Wehrmedizinische Monatsschrift

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Inhaltsverzeichnis
Editorial
Editorial
Dermatologie
Inzidenzen von Hautkrebs und dessen Präkanzerosen bei ­militärischem Personal der Bundeswehr – Update zur Versorgungsforschung








Dermatologie
Von Haut bis Hypophyse:​ Immuntherapiebedingte Nebenwirkungen bei der Therapie des malignen Melanoms










Dermatologie
Zielgerichtete Therapie des malignen Melanoms – aktueller Stand und Überblick









Dermatologie
Aktinische Keratosen – eine zunehmende Herausforderung auch im truppenärztlichen Alltag




Dermatologie
Der Anaphylaxie auf der Spur – molekulare Allergologie als Schlüssel zur Diagnose




Varia
Klinisch-pharmazeutische Dienstleistungen der Apotheke des ­Bundeswehrkrankenhauses Hamburg zur Prävention arzneimittel­bezogener Probleme und unerwünschter Arzneimittelwirkungen




Varia
Prüfquoten der Bundeswehrkrankenhäuser – Reaktionsmöglichkeiten auf Leistungskürzungen durch den Medizinischen Dienst


Tagungen und Kongresse
Einweihung einer Gedenkstele in der heutigen Ernst-von-Bergmann-Kaserne am 27.​ Januar 2026
Tagungen und Kongresse
Bericht über das 2.​ TENuK-Symposium vom 30.​ März bis 1.​ April 2026 in Idstein
Aus dem Sanitätsdienst
Ergänzung zum Artikel:​ Forum Allgemeinmedizin – Netzwerk für angewandte Forschung in der ambulanten Versorgung im ­Sanitätsdienst der Bundeswehr (WMM 2026–70(4))
Buchrezension
Ernährungsmedizin
Mitteilungen der DGWMP
Einladung zum Nachwuchsforum und Ausschreibung des Heinz-Gerngroß-Förderpreises 2026*
Mitteilungen der DGWMP e.​ V.​
Geburtstage Juli 2026
Editorial PDF

Editorial

Sehr geehrte Leserin,
sehr geehrter Leser!

kaum ein medizinisches Fachgebiet hat in den vergangenen Jahren die Grenzen der Therapie so herausragend verschoben wie die Dermatoonkologie. Was einst als infaustes Urteil beim metastasierten malignen Melanom galt, ist heute für viele Patientinnen und Patienten eine beherrschbare, mitunter heilbare Erkrankung geworden. Das Ihnen vorliegende Heft der Wehrmedizinischen Monatsschrift widmet sich zu großen Teilen diesem Fachgebiet, das für den Sanitätsdienst der Bundeswehr von hoher Relevanz ist. Bösartige Hauttumoren und ihre Vorstufen können die Einsatzfähigkeit unserer Soldatinnen und Soldaten unmittelbar beeinträchtigen. Mit dem Ziel, dieser Entwicklung Rechnung zu tragen und die dermatoonkologische Expertise innerhalb des Sanitätsdienstes zu festigen, wurