„Fast-Track“ in der wehrmedizinischen Begutachtung – Entwicklung und Implementierung eines strukturierten Begutachtungsprozesses*
„Fast-Track“ in Military Medical Assessment – Development and Implementation of a Structured Evaluation Process
Marcus Müllera, Kathrin Epplea, Andreas Diericha
a Sanitätsunterstützungszentrum Neubrandenburg
*Die in diesem Beitrag verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich immer gleichermaßen auf weibliche und männliche Personen. Auf eine Doppelnennung und gegenderte Bezeichnung wird zugunsten einer besseren Lesbarkeit verzichtet.
Zusammenfassung
Angesichts des zu erwartenden personellen Wachstums der Bundeswehr und der damit verbundenen Zunahme wehrmedizinischer Begutachtungen wurden im Sanitätsunterstützungszentrum (SanUstgZ) Neubrandenburg die vorhandenen Begutachtungsabläufe analysiert. Anschließend wurde ein strukturierter Begutachtungsprozess entwickelt und implementiert. Durch die Konzeption und Einführung eines fünfstufigen Arbeitsablaufs für die wehrmedizinische Begutachtung soll dessen zentrale „Fast-Track“-Komponente zur frühzeitigen Erkennung häufiger Versagensgründe Begutachtungen effektiver und ressourcenschonender gestalten.
Basierend auf einer Analyse der häufigsten Begutachtungsanlässe und der häufigsten Kriterien für einen vorzeitigen Begutachtungsabschluss wurden die aufeinander aufbauenden Prozessschritte Formalitäten, Ausschluss durch Befragung, Ausschluss nach Aktenlage und abgestufte Diagnostik identifiziert. Durch die Anwendung des „Fast-Tracks“ ist ein vorzeitiger Abschluss der Untersuchungen möglich, sobald ein ausschließender Befund festgestellt wird, ohne die Objektivität oder Validität des Ergebnisses zu beeinträchtigen. Ein vorzeitiger Abschluss schont personelle und materielle Ressourcen (Kosten für Laborleistungen und die Durchführung komplexerer Diagnostik) bei frühzeitigem Vorliegen eines Begutachtungsergebnisses.
Der im SanUstgZ Neubrandenburg bereits als Arbeitsanweisung formalisierte und implementierte Workflow kann aufgrund der einheitlichen regulatorischen Grundlagen im gesamten Sanitätsdienst der Bundeswehr auch auf andere medizinische Einrichtungen übertragen werden, wobei geringfügige lokale Anpassungen erforderlich sein werden. Die Struktur des Arbeitsablaufs bildet zudem eine Grundlage für weitere anlassspezifische Teilabläufe sowie für die künftige digitale, computergestützte Bearbeitung wehrmedizinischer Begutachtungen.
Schlüsselwörter: wehrmedizinische Begutachtung, Workflow, Fast-Track, Praxisleitlinien, Qualitätssicherung
Summary
Considering the expected expansion of the Bundeswehr’s personnel and the associated increase in military medical evaluations, the existing evaluation processes at the Medical Support Center Neubrandenburg were analyzed. Subsequently, a structured assessment process was developed and implemented. By designing and introducing a five-step workflow for military medical assessments, its central “fast-track” component – aimed at the early detection of common causes of failure – is intended to make assessments more effective and resource-efficient.
The process steps were derived from an analysis of the most frequent assessment indications and the most common criteria leading to early termination of an assessment. These steps include formal checks, exclusion by questionnaire-based screening, exclusion based on the case file, and staged diagnostics. Within the “fast-track” approach, the assessment can be terminated as soon as an exclusionary finding is identified, while preserving the objectivity and validity of the result. This early termination helps conserve personnel and material resources, including costs for laboratory services and more complex diagnostic procedures, while enabling an assessment result to be reached at an early stage.
The workflow has already been formalized and implemented as a work instruction at the Medical Support Center Neubrandenburg. Because the regulatory framework is uniform across the Bundeswehr Medical Service, it can also be transferred to other medical facilities, although minor local adaptations may be required. In addition, the workflow structure provides a basis for developing further indication-specific sub-processes and for the future digital, computer-assisted processing of military medical assessments.
