Leidenschaft für die Chirurgie – eine Beziehung mit Zukunftspotenzial?
Eine sehr persönliche Perspektive
Constanze Witzela
a Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie, Bundeswehrkrankenhaus Hamburg
Der erste Moment, an den sich jede Chirurgin, jeder Chirurg erinnern kann:
Der erste Schnitt, das Gefühl und der Druck unter dem eigenen Finger, wenn das Skalpell durch die Haut eines lebenden Menschen tritt. Es ist ein Moment, der den Herzschlag beschleunigt und einem Achtung vor dem Leben vermittelt, das vor einem liegt.
Die Entscheidung für ein Leben in und mit der Medizin ist selten eine, die aus Verlegenheit getroffen wird. Ja, es gibt die, die eine Praxis übernehmen sollen oder den Wunschtraum der Eltern nach einem „anständigen“ Beruf erfüllen. Aber die meisten von denen verlassen irgendwann dieses Feld.
Die, die nicht genau wissen, wohin ihr Herzblut fließt, wählen andere Fächer oder steigen kurz nach Beginn des Studiums aus. Die anderen beginnen mit einer großen Portion Leidenschaft und Idealismus, doch darunter mischt sich schnell die Realität, gepaart mit bitterem Sarkasmus. Die bittere Schwere, die sich selbst mit tiefschwarzem Kaffee nicht so leicht vertreiben lässt, bleibt einem als Nachgeschmack hängen. Und trotzdem ist da diese große Liebe zu dem Fach, das einen auch so intensiv mit den Fingern und Händen arbeiten lässt.
Als ich mich selbst für die Chirurgie entschied, hatte ich zuvor ein anderes Arbeitsleben, abseits der Medizin, gewählt, geliebt und gelebt. Der Schritt zu wechseln war der Endpunkt aus Jahren, in denen ich immer wieder mit dem Gedanken gespielt habe, noch einmal neu anzufangen. Nicht, weil ich unzufrieden oder gar unglücklich war mit meiner ersten Wahl – ganz und gar nicht. Der Gedanke an die Medizin, speziell an die Chirurgie, war eher wie eine alte Liebe, an die man sich immer wieder erinnert und sich die Frage stellt: „Was wäre, wenn ich mich anders entschieden hätte?“. Und irgendwann ist der Punkt da, da muss man eine Entscheidung treffen und sich selbst die Frage beantworten oder aufhören, daran zu denken.
Mentale Vorspannung auf den Eingriff beim chirurgischen Händewaschen (Bildquelle: Niels Rößler, Hamburg)
Mir war bewusst, dass dieses Fach fordernd ist, in allem, was es mit sich bringt. Ich hatte es in der eigenen Familie gesehen und miterlebt – lange Tage, lange Nächte, große Verantwortung. Zu der Zeit, als sich meine Mutter für die Chirurgie entschied, gab es damals leider wenig Platz für Frauen, für Mütter mit Kindern noch weniger. Wer trotzdem in der Chirurgie bleiben wollte, musste Opfer bringen und stieß auf viel Ablehnung und Misstrauen.
Lange Zeit wurde chirurgische Exzellenz mit Grenzüberschreitung verwechselt – gegenüber dem eigenen Körper, gegenüber Kolleginnen und Kollegen und manchmal auch gegenüber sich selbst. Fehler waren etwas, über das man nicht sprach. Arbeitszeit und sein Leben in der Klinik stattfinden zu lassen galt als Loyalitätsbeweis, Hierarchie als Naturgesetz. Als ich mich spät für das Studium und die Medizin entschied, lagen Jahrzehnte zwischen der Generation Chirurgie meiner Mutter und der Generation, in der ich ein Klinikum nicht mehr als Besucher betrat.
Da muss sich viel verändert haben, sollte man meinen. Die Medizin entwickelt sich so rasant weiter. Wir können doch nicht stehen geblieben sein?
Doch es gab sie noch. Die lebenden, lehrenden und operierenden Relikte aus einer Zeit, in der sich diese Menschen noch immer als unantastbar in ihrer Position sahen.
Abwertung von Untergebenen gehörte zum Tagesprogramm, ebenso wie der Anspruch, frei von jeder Kritik zu sein. Und sie hatten sich bereits einen Nachwuchs für zukünftige Führungspositionen herangezüchtet, der ganz dem eigenen Ideal entsprach. Wer eine eigene Meinung oder gar eigene oder andere Ansprüche hatte, wurde bestenfalls misstrauisch betrachtet.
Ich war bereits älter im Studium und wusste, dass ich in meinen ursprünglichen Job zurückkommen konnte. Aber ich wollte nicht. Ich wollte die Chirurgie. Aber dieses Gesamtpaket mit all den alten Mängeln wollte ich nicht.
Wer von uns wollte das schon? Das Schreien und Toben im OP gegenüber der Anästhesie, der Pflege oder die herablassende Behandlung während einer Visite. Die sexistischen Sprüche oder die Aufforderung an einen Kollegen, das Statussymbol „Auto“ für den Chef umzuparken. Ich habe Praktika in Kliniken gemacht, in denen innerhalb von zwei Monaten vier Assistentinnen und Assistenten ihre Kündigungen einreichten, ohne die Facharztreife oder einen anderen Job in Aussicht zu haben – nur weil die Verzweiflung groß genug war und die Demütigungen das Fass überlaufen ließen.
