And who does not? Lessons learned from tourniquet use in the Russo-Ukrainian war. J Trauma Acute Care Surg. 2024;97(Suppl 2):S45–S54.
  6. Cannon JW, Gross KR, Rasmussen TE. Combating the peacetime effect in military medicine. JAMA Surg. 2020;155(11):1043–1044. doi:10.1001/jamasurg.2020.1930.
  7. Eastridge BJ, Mabry RL, Seguin P, et al. Death on the battlefield (2001–2011): implications for the future of combat casualty care. J Trauma Acute Care Surg. 2012;73(Suppl 5):S431–S437.
  8. Epstein A, Humeniuk KV, Nagnibedyuk MV, Schwaitzberg SD. Unique aspects of trauma due to thermobaric artillery weapon systems during the war in Ukraine. Surgery. 2025;182:1093–1100.
  9. Holcomb JB, Shackelford SA, McSwain NE Jr, et al. Damage control resuscitation: directly addressing the early coagulopathy of trauma. J Trauma. 2007;62:307–310.
  10. Hospenthal DR, Murray CK, Anderson RC, et al. Guidelines for the prevention of infection after combat-related injuries. J Trauma. 2008;64(Suppl):S211–S220.
  11. Howard JT, Kotwal RS, Stern CA, Janak JC, Mazuchowski EL, Butler FK, et al. Use of combat casualty care data to assess the effectiveness of battlefield trauma care in Afghanistan and Iraq, 2001–2017. JAMA Surg. 2019;154(7):600–608. mehr lesen
  12. Jarrassier A, Boutonnet M, Duranteau J, et al. Initial management of haemorrhagic war casualties: tactical priorities and innovative approaches in modern and future warfare. Crit Care. 2025;29:509. mehr lesen
  13. Jarrassier A, Py N, de Rocquigny G, et al. Lessons learned from the war in Ukraine for the anesthesiologist and intensivist: a scoping review. Anaesth Crit Care Pain Med. 2024;43:101409. mehr lesen
  14. Kotwal RS, Montgomery HR, Kotwal BM, et al. Eliminating preventable death on the battlefield. Arch Surg. 2011;146:1350–1358. mehr lesen
  15. Kragh JF Jr, Walters TJ, Baer DG, et al. Survival with emergency tourniquet use to stop bleeding in major limb trauma. Ann Surg. 2009;249(1):1–7. mehr lesen
  16. Lawry LL, Korona-Bailey J, Kanagaratnam A, Maddox J, Hamm TE, Janvrin M, et al. Qualitative assessment of point of injury to Role 2+ combat casualty care in Ukraine. Trauma Surg Acute Care Open. 2025;10:e001674. mehr lesen
  17. Nessen SC, Gurney JM, Peterson TA, et al. Unrealized potential of the US military battlefield trauma system: DOW rate is higher in Iraq and Afghanistan than in Vietnam, but CFR and KIA rate are lower. J Trauma Acute Care Surg. 2018;85(1 Suppl 1):S4–S12. mehr lesen
  18. North Atlantic Treaty Organization. Allied Joint Doctrine for Medical Support (AJP-4.10). Edition C. Brussels: NATO; 2021. mehr lesen
  19. Onderková A, Quinn J, Meoli M, et al. Enhancing prehospital care during the conflict in Ukraine: NATO’s role in global health engagement. Mil Med. 2025;190:86–94. mehr lesen
  20. Quinn J, Panasenko SI, Leshchenko Y, et al. Prehospital lessons from the war in Ukraine: damage control resuscitation and surgery experiences from point of injury to Role 2. Mil Med. 2024;189(1–2):17–27. mehr lesen
  21. Samofalov DO, Androshchuk D, Korpusov I, Kopus L, Izhytska N. Management of damage control surgery and resuscitation at different stages of evacuation: tough lesson from the frontier of Russian–Ukrainian war. Wiad Lek. 2025;78(9):1789–1797. . mehr lesen

Manuskriptdaten

Zitierweise

Hinck D, Podolska D, Evers JP. Krieg in der Ukraine – Implikationen für die chirurgisch tätigen Sanitätsoffiziere in Large-Scale Combat Operations. WMM 2026;70(4):151-155.

DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-860

Für die Verfasser

Oberfeldarzt i. G. Dr. Daniel Hinck

Operatives Führungskommando der Bundeswehr – JMed

Kurt-Schumacher-Damm 41, 13405 Berlin

E-Mail: danielchristianhinck@bundeswehr.org

Manuscript Data

Citation

Hinck D, Podolska D, Evers JP. [War in Ukraine – Implications for the Medical Officer Performing Surgery in Large-Scale Combat Operations]. WMM 2026;70(4):151-155.

DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-860

For the Authors

Lieutenant Colonel (MC) Dr. Daniel Hinck

Bundeswehr Joint Force Command – JMed

Kurt-Schumacher-Damm 41, D-13405 Berlin

E-Mail: danielchristianhinck@bundeswehr.org

Zeitschriften
Wehrmedizinische Monatsschrift – Impressum/Datenschutz

Redaktion: Generalarzt a. D. Prof. Dr. med. Horst Peter Becker, MBA, Auf der Hardt 27, 56130 Bad Ems, Mobil +49 171 215 0901, E-Mail: hp.becker@cpm-verlag.de 

Herausgeber: Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr, Integrierte Kommunikation/Fachinformations- und Medienarbeit im Auftrag des Befehlshabers des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, Von-Kuhl-Straße 50, 56070 Koblenz, Telefon: +49 261 896 12300, E-Mail: KdoGesVersBwIKoFaM@bundeswehr.org 

Wissenschaftliche Beratung: Die Begutachtung von Original- und Übersichtsarbeiten sowie Kasuistiken im Rahmen des Peer-Review-Verfahrens erfolgt durch in dem Fachgebiet des jeweiligen Beitrags wissenschaftlich ausgewiesene Expertinnen und/oder Experten, die – dem Einzelfall entsprechend – in Abstimmung zwischen Redaktion und Herausgeber ausgewählt und beauftragt werden.

Verlag: cpm Verlag GmbH, Carl-Zeiss-Str. 5, 53340 Meckenheim, Telefon +49 2225 8889–0, E-Mail: info@cpm-verlag.de; Geschäftsleitung: Tobias Ehlke; Objektleitung: Peter Geschwill; Produktionsleitung: Thorsten Menzel.

Druckversion: Druckvorstufe: PIC Crossmedia GmbH, Hitdorfer Straße 10, 40764 Langenfeld, E-Mail: info@pic-crossmedia.de; Druck: Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr (BAIUDBw), Zentraldruckerei Köln/Bonn.

Online-Version (E-Paper): Erstellung mit PIC MediaServer, PIC Crossmedia GmbH, Langenfeld; Erstellung mit PIC MediaServer, PIC Crossmedia GmbH, Langenfeld; E-Paper und Autorenhinweise sind unter wmm-online.de abrufbar

Rechtliche Hinweise: Die Zeitschrift (Druckversion und E-Paper) sowie alle enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind in allen Publikationsformen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Herausgebers unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.


Alle namentlich gezeichneten Beiträge – soweit sie nicht ausdrücklich mit einem * gekennzeichnet sind – geben die persönlichen Ansichten der Verfasser wieder. Sie entsprechen nicht zwingend den Auffassungen der Redaktion oder des Herausgebers. Manuskriptsendungen an die Redaktion erbeten. Erscheinungsweise mindestens achtmal im Jahr.


Für Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie e. V. ist der Bezug der Zeitschrift im Mitgliedsbeitrag enthalten. Sanitätsoffiziere der Bundeswehr, die nicht Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie e. V. sind, erhalten die „Wehrmedizinische Monatsschrift“ über ihre Dienststellen.

Datenschutz: Es gelten die Datenschutzbestimmungen der cpm Verlag GmbH, abrufbar unter https://cpm-verlag.com/datenschutzerklaerung/.