Keywords: military medical assessment; fitness for duty; workflow; fast-track; practice guidelines; quality assurance; health care
Einleitung und Hintergrund
Die aktuelle sicherheitspolitische Lage und die damit notwendige Re-Fokussierung auf Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) veranlassten das Bundesministerium der Verteidigung, u. a. einen signifikanten Aufwuchs der Streitkräfte zu initiieren. Bis zur Mitte des nächsten Jahrzehnts sollen 260 000 aktive Soldaten und mindestens 200 000 Reservedienstleistende in der Bundeswehr dienen [1]. Bei aktuell 185 919 Soldaten [2] bedeutet dies eine Steigerung des sanitätsdienstlich zu versorgenden Personalkörpers um 40 %. Hieraus ergibt sich neben einer Zunahme der Tätigkeiten zur Sicherstellung der unentgeltlichen truppenärztlichen Versorgung zeitgleich auch ein vermehrter Bedarf an wehrmedizinischer Begutachtung. Beide Aufgaben sind hierbei im Wesentlichen durch das gleiche Fachpersonal in den Regionalen Sanitätseinrichtungen (RegSanEinr) sowie in den teilstreitkraftspezifischen Einrichtungen des Sanitätsdienstes der Bundeswehr zu erbringen.
Eine erfolgreiche Personalgewinnung wird zu einer Zunahme aller Arten wehrmedizinischer Begutachtungen führen. Es werden deutlich mehr anlassbezogene Untersuchungen (Dienstfähigkeits-/Verwendungsfähigkeitsuntersuchungen, Begutachtungen bei Einstellung, Entlassung und Laufbahn-/Statuswechsel) notwendig werden. Zusätzlich ist mit einer weiteren Zunahme an Begutachtungen im Rahmen des Übergangs in die Grundbeorderungen und durch den Aufwuchs der Reserve im Rahmen von Reservistendienstleistungen mit lediglich kurzen Stehzeiten zu rechnen.
Die Ablösung der Regelbegutachtung „Allgemeine Verwendungsfähigkeitsuntersuchung auf Individuelle Grundfertigkeiten“ („AVU-IGF“) durch die neue „Regelbegutachtung der 3-stufigen Auslandsdienstverwendungsfähigkeit“ (A1–831/0–4009) lässt nach einer Übergangsphase ab 2027 auf eine Entlastung bei der Begutachtung von Soldaten unter 35 Jahren hoffen. Dieser Effekt wird jedoch bei einer erfolgreichen Personalgewinnung im Rahmen des Aufwuchses über den Neuen Wehrdienst und die Neue Reserve, wenn überhaupt, allenfalls marginal zum Tragen kommen.
Da gleichzeitig der eigene sanitätsdienstliche Aufwuchs – insbesondere bei den Fachkräften (single set of experts, jahrelange Ausbildungszeiten) – nur zeitversetzt spürbar werden wird, müssen vor allem bestehende Prozesse optimiert werden sowie Priorisierung und Ressourcensteuerung in den Vordergrund rücken.
Die Systematisierung und Standardisierung wiederkehrender Arbeitsabläufe sind in vielen Bereichen der Medizin im Sinne von Workflows etabliert. Workflows stellen z. B. im Rahmen der Reanimation sowohl für den Laien als auch für das Fachpersonal strukturierte Abläufe, um die wesentlichen Untersuchungs- und Reanimationsschritte systematisch abzuarbeiten und damit einen besseren Outcome zu erzielen. Im Sinne des Qualitätsmanagements erfolgen durch die jeweiligen nationalen Institutionen eine regelmäßige wissenschaftliche Auswertung und ggf. die Anpassung der Handlungsanweisungen und der Ausbildungsinhalte [3]. Workflows können maßgeblich dazu beitragen, die Gesundheitsversorgung zu verbessern und medizinische Ressourcen effizienter einzusetzen [4][5]. Dieser Effekt wird zukünftig durch das Zusammenwirken mit künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen weiter gesteigert werden können. Insbesondere unter dem Aspekt der Arbeitsverdichtung und zusätzlicher Aufgaben besteht durch eine systematisierte Bearbeitung hohes Potenzial, auch mit begrenzten Ressourcen dieser Entwicklung entgegenzutreten.