Ich habe auch die gesehen, die im Dienst heimlich in den Toiletten in Tränen ausbrachen – Männer wie Frauen –, aber es sollte eben keiner mitbekommen. Ja, es sind nicht nur Gerüchte. Es gibt sie wirklich.
Aber die, die sich in diesem System wohlfühlen, werden weniger. Zum Glück! Denn es gab auch schon immer die, die nie so waren. Und es gibt sie auch jetzt. Sie müssen nur mehr werden.
Also schaute ich mir als Famulantin und dann als PJ-Studentin das bittere Schauspiel der Strukturen genauer an. Ich wollte die herausfischen und mich an ihnen orientieren, die eine Leidenschaft für ihr Fach mitbrachten und trotzdem gute Ausbilderinnen und Ausbilder geblieben waren, und denen ich sehr gerne bei der Arbeit zusah.
Jede Chirurgin und jeder Chirurg wird wissen, was ich meine. Es gibt die, die am Tisch stehen und Bewegungen zum 800. Mal durchführen und dabei solide und gut sind – verlässlich eben. Und dann gibt es diejenigen, bei denen der Blick auf die Hände dem Klavier- oder Cellospiel ähnelt. Da beginnt die Liebe – oder vielleicht besser: die Leidenschaft für die Chirurgie.
Dass mich diese Leidenschaft einmal in die Bundeswehr und in die Militärchirurgie verschlägt, hätte ich damals nie gedacht. Aber genau hier hat das Bauchgefühl „Ja“ gesagt. Bislang ist noch keine Scheidung in Sicht – es war also keine kurze Romanze, sondern eine sehr bewusste Entscheidung, es ernst werden zu lassen.
Aber Liebe und Leidenschaft reichen nicht durch ein ganzes Berufsleben. Und der Blick auf jede Beziehung ändert sich im Laufe der Jahre und so schaue ich heute wieder auf neue Punkte, die mich beschäftigen. Denn parallel zu dieser Faszination für den eigenen Beruf stehen wir plötzlich vor Herausforderungen, die früher eben ignoriert oder schlicht verdrängt wurden.
Mindestens 25 % der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland gehen laut Doreen Richardt, selbst Herz- und Gefäßchirurgin und Vizepräsidentin der Ärztekammer Schleswig-Holstein, in den nächsten 15 Jahren in Rente [3]. Das Zentralinstitut für Kassenärztliche Versorgung gibt an, dass bis 2035 rund 32 000 Ärztinnen und Ärzte fehlen werden – quer durch alle Fachbereiche.
Auf der anderen Seite beklagen Assistenzärztinnen und -ärzte in mehreren großen deutschen Zeitungen, wie hart die Medizin mit denjenigen umgeht, die Menschen heilen sollen. Dass von denen, die ein Menschenleben unter den Fingern haben, verlangt wird, 24 Stunden wach zu sein, während jeder Mitarbeitende der Bahn oder am Steuer eines Fahrzeugs Ruhezeiten einhalten muss.
Laut aktuellen Daten aus 2024/2025 behandeln Notaufnahmen so viele Patienten wie nie zuvor (über 30 000 täglich), was zu einer Rekordbelastung führt [4]. 39 % der Assistenzärztinnen und -ärzte arbeiten 59 Stunden pro Woche, 18 % geben an, sogar bis zu 79 Stunden im Dienst zu sein [5]. Viele beschreiben einen gefährlichen Mix aus Überforderung und Erschöpfung. Das Zitat: „Ich konnte einfach nicht mehr.“, Sprüche wie „Sie werden sowieso irgendwann für den Tod […] verantwortlich sein“ oder „Dafür können Sie sich dann schon mal ein Holzkreuz im Garten aufstellen“ helfen da wenig [6].
Manche wählen an diesem Punkt die Flucht in ein anderes Fach, in die Teilzeit oder steigen aus dem Beruf, der eine Berufung sein soll, aus. Andere flüchten ins Ausland. Rund 2 000 Ärztinnen und Ärzte wandern laut Angaben der Bundesregierung jährlich in andere Länder ab [1]. Besonders beliebte Ziele sind die skandinavischen Länder, wie Norwegen oder Schweden, aber auch Österreich und die Schweiz. Die Argumente sind bessere finanzielle Bedingungen sowie die Arbeitsverhältnisse, die deutlich stärker auf die sogenannte Work-Life-Balance ausgerichtet sind [2].
Tja, die Work-Life-Balance – ein Wort, das in der Medizin, insbesondere in der Chirurgie, oft wie ein Fremdkörper klingt. Als wäre es ein Zeichen von Schwäche, überhaupt darüber nachzudenken. Und doch sitzt dieses Vorurteil in unseren Köpfen, auch in meinem – so ehrlich muss ich zu mir selbst sein.
Spätestens dann, wenn Kolleginnen und Kollegen pünktlich ihre Kittel ausziehen, den OP verlassen und nach Hause gehen. Dann ist da dieses kurze innere Zucken. Ein kurzer Groll in mir, der sich nicht sofort zuordnen lässt. Warum bleibe ich noch? Achte ich weniger auf mich selbst – oder bin ich nur einfach schlechter darin, Grenzen zu setzen? Gefolgt von der unbequemen Frage: Sind sie vielleicht nicht fauler, sondern klüger oder selbstfürsorglicher als ich?