Grundlagen der ärztlichen Begutachtung in der Bundeswehr
Die Grundlagen der ärztlichen Begutachtung in der Bundeswehr sind in der Allgemeinen Regelung A-830/1 (Ärztliche Begutachtung) sowie in A1–831/0–4000 (Wehrmedizinische Begutachtung) geregelt. Unter bestimmten Voraussetzungen ist ein frühzeitiger Abschluss einer Begutachtung allein aufgrund einer ärztlichen Befragung oder nach Aktenlage möglich und wird so bereits angewandt. Konkrete Vorgaben für eine strukturierte Vorgehensweise im Begutachtungsprozess existieren bislang nicht. Das bisherige Vorgehen war daher in der Regel so gestaltet, dass bei allen Begutachtungen alle Prozessebenen durchlaufen wurden und am Ende das Ergebnis der wehrmedizinischen Begutachtung festgestellt wurde.
Gerade bei anlassbezogenen Begutachtungen können jedoch durch einen strukturierten und standardisierten Prozess, welcher auf verschiedenen Ebenen frühzeitig häufige und leicht zu identifizierende Versagensgründe über Prüffragen identifiziert, wertvolle Ressourcen durch einen vorzeitigen Abschluss der Begutachtung eingespart werden.
Neben einer Verkürzung der Dauer von Begutachtungsprozessen und einer Reduktion des Zeitaufwands für den begutachtenden Arzt sowie für den zu begutachtenden Soldaten kann eine erfolgreiche Etablierung von Workflows bei der Bearbeitung von Begutachtungsanlässen langfristig zu einer Entlastung und damit zu einer erhöhten Zufriedenheit aller am Begutachtungsprozess Beteiligten führen.
Zudem werden durch einen transparenten, auf Vorschriften beruhenden Workflow etablierte Kriterien der Qualitätssicherung angewendet.
Ziel dieser Arbeit ist es, basierend auf einer Analyse der häufigsten Begutachtungsanlässe und frühzeitiger Versagensgründe eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für ein systematisches Vorgehen bei Begutachtungen zu entwickeln und damit eine effiziente Abarbeitung der Begutachtungsaufträge im Sinne eines „Fast-Track“ (Schnellverfahren) zu ermöglichen. Hierbei soll ein vorzeitiger Abschluss das Endergebnis des Begutachtungsprozesses nicht beeinflussen.
Methodik
In einem mehrstufigen Entwicklungsprozess wurden, gemeinsam mit den Leitern der Sanitätsversorgungszentren, zunächst etablierte Vorgehensweisen bei Begutachtungsabläufen analysiert. Hierfür wurden in einem ersten Schritt die häufigsten Begutachtungsanlässe im Sanitätsunterstützungszentrum (SanUstgZ) Neubrandenburg identifiziert.
Nachfolgend wurden für die jeweiligen Begutachtungsaufträge die häufigsten Versagensgründe ermittelt und in ein Prüfschema überführt. Hierbei fand eine Fokussierung auf häufige, frühzeitig erkennbare Versagensgründe in Begutachtungsprozessen, bei denen ein vorzeitiger Abschluss des Begutachtungsauftrags möglich ist, statt, um diese gezielt auf den verschiedenen Ebenen des Fast-Tracks zu integrieren.
Begutachtungsaufträge für die neue Regelbegutachtung der 3-stufigen Auslandsdienstverwendungsfähigkeit (A1–831/0–4009) wurden hierbei bewusst ausgeschlossen. Ziel dieser Regelbegutachtungen ist ein festgelegter Umfang an Diagnostik und Untersuchungen, um den aktuellen Gesundheitszustand der Probanden zu erheben und eine entsprechende Auslandsdienstverwendungsfähigkeit zu bescheinigen. Die hierbei erhobenen Untersuchungsergebnisse können für spätere anlassbezogene Fragestellungen herangezogen werden, sodass ein vorzeitiger Abschluss bei identifizierten Versagensgründen hier nicht statthaft erscheint.
In einem iterativen Verfahren und zuletzt im Rahmen einer Leiterklausurtagung wurde nach Vorliegen der o.g. Analysen zusammen mit den RegSanEinr der Begutachtungsablauf strukturiert und spezifiziert, in die entsprechenden Prüfkriterien unterteilt und nachfolgend in einem Flowchart „Fast-Track“ graphisch aufbereitet.
Tab. 1: Die häufigsten Begutachtungsanlässe (alphabetisch sortiert) am SanUstgZ Neubrandenburg
Ergebnisse
Die häufigsten Begutachtungsanlässe, die für den Verantwortungsbereich des SanUstgZ Neubrandenburg identifiziert wurden, werden in Tabelle 1 aufgeführt.
Besonders erwähnenswert ist hierbei die Borddienstverwendungsfähigkeit an den Standorten Kramerhof (Marine-Technik-Schule) und Rostock (Marinekommando), die einen der umfangreichsten Begutachtungsaufträge darstellt.
Der Begutachtungsprozess wurde nachfolgend in fünf Prozessebenen unterteilt. Hierbei wurden für jede Ebene, Versagensgründe, welche zu einem vorzeitigen Abschluss oder aus formalen Gründen zu einer Rücküberweisung an die Einheit führen können, identifiziert.
Ohne das Vorliegen von Versagensgründen führt das Durchlaufen des gesamten Workflows zu einem regulären Begutachtungsabschluss. Die identifizierten Prozessebenen Formalitäten, Ausschluss durch Befragung, Ausschluss nach Aktenlage, abgestufte Diagnostik und der reguläre Abschluss werden nachfolgend genauer beschrieben.
A. Formalitäten
Das Kriterium der Formalität bezieht sich im Wesentlichen auf den Ersteller des Begutachtungsauftrages, in der Regel durch den Disziplinarvorgesetzten des zu Begutachtenden. Die Notwendigkeit der Vollständigkeit und Korrektheit bei der Ausstellung muss insbesondere bei personalfachlichen Fragestellungen (Status- und Laufbahnwechsel) den Vorgaben entsprechen. Prüfkriterien hierbei sind z. B. die vollständige Befüllung des Vordrucks sowie die Inkraftsetzung des Begutachtungsauftrags mit Datum und Unterschrift.
Bei bestimmten Begutachtungsanlässen sind nur spezifische Fragestellungen aus der aktuellen Regelung für die wehrmedizinische Begutachtung (A1–831/0–4000) vorgesehen. Nur regelkonforme Fragestellungen können durch den truppenärztlich Tätigen korrekt beantwortet werden.
Fehlerhaft erteilte Aufträge sollten durch einen entsprechenden Hinweis bereits auf dieser Ebene an die Einheit zurückgewiesen werden. Bei Häufung fehlerhafter Begutachtungsaufträge wird ein klärendes Gespräch mit Verweis auf die regelkonforme personalfachliche Bearbeitung empfohlen.
B. Ausschluss durch Befragung
Das Vorlegen eines bereits bei Abgabe des Begutachtungsauftrages in der RegSanEinr aktuell ausgefüllten Befragungsbogens (Bw-2069) sowie eines aktuellen Pendelblatts/Wiederbestellblatts (Bw-5389) wurde als zielführend identifiziert.
Ergeben sich aus dem Befragungsbogen reduzierte Gesundheitszustände oder relevante Einschränkungen, kann der weitere Prozess bereits hier beendet und die Begutachtung vorzeitig abgeschlossen werden. Beispielhaft für einen Ausschluss durch Befragung wären eine Schwangerschaft bei der Fragestellung zur Borddienstverwendungsfähigkeit sowie laufende relevante Behandlungen/Abklärungen zu nennen. Eine laufende Abklärung auffälliger Laborwerte oder eine gerade begonnene Probatorik/ambulante Psychotherapie eignen sich grundsätzlich nicht für ein positives Begutachtungsergebnis bei einem Großteil der meisten Fragestellungen. Ebenso verhält es sich mit den meisten medikamentösen Ein- oder Umstellungsphasen (z. B. bei Bluthochdruck).