Oder gibt es nicht auch immer eine Grauzone, in der wir aufeinander schauen müssen oder den Punkt, an dem man sagt: „Hey, ich bleib noch ein bisschen, du bist sonst mit der ganzen Patientenflut allein im Dienst.“ Und was ist mit der Leidenschaft, der Liebe zur eigenen Arbeit? Ticke ich anders oder ist es ungesund, wenn ich während einer Operation Zeit und Raum vergesse, weil mir meine Arbeit Freude macht? Oder ich gelöster nach Hause gehe, wenn eine ältere Patientin mir die Hand drückt und sagt „Es ist gut, dass es Sie alle gibt.“ Bislang habe ich auf die Fragen in mir noch keine klare Antwort gefunden.
Aber uns allen sollte klar sein: Die Vereinbarkeit von Familie, Privatleben und einem Fach, das keine Pausentaste kennt, ist keine theoretische Debatte mehr. Sie ist real. Und sie betrifft uns alle – mit oder ohne Kinder. Denn auch ein Leben außerhalb der Klinik ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, wenn wir langfristig gesund bleiben wollen. Es geht nicht darum, weniger von der Chirurgie zu wollen. Es geht darum, nicht alles andere zu verlieren, aber trotzdem auch ein Team zu bleiben – manchmal eben über die eigenen Grenzen hinaus, wenn jemand Hilfe braucht.
Gleichzeitig verändert sich unser beruflicher Rahmen ständig. Weiterbildungsordnungen werden angepasst, umgeschrieben, modernisiert – manchmal sinnvoll, manchmal wirken die Versuche chaotisch. Anforderungen verschieben sich, Rotationen werden enger, Zeiten knapper. Und während wir versuchen, Schritt zu halten, verändert sich die Welt um uns herum in einer Geschwindigkeit, die niemand von uns ignorieren kann.
Die geopolitische Lage ist instabil. Krisen, Kriege, Unsicherheiten sind keine abstrakten Nachrichten mehr. Sie wirken massiv in unser Fach hinein. Chirurgie – und ganz besonders die Militärchirurgie – kann sich dem nicht entziehen. Sie muss reagieren, sich anpassen, vorbereitet sein – technisch, strukturell, mental.
Das bedeutet: noch mehr Wissen, noch mehr Flexibilität, noch mehr Verantwortung und das in einer Zeit, in der viele von uns ohnehin am Limit laufen.
Warum also weitermachen? Warum sich weiterentwickeln, statt einfach nur durchzuhalten?
Weil Stillstand in diesem Beruf keine Option ist, nicht für unsere Patientinnen und Patienten, aber auch nicht für uns selbst. Ich glaube daran, dass es funktioniert – nicht trotz dieser Herausforderungen, sondern gerade wegen ihnen. Weil sie uns zwingen, genauer hinzuschauen, alte Ideale zu hinterfragen, neue Wege zuzulassen.
Ich glaube daran, dass chirurgische Exzellenz nichts mit Selbstaufgabe zu tun haben muss. Dass man präzise, leidenschaftlich und verantwortungsvoll operieren kann, ohne dabei sich selbst oder andere kleinzumachen. Ich glaube daran, dass wir bessere Ärztinnen und Ärzte werden, wenn wir lernen, auch auf uns selbst zu hören. Wenn wir akzeptieren, dass Engagement nicht an Überstunden gemessen wird, sondern an Haltung, Lernbereitschaft und Respekt.
Und ich glaube an diese nächste Generation. An diejenigen, die sich nicht mehr alles gefallen lassen, die Fragen stellen, die gehen, wenn es unerträglich wird – nicht aus Schwäche, sondern aus Stärke. Vielleicht wird die Chirurgie dadurch manchmal leiser, weniger angstgetrieben, ein weniger hierarchisches System – aber ganz sicher menschlicher.
Weiterentwicklung darf nicht bedeuten, die Leidenschaft für die Chirurgie zu verlieren. Im Gegenteil: Sie bedeutet, sie so zu gestalten, dass wir ihr treu bleiben können, über Jahrzehnte hinweg, mit ruhigerem Herzen, gesünder und mental viel stärker – und mit Händen, die auch morgen nicht nur sicher ein Skalpell führen.
Literatur
- Deutscher Bundestag. Drucksache 20/13852 vom 15.11.24 [Internet].[Letzter Aufruf 20.Februar 2026]; verfügbar unter: https://dserver.bundestag.de/btd/20/138/2013852.pdf mehr lesen
- Kopetsch T. Ärztewanderung: Das Ausland lockt. Dt Ärztebl 2008;105(14):A716-A719. mehr lesen
- Grabbe H. Bald wird es wehtun. Die Zeit 2025;27/2025.
- Redaktionsnetzwerk Deutschland. Notaufnahmen behandeln so viele Patientenwie nie zuvor. RND vom 03. Dezember 2025 mehr lesen
- Marburger Bund. Bundesweite Umfrage zur Arbeitszeiterfassung an Unikliniken [Internet].[Letzter Aufruf 20. Februar 2026]; verfügbar unter: https://www.marburger-bund.de/sites/default/files/files/2025-06/Grafische%20Darstellung%20Umfrage%20Zeiterfassung%20Unikliniken_1.pdf mehr lesen
- Scherkamp H. Noch nicht ausgebildet und schon ausgebrannt. Die Zeit 2025; 11. August 2025. mehr lesen
Oberstabsarzt Dr. Constanze Witzel
Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie
Bundeswehrkrankenhaus Hamburg
Lesserstraße 180, 22049 Hamburg
E-Mail: constanzewitzel@bundeswehr.org
Brauchen wir das noch oder kann das weg?