C. Ausschluss nach Aktenlage
Ergeben sich auf den vorherigen Ebenen keine Versagensgründe, werden im nächsten Schritt die vorliegenden Gesundheitsunterlagen herangezogen, um die Vollständigkeit der Angaben, die vorherigen Begutachtungsergebnisse (ältere inhaltsgleiche Begutachtungen) oder weitere dokumentierte Einschränkungen – im Schwerpunkt ausschließende Gesundheitsziffern – als weitere Versagensgründe für die beauftragte Begutachtung zu prüfen. Liegen keine Gründe vor, die auf dieser Ebene zu einem vorzeitigen Abschluss führen, beginnt die abgestufte Diagnostik als vierter Prozessschritt.
D. Abgestufte Diagnostik
Dental Fitness, Blutdruck, Anthropometrie
Bei Begutachtungsrelevanz wird zunächst der Zahnstatus (Dental Fitness Class, DFC, gem. STANAG) anhand des Wiederbestellblattes (Bw-5389) überprüft.
Eine Relevanz besteht für folgende Begutachtungsanlässe: Borddienst- und Wehrfliegerverwendungsfähigkeit sowie Taucher-, U-Bootfahrer- und Kampfschwimmverwendungsfähigkeit.
Ist der DFC nicht entscheidend für die Begutachtungsfrage oder ausreichend (DFC < 3), erfolgt die Ermittlung von Größe, Gewicht und Bauchumfang. Die Waist-to-Height Ratio (WHtR) wird berechnet und die erhobenen anthropometrischen Körpermaße werden gem. Regelung (Gesundheitsziffern und Anforderungssymbole ARD-831/0–4000c) in die entsprechenden Gesundheitsziffern (GZr) umgewandelt. Je nach Fragestellung ergeben sich hier weitere Versagensgründe im Sinne des Begutachtungsauftrages. So entspricht z. B. eine WHtR von 0,57–0,68 der Gesundheitsziffer III 2 (2) und ist ein Ausschluss für die Kraftfahrverwendungsfähigkeit der Klasse G und F (alle geschützten Militärfahrzeuge und Kettenfahrzeuge).
Als weiterer häufig abklärungsbedürftiger Befund und gleichzeitiger häufiger Versagensgrund für ein positives Begutachtungsergebnis wurde ein nicht bekannter oder trotz medikamentöser Therapie nicht ausreichend eingestellter Bluthochdruck identifiziert. Daher wurde die Bestimmung des Praxis-Blutdrucks (gem. Nationale Versorgungsleitlinie Hypertonie 2023; Version 1.0; AWMF-Register-Nr. nvl-009) in die abgestufte Diagnostik aufgenommen.
Ergibt die Messung einen Wert ≥ 140/90 mmHg, wird die Begutachtung vorzeitig abgeschlossen, und weitere Maßnahmen (ggf. 24-h-Messungen, Etablierung oder Anpassung der medikamentösen Therapie) werden über die Sprechstunde empfohlen.
Sowohl DFC, Blutdruck als auch die anthropometrischen Körpermaße (inkl. WHtR) können aktiv durch den Probanden im Zusammenwirken mit den RegSanEinr positiv beeinflusst werden, sodass diese Parameter als gemeinsamer „diagnostischer Block“ im Fast-Track verankert wurden, um häufige Gesundheitszustände/Erkrankungen zeitgleich zu erfassen und dem Probanden ggf. alle diesbezüglichen Handlungsbedarfe gleichzeitig aufzeigen zu können. Im Rahmen einer Folgebegutachtung können diese Handlungsbedarfe zeitgleich angegangen werden, insbesondere unter dem Aspekt, dass Gewicht, Bluthochdruck und Bauchumfang durch Änderungen des Verhaltens oftmals positiv beeinflusst werden können. Diese Maßnahmen werden dann außerhalb der Duldungspflichtigkeit einer Begutachtung über die truppenärztliche Sprechstunde geplant.
Spezielle Diagnostik
Sind alle bisher aufgezeigten Prüfkriterien ohne Hinweise auf die identifizierten häufigen Versagensgründe, so wird die weitere spezielle Diagnostik für den jeweiligen Begutachtungsauftrag begonnen. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um die apparative Diagnostik in den RegSanEinr (Sehtest, Hörtest, Lungenfunktion, EKG, Ergometrie), aber auch um Blut- und Urinuntersuchungen durch das Labor. Hinzu kommen notwendige fachärztliche Untersuchungen, etwa für den Führerschein (Augenarzt ab Stufe C der Kraftfahrverwendungsfähigkeit).
Bei Befundeingang erfolgt zunächst eine erneute Bewertung, ob Versagensgründe für die geforderte Begutachtung vorliegen und ein vorzeitiger Abschluss möglich ist.
E. Regulärer Abschluss
Sind auch in Schritt D keine Versagensgründe identifiziert worden, erfolgt als Abschlussuntersuchung eine körperliche Untersuchung durch den Truppenarzt mit dem Ziel des regulären Abschlusses der Begutachtung.
Auch bei einem vorzeitigen Abschluss einer Begutachtung auf vorherigen Prozessebenen, erfolgt eine Meldung unter Vorlage der bisherigen Ergebnisse und des identifizierten Versagensgrundes an den zuständigen Truppenarzt (Aktenlage). Seine Unterschrift schließt auch hier den Begutachtungsauftrag ab. Als wesentliche Aufgabe für den Truppenarzt kommt hierbei die Einschätzung über die Dauer der Einschränkung bis zur Folgebegutachtung (vorübergehend nicht verwendungsfähig; Nachuntersuchung in XX Monaten/Jahren) zu, sofern nicht dauerhaft Versagensgründe vorliegen.
Die dargestellten Ergebnisse wurden unter Berücksichtigung der aktuellen Regelungen in einen Algorithmus (Abbildung 1) umgesetzt und in Form einer Arbeitsanweisung für das SanUstgZ Neubrandenburg zum 01.05.2026 in Kraft gesetzt.
Abb. 1: Grafische Darstellung des entwickelten Workflows für Begutachtungsprozesse
Als wesentliches Ergebnis der o.g. Analysen konnte der sogenannte „Fast-Track“ (Schnellverfahren) entwickelt werden. Die Schritte, die dem eigentlichen „Fast-Track“ zugeordnet wurden, entsprechen den Abschnitten A bis D.
Fazit
Durch die Identifizierung der relevantesten Begutachtungsanlässe und häufigsten Versagensgründe im Zuständigkeitsbereich des SanUstgZ Neubrandenburg sowie die strukturierte Aufarbeitung des Begutachtungsprozesses in fünf Prozessebenen mit entsprechenden Prüfkriterien und die Überführung in einen Workflow konnte der Begutachtungsprozess für das SanUstgZ Neubrandenburg strukturiert und systematisiert werden. Von einer Steigerung der Effizienz bei Schonung der Ressourcen durch die Anwendung des entwickelten Workflows wird bei vielen Begutachtungsanlässen ausgegangen.
Maßgeblich sind hierfür vor allem die Schritte des „Fast-Tracks“, die möglichst früh im Begutachtungsprozess Gesundheitsstörungen oder -zustände identifizieren, die unabhängig von weiteren Untersuchungsergebnissen zu einem (ggf. nur vorübergehendem) Versagen eines positiven Begutachtungsergebnisses führen. Hierdurch können Ressourcen (Zeit, sanitätsdienstliches Personal, Material), Kosten (Labor) sowie Abwesenheiten (inklusive ggf. notwendiger Dienstreisen) der zu begutachtenden Personen potenziell eingespart werden. Durch den erarbeiteten Workflow ist das Vorgehen transparent und beeinflusst die grundlegende ergebnisoffene Begutachtung nicht. Zudem werden dem Probanden bei Vorliegen von Auffälligkeiten mit der Erfassung des „diagnostischen Blocks“ gezielte Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt, die im Rahmen der truppenärztlichen Sprechstunde weiter abgeklärt werden können.