(Militär-) Chirurgie in der kulturellen Transformation
Keep It Or Cut It? (Military) Surgery in the Context of a Cultural Transformation
Constanze Witzela
a Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie, Bundeswehrkrankenhaus Hamburg
Zusammenfassung
Die Chirurgie befindet sich in einem tiefgreifenden strukturellen und kulturellen Transformationsprozess. Während technologische Innovationen lange Zeit als primäre Entwicklungstreiber galten, zeigen aktuelle wissenschaftliche Analysen, dass organisationale, systemische und kulturelle Faktoren entscheidend für Patientensicherheit, Versorgungsqualität und Systemresilienz sind. Arbeitszeitmodelle, Fatigue-Management, psychologische Sicherheit, strukturierte Fehleranalyse, moderne Ausbildungsarchitekturen, Führungsstrukturen sowie Diversität beeinflussen postoperative Ergebnisse nachweislich.
Der seit 2022 andauernde Krieg in der Ukraine wirkt als geopolitischer Stresstest für militärchirurgische Systeme. Large-Scale-Combat-Operations verdeutlichen, dass das Überleben weniger von individueller Virtuosität als vielmehr von struktureller Organisation, logistischer Resilienz und adaptiver Führung abhängt. Gleichzeitig entsteht ein Spannungsfeld zwischen zunehmender ziviler Subspezialisierung und der einsatznotwendigen chirurgischen Breite.
Ziel dieses Beitrags ist die systematische Analyse dieser Transformationsfaktoren sowie die Ableitung strategischer Implikationen für die Militärchirurgie. Die Evidenz zeigt, dass moderne Führung, institutionalisierte Fehlerkultur, strukturierte Ausbildung und Diversität zentrale Determinanten der systemischen Leistungsfähigkeit sind. Die Transformation chirurgischer Systeme ist daher keine optionale Modernisierung, sondern eine sicherheitsrelevante Notwendigkeit.
Schlüsselwörter: Militärchirurgie, Organisationskultur, Patientensicherheit, Arbeitszeitmodelle, Überlastung, Simulation, Diversität, Führung, Systemresilienz, Ukrainekrieg
Summary
Surgery is undergoing a profound cultural and structural transformation. While technological innovation has been considered the primary driver of progress for a long time, current evidence shows that organizational, systemic, and cultural factors significantly determine patient safety, quality of care, and system resilience. Working-hour models, fatigue management, psychological safety, structured error analysis, modern training architectures, leadership models, and diversity demonstrably influence surgical outcomes.
Since 2022, the war in Ukraine has served as a geopolitical stress test for military surgical systems. Large-scale combat operations reveal that survival depends less on individual virtuosity than on structured organization, logistical resilience, and adaptive leadership. At the same time, increasing civilian subspecialization contrasts with the broad competencies required in deployment scenarios.
This article provides a systematic analysis of these transformation factors and outlines strategic implications for military surgery. Evidence indicates that modern leadership, institutionalized error culture, structured training, and diversity are key determinants of organizational performance. The transformation of surgical systems is therefore not optional modernization but a safety-critical imperative.
Keywords: military surgery; organizational culture; patient safety; work-hour models; fatigue management; psychological safety; simulation training; diversity; leadership; system resilience; Ukraine war
Einleitung und Problemstellung
Die chirurgischen Disziplinen stehen gegenwärtig vor einer grundlegenden strukturellen Neuorientierung. Über Jahrzehnte wurde Fortschritt primär technologisch definiert, etwa durch minimalinvasive Techniken, verbesserte Bildgebung, Robotik und zunehmende Subspezialisierung. Diese Innovationsdimension bleibt bedeutsam. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Evidenz, dass Qualität und Sicherheit der chirurgischen Versorgung in erheblichem Maße durch organisationale und kulturelle Faktoren determiniert werden. Teamklima, Führungsstil, Arbeitszeitgestaltung, Fehlerkultur und Ausbildungsarchitektur beeinflussen die postoperativen Ergebnisse messbar [3–5][9][15][19].
Parallel dazu hat sich das sicherheitspolitische Umfeld Europas grundlegend verändert. Der seit 2022 andauernde Krieg in der Ukraine konfrontiert militärmedizinische Systeme immer wieder mit hochintensiven Gefechtsbedingungen. Massenanfälle von Verwundeten, Explosionsverletzungen, prolongierte Evakuationszeiten und infrastrukturelle Bedrohungen stellen Anforderungen an die Versorgung, die in hochspezialisierten zivilen Systemen nur eingeschränkt abgebildet sind [8][14]. Unter diesen Bedingungen treten strukturelle Schwächen chirurgischer Organisationen unmittelbar zutage.
Vor diesem Hintergrund resultiert eine zentrale Fragestellung:
Wie müssen chirurgische Systeme strukturiert, geführt und ausgebildet sein, um sowohl unter Routinebedingungen exzellente Qualität als auch unter Extrembedingungen eine resiliente Funktionsfähigkeit zu gewährleisten?
Die Beantwortung dieser Frage erfordert eine systematische Betrachtung der chirurgischen Organisationskultur.
Chirurgische Kultur und ihre Grenzen
Die chirurgische Identität war über Jahrzehnte hinweg durch ein individualistisches Leistungsparadigma geprägt. Lange Arbeitszeiten galten als Ausdruck professioneller Hingabe, strikte Hierarchien als Garant effizienter Entscheidungsprozesse. Fehler wurden häufig als individuelles Versagen interpretiert. Die Ausbildung erfolgte überwiegend implizit im Meister-Schüler-Prinzip, mit hoher Abhängigkeit von persönlichen Vorbildern (Abbildung 1). Dieses Modell brachte bemerkenswerte individuelle Exzellenz hervor, offenbarte jedoch strukturelle Schwächen. Systematische Analysen chirurgischer Zwischenfälle zeigen, dass unerwünschte Ereignisse selten monokausal entstehen, sondern das Ergebnis komplexer Interaktionen von latenten Systemfaktoren sind [3].
Abb. 1: Konzentration am Arbeitsplatz Chirurgie (Bildquelle: Footagematerial Microsoft Office).
Hochrisikoindustrien wie die Luftfahrt haben bereits vor Jahrzehnten erkannt, dass Sicherheit nicht primär durch individuelle Wachsamkeit entsteht, sondern durch robuste Systemarchitektur, standardisierte Kommunikation und Redundanzmechanismen [4][15]. Die Übertragung dieser Erkenntnisse auf die Chirurgie bedeutet eine Verschiebung des Fokus: von der Frage „Wer hat versagt?“ hin zu „Welche Systembedingungen haben das Ereignis ermöglicht?“. Diese Perspektivverschiebung markiert einen kulturellen Wendepunkt. Chirurgische Professionalität wird nicht geschwächt, sondern gestärkt, wenn sie sich als Bestandteil eines lernenden Systems versteht – eine Weiterentwicklung im Sinne kollektiver Verantwortung.
Arbeitszeitmodelle, Fatigue und operative Leistungsfähigkeit
Ermüdung ist kein subjektives Befindlichkeitsphänomen, Müdigkeit ist messbar. Die physiologischen und kognitiven Effekte von Schlafmangel sind umfassend untersucht. Schlafmangel führt zu reduzierter Aufmerksamkeitsspanne, verlangsamter Informationsverarbeitung, eingeschränkter Entscheidungsqualität und erhöhter Fehleranfälligkeit. Lockley et al. konnten zeigen, dass verlängerte Dienstzeiten mit einer signifikanten Zunahme schwerwiegender medizinischer Fehler einhergehen [9]. Philibert bestätigte diese Effekte sowohl für ärztliches als auch für nichtärztliches Personal [11]. Ermüdung beeinträchtigt Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit, Entscheidungsqualität und Risikowahrnehmung – allesamt zentrale Komponenten chirurgischer Tätigkeit.
Gleichzeitig zeigen populationsbasierte Analysen, dass eine Reduktion der Arbeitszeit nicht zwangsläufig mit einer Verschlechterung der Patientenergebnisse einhergeht. Volpp et al. fanden keine erhöhte Mortalität bei Patienten, die von Ärzten mit reduzierter Arbeitszeit betreut wurden, sofern strukturierte Übergaben und Supervision umgesetzt wurden [19].
Von besonderer Bedeutung ist also die kumulative Wirkung chronischer Schlafdefizite. Während akute Müdigkeit oft kompensiert werden kann, steigt bei fortgesetzter Belastung die Wahrscheinlichkeit komplexer Entscheidungsfehler exponentiell.
Diese Befunde unterstreichen, dass nicht die reine Stundenanzahl maßgeblich ist, sondern die organisatorische Einbettung von Arbeitszeitmodellen. Entscheidend werden die begleitenden Strukturen:
- standardisierte Übergaben,
- klare Verantwortungsdefinitionen,
- redundante Entscheidungsstrukturen und
- eine Kultur, die Überlastung als Risiko anerkennt.
Dies ist insbesondere für die Militärchirurgie relevant. Denn Nachtoperationen, Alarmierungen und verlängerte Einsatzphasen können hier zusätzliche sicherheitskritische Risikofaktoren darstellen.
Für das militärchirurgische System bedeutet dies, dass Fatigue-Management ein integraler Bestandteil der Einsatzplanung sein muss (Abbildung 2). Personelle Redundanz, standardisierte Übergabeprozesse und vorausschauende Schichtplanung sind keine administrativen Details, sondern sicherheitsrelevante Instrumente.
Abb. 2: Teamtraining bei der Patientenübergabe in Litauen während der Übung „Grand Eagle II“ 2025 (Bildquelle: Unterstützungskommando der Bundeswehr)
Fehlerkultur und psychologische Sicherheit
Ein zentraler Faktor der modernen chirurgischen Sicherheitskultur ist die psychologische Sicherheit. Edmondson definierte sie als ein Teamklima, in dem Mitglieder ohne Angst vor negativen Konsequenzen Bedenken äußern können [4]. Studien zeigen, dass Teams mit hoher psychologischer Sicherheit mehr Beinahe-Fehler berichten, langfristig jedoch bessere klinische Ergebnisse erzielen [15]. Systematische Reviews zur Analyse chirurgischer Zwischenfälle verdeutlichen, dass strukturierte Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen sowie interprofessionelle Fallanalysen zu nachhaltigen Prozessverbesserungen führen [3].