Der vorliegende Workflow kann darüber hinaus als Grundlage für die Entwicklung weiterer anlassbezogener untergeordneter Teilprozesse der jeweiligen Begutachtungsanlässe (Kraftfahrverwendungsfähigkeit, Borddienstverwendungsfähigkeit, Absturzgefährdung) dienen.
Aufgrund der Gültigkeit der Allgemeinen Regelungen für den gesamten Sanitätsdienst der Bundeswehr ist von einer Übertragbarkeit auf andere Sanitätsunterstützungszentren und weitere Sanitätseinrichtungen unter ggf. Anpassung an spezifische Gegebenheiten auszugehen.
Darüber hinaus erleichtern Workflows insbesondere die elektronische Datenverarbeitung mithilfe entsprechender Anwendungen. Etablierte Workflows bieten daher eine Möglichkeit, den hochspezifischen Prozess der wehrmedizinischen Begutachtung für die zukünftige Digitalisierung der Gesundheitsversorgung der Bundeswehr zu operationalisieren.
Neben der Entwicklung von Teilprozessen für die jeweiligen Begutachtungsanlässe und der Digitalisierung des Prozesses sind in weiteren Untersuchungen sowohl die quantitative als auch die qualitative Auswertung des optimierten Begutachtungsprozesses und dessen Auswirkungen auf die verwendeten Ressourcen möglich.
Literatur
- Bundesministerium der Verteidigung. Verteidigungsminister stellt Strategie zur Landes- und Bündnisverteidigung vor [Internet].BMVG 22. April 2026.[Letzter Zugriff: 18.Mai 2026]; verfügbar unter: https://www.bmvg.de/de/presse/strategie-zur-landes-und-buendnisverteidigung-6093690. mehr lesen
- Bundesministerium der Verteidigung. Personalzahlen der Bundeswehr [Internet].BMVg 2026. [Letzter Zugriff: 18. Mai 2026]; verfügbar unter: https://www.bundeswehr.de/de/organisation/zahlen-daten-fakten/personalzahlen-bundeswehr. mehr lesen
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- Damiani, G., et al. The effectiveness of computerized clinical guidelines in the process of care: a systematic review. BMC Health Serv Res 2010;10:2. mehr lesen
- Kredo, T., et al. Guide to clinical practice guidelines: the current state of play. International Journal for Quality in Health Care, 2016;28(1):122–128. mehr lesen
Allgemeine Regelungen:
A-830/1 Ärztliche Begutachtung
A1–831/0–4000 Wehrmedizinische Begutachtung
A1–831/0–4001 Kraftfahrverwendungsfähigkeit
A-831/0–4002 Borddienstverwendungsfähigkeiten
ARD-831/0–4000c Gesundheitsziffern und Anforderungssymbole
Manuskriptdaten
Zitierweise
Müller M, Epple K, Dierich A. „Fast-Track“ in der wehrmedizinischen Begutachtung – Entwicklung und Implementierung eines strukturierten Begutachtungsprozesses. WMM 2026;70(9):428-433.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-969
Für die Verfasser
Oberstarzt Marcus Müller
Sanitätsunterstützungszentrum Neubrandenburg
Weg am Hang 35; 17033 Neubrandenburg
E-Mail: marcus23mueller@bundeswehr.org
Manuscript Data
Citation
Müller M, Epple K, Dierich A.[„Fast-Track“ in Military Medical Assessment – Development and Implementation of a Structured Evaluation Process]. WMM 2026;70(9):428-433.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-969
For the Authors
Colonel (MC) Marcus Müller
Bundeswehr Medical Support Center Neubrandenburg
Weg am Hang 35; D-17033 Neubrandenburg
E-Mail: marcus23mueller@bundeswehr.org