Gerade unter militärischen Einsatzbedingungen, in denen Informationslagen unvollständig und Entscheidungsfenster eng sind, kann das frühzeitige Ansprechen von Unsicherheiten lebensrettend sein. Eine Organisation, die Fehler verschweigt, verliert Lernpotenzial; eine Organisation, die Fehler systematisch analysiert, gewinnt an Resilienz.
Fehlerkultur ist daher nicht primär ein ethisches, sondern ein leistungsbezogenes Konzept. Eine Organisation, die in solchen Situationen keine offene Kommunikation ermöglicht, verliert an Anpassungsfähigkeit. Resilienz entsteht aus Lernfähigkeit. Lernfähigkeit entsteht aus Transparenz. Transparenz setzt psychologische Sicherheit voraus. Die Etablierung einer strukturierten Fehlerkultur ist daher kein fakultatives Qualitätsprojekt, sondern ein strategischer Kernprozess.
Ausbildung, Simulation und Kompetenzarchitektur
Der strukturelle Wandel betrifft somit – sozusagen ganz automatisch – auch die chirurgische Ausbildung. Traditionelle Ausbildungsmodelle basierten auf kontinuierlicher klinischer Präsenz und implizitem Erfahrungslernen. Verkürzte Arbeitszeiten, steigende Komplexität und zunehmende Spezialisierung erschweren die Umsetzung dieses Modells.
Simulationen bieten hierfür sehr gute, evidenzbasierte Alternativen. Vor allem aber bieten sie auch die Alternative, Belastungssituationen zum ersten Mal durchleben zu können und Fehler machen zu dürfen, die kein Menschenleben kosten. Studien zeigen signifikante Verbesserungen technischer Fertigkeiten sowie nichttechnischer Kompetenzen wie Kommunikation, Teamkoordination und Entscheidungsfindung [10]. Besonders relevant ist die Möglichkeit, seltene, aber kritische Szenarien wiederholt zu trainieren. Dies ist ein Vorteil, der für militärchirurgische Settings von herausragender Bedeutung ist, da hier unter deutlich höherer Belastung als im Klinikalltag fast schon instinktiv auf Notfallsituationen reagiert werden muss [6][12][17].
Darüber hinaus wirkt Mentoring stabilisierend auf die berufliche Entwicklung und die psychische Gesundheit [13]. In Hochbelastungssystemen, wie der Notfall- oder Einsatzmedizin, ist eine strukturierte Begleitung mit höherer beruflicher Zufriedenheit, geringerer Burnout-Rate und besserer Leistungsentwicklung assoziiert [13].
(Bildquelle: Unterstützungskommando der Bundeswehr)
Führung, Hierarchie und kulturelle Transformation auch im Einsatz?
Damit greift auch hier wieder ein System ins andere. Mentoring ist mit guter Führung untrennbar verbunden. Und gute Führung ist der entscheidende Hebel für kulturelle Veränderung. An dieser Stelle kommt zwangsläufig das viel diskutierte Thema Hierarchie zur Sprache. Doch genau da müssen wir lernen zu differenzieren. In zeitkritischen Situationen, die zumeist auch noch von der aktuellen Sicherheitslage abhängig sind, sind Hierarchie und gute Führung unverzichtbar. Sie ermöglichen klare Entscheidungsstrukturen und schnelles Handeln. Problematisch werden Hierarchien jedoch, wenn sie Kommunikation unterdrücken oder Feedback verhindern.
Hierarchie allein garantiert keine Sicherheit!
Der Beitrag von Sexton et al. zeigt, dass Teamklima und Patientensicherheit eng miteinander korrelieren [15]. Führungskräfte beeinflussen durch ihr Verhalten, ob Rückmeldungen erwünscht sind, ob Fehler analysiert oder sanktioniert werden und ob Teams lernfähig bleiben.
Moderne militärchirurgische Führung zeichnet sich durch situative Flexibilität aus: klare Entscheidungsautorität in der Akutphase und eine offene Diskussionskultur in der Planungs- und Nachbereitungsphase. Ergänzt wird dies durch strukturierte Debriefings, transparente Zieldefinitionen und messbare Qualitätsindikatoren. Führung gestaltet damit Struktur. Struktur formt Kultur. Kultur bestimmt hier das Überleben.
Diversität, Geschlecht und operative Ergebnisse
Die chirurgische Führungslandschaft ist weiterhin überwiegend männlich geprägt [22]. Mehrere große Studien zeigen jedoch, dass das Geschlecht der Operateurin oder des Operateurs keinen negativen Einfluss auf die Patientenergebnisse hat; teilweise wurden sogar bessere postoperative Ergebnisse berichtet, wenn es eine Operateurin statt eines Operateurs gab [16][20].
Besondere Aufmerksamkeit erregte der 2022 im Journal of the American Medical Association (JAMA) veröffentlichte Artikel „Association of Surgeon-Patient Sex Concordance With Postoperative Outcomes“ [20]. Dieser Beitrag zeigte, dass weibliche Patientinnen nach Operationen durch männliche Chirurgen eine höhere Mortalitätsrate aufwiesen als nach Eingriffen durch Chirurginnen. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in der Kommunikation, in den Entscheidungsprozessen oder in der Teaminteraktion systemische Effekte hervorrufen können.
Dargestellt sind multivariat adjustierte Odds Ratios (aOR) mit 95 %-Konfidenzintervallen für das kombinierte Outcome (Tod, Wiederaufnahme, Komplikationen), die Einzelendpunkte, sowie die Subgruppenanalyse nach Patientengeschlecht. Eine Geschlechtsdiskordanz war mit erhöhten Risiken für das kombinierte Outcome (Mortalität und Komplikationen) assoziiert, jedoch nicht für Wiederaufnahmen. Ein signifikanter Effekt zeigte sich bei Patientinnen, die von männlichen Chirurgen operiert wurden. Die gestrichelte Linie markiert OR = 1,0. (Inhaltliche Quelle für die Abbildung: Wallis et al., JAMA Surgery 2022 [20]).
Diversität erweitert Perspektiven, erhöht die Problemlösefähigkeit und steigert die Anpassungsfähigkeit (Abbildung 6). Das sind Eigenschaften, die insbesondere in Hochrisikosystemen sicherheitsrelevant sind. Diversität ist daher kein primäres Gleichstellungsinstrument, sondern ein Qualitätsfaktor.
Abb. 6: Schockraum-Role 2E/Simulation und Teamtraining in der militärchirurgischen Ausbildung, hier im Bereich der Notaufnahme in Litauen, „Grand Eagle II“ 2025 (Bildquelle: Unterstützungskommando der Bundeswehr).
Spezialisierung contra operative Breite im geopolitischen Kontext
Die zunehmende Subspezialisierung der zivilen Chirurgie führt zwar zu exzellenter Expertise, jedoch nur in eng definierten Bereichen. Und hier beginnt der Spagat. Denn im Gegenzug zur zivilen Maximalversorgung erfordern militärische Einsätze oft breite operative Kompetenz, zugeschnitten auf ein enges Zeitfenster der Versorgung. Spätestens seit Beginn des Ukrainekrieges im Jahr 2022 ist klar, dass operative Exzellenz ohne eine robuste Systemarchitektur nicht ausreicht.
Die bisherigen Analysen der Versorgungsstrukturen in der Ukraine zeigen die Bedingungen und Herausforderungen:
- hohe Verwundetenzahlen,
- Explosionsverletzungen,
- verlängerte Evakuationszeiten und
- die permanente Bedrohung der medizinischen Infrastruktur einschließlich der Transportwege.
Systemfaktoren wie Logistik, standardisierte Versorgungsketten und Teamtraining bestimmen das Überleben [8][14][18]. Militärchirurgische Leistungsfähigkeit entsteht somit aus logistischer Resilienz, standardisierten Damage-Control-Konzepten, strukturierter Ausbildung und adaptiver Führung. Einen möglichen Lösungsansatz für diesen Spagat der Kompetenzen könnte hier die Verbindung aus bereits entwickelten Modellen des Innovations- und Personalmanagements sowie der Konzepte von Bender und Co-Autoren sein. Das Konzept des „T-shaped surgeon“ würde tiefe Spezialisierung mit breiter Einsatzfähigkeit verbinden [1]. Tiefe subspezialisierte Expertise wird durch eine breite Kompetenzbasis in der einsatzchirurgischen Praxis ergänzt, um die operative Handlungsfähigkeit unter begrenzten Ressourcen sicherzustellen [1].
Die Kernaspekte des T-Shaped Surgeon Modells wären hier:
- Vertikale Tiefe (Spezialisierung):
Chirurginnen und Chirurgen besitzen herausragende Expertise in ihren Fachgebieten, über minimalinvasive Techniken bis hin zur roboterassistierten Chirurgie. - Horizontale Breite (Generalisierung):
Chirurginnen und Chirurgen verfügen über breites Wissen in angrenzenden Disziplinen (z. B. Katastrophenmedizin, Damage-Control-Surgery, militärische Taktik, Trauma-Management, PSNV, Einbringen von KI-technologischen Komponenten) um interdisziplinär zu denken. - Kooperation und Kommunikation:
Die T-Form fördert die Fähigkeit, über den Tellerrand hinauszuschauen und effektiv in Teams zu arbeiten, was in der modernen Medizin entscheidend ist.
Vorteil ist, dass dieser Ansatz die Flexibilität am Arbeitsmarkt erhöht und die Problemlösungskompetenz durch vielfältige Perspektiven verbessert.
Die Integration dieser Elemente erfordert institutionelle Mechanismen: Rotationen, Simulationen, Rezertifizierungen, standardisierte Einsatzcurricula [2][17][21]. Operative Breite ist keine Selbstverständlichkeit, sondern muss institutionell gesichert werden.
Ausbildung als strategisches Resilienzprogramm
Die Komplexität moderner chirurgischer Versorgung erfordert ebenso neue Ausbildungsmodelle. Simulationstraining ermöglicht die standardisierte Vermittlung technischer und nichttechnischer Kompetenzen und führt nachweislich zu Leistungsverbesserungen [10]. Militärische Trainingsprogramme im Kontext des Ukrainekriegs betonen interprofessionelle Szenarien unter Unsicherheit und Ressourcenknappheit [6][12][17].
Auch hier ist Mentoring grundsätzlich mit höherer beruflicher Zufriedenheit und geringerer Burnout-Rate assoziiert [13]. Ausbildung wird damit zu einer strategischen Investition in die Systemstabilität. Sie ist nicht lediglich Nachwuchsförderung, sondern Voraussetzung für langfristige Einsatzfähigkeit.
Systemische Determinanten chirurgischer Leistungsfähigkeit
Die vorliegenden Evidenzen zeigen durchgehend, dass die chirurgische Qualität nicht allein durch technische Expertise bestimmt wird, sondern maßgeblich durch organisationale Rahmenbedingungen. Gut geplante Arbeitszeitmodelle beeinflussen Fehlerraten [9][11], strukturierte Übergaben kompensieren Belastungsspitzen [19], psychologische Sicherheit korreliert mit Teamleistung [4][15], Simulation verbessert operative und nichttechnische Kompetenzen [10], und Diversität kann systemische Leistungsparameter positiv beeinflussen [16][20]. Alle diese Befunde deuten auf einen Paradigmenwechsel hin:
Chirurgische Leistungsfähigkeit ist primär eine Systemeigenschaft.
Dieses System kann individuell hochqualifizierte Akteure enthalten und dennoch strukturell fehleranfällig sein. Umgekehrt kann ein gut gestaltetes System individuelle Schwächen kompensieren. Militärchirurgische Leistungsfähigkeit entsteht daher nicht allein durch die Auswahl exzellenter Operateurinnen und Operateure, sondern auch durch eine kohärente Systemarchitektur. Der Ukrainekrieg verdeutlicht diese Zusammenhänge besonders eindrücklich. Analysen zeigen, dass Überlebensraten weniger von individueller Virtuosität als vielmehr von funktionierenden Versorgungsketten, logistischen Strukturen, standardisierten Protokollen und adaptiver Führung abhängen [8][14].
Lösungsansätze: Governance-Strukturen als Transformationsmotor
Governance bezeichnet die strukturelle Verankerung von Verantwortlichkeiten, Entscheidungswegen, Qualitätsindikatoren und Feedbackschleifen. Die Transformation militärchirurgischer Systeme erfordert operative Schritte auf mehreren Ebenen (Tabelle 1).
Tab. 1: Konkrete ebenenbezogene Transformationsmaßnahmen
Erweiterte strategische Schlussfolgerung
Die Transformation der Chirurgie – und insbesondere der Militärchirurgie – ist kein kurzfristiges Reformprojekt oder gesellschaftlicher Trend. Sie ist eine sicherheitsrelevante Systemveränderung mit direkten Folgen für Patienten, die Versorgungsqualität und die Einsatzfähigkeit. Die entscheidende Frage lautet also nicht, ob einzelne Operateurinnen oder Operateure exzellent sind, sondern ob das System unter variablen Bedingungen zuverlässig funktioniert.Aus der Evidenz ergeben sich damit fünf strategische Leitlinien:
- Sicherheit systemisch denken,
=> denn Fatigue beeinflusst Fehlerraten signifikant. - Ausbildung als Kernauftrag begreifen,
=> dennSimulation verbessert operative Kompetenz. - Führung professionalisieren,
=> denn psychologische Sicherheit steigert die Teamleistung. - Diversität als Leistungsdimension,
=> denn Vielfalt erweitert systemische Leistungsfähigkeit. - Resilienz institutionalisieren,
=> denn logistische Struktur bestimmt das Überleben im Gefecht.
Entscheidend ist, diese Transformation nicht als Sammlung einzelner Maßnahmen zu begreifen, sondern als kohärentes Veränderungsprogramm. Dazu gehören messbare Ziele, klare Verantwortlichkeiten, strukturierte Lernprozesse und die Kopplung an die Personal- und Führungskräfteentwicklung. Sicherheit entsteht aus Struktur, Resilienz aus Training und Redundanz, Qualität aus Kultur und Führung.
Die Militärchirurgie steht damit vor der Aufgabe, zivil geprägte Reformen und einsatzspezifische Anforderungen zu integrieren. Diese Integration ist anspruchsvoll, aber gestaltbar – und entscheidet über die Zukunftsfähigkeit militärischer Versorgungssysteme.
Literatur
- Bender KW, Smartt E, Mahoney A, Pearson A. An operational clinical skill set for the ADF general surgeon in military operations: proposal and proof of concept. J Mil Veterans Health. 2021;29:59–61. mehr lesen
- Cole R, Crawford K, Farrell M, Vojta L, Rudinsky SL. Large-scale combat operation education and training needs: implications for military and civilian medical education. West J Emerg Med. 2025;26(5):1144–1153. mehr lesen
- de Feijter JMD, de Grave WS, Muijtjens AM, Scherpbier AJJA, Koopmans RP. A comprehensive overview of medical error in hospitals using incident-reporting systems, patient complaints and chart review of inpatient deaths. PLoS One. 2012;7(2):e31125. mehr lesen
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Manuskriptdaten
Zitierweise
Witzel C. Brauchen wir das noch oder kann das weg? (Militär-) Chirurgie in der kulturellen Transformation. WMM 2026;70(4):134-140.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-865
Verfasserin
Oberstabsarzt Dr. Constanze Witzel
Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie
Bundeswehrkrankenhaus Hamburg
Lesserstraße 180, 22049 Hamburg
E-Mail: constanzewitzel@bundeswehr.org
Manuscript Data
Citation
Witzel C. [Keep It Or Cut It? (Military-) Surgery in the Context of a Cultural Transformation.] WMM 2026;70(4):134-140.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-865
Author
Major (MC) Dr. Constanze Witzel
Department of General Surgery
Bundeswehr Hospital Hamburg
Lesserstraße 180, 22049 Hamburg
E-Mail: constanzewitzel@bundeswehr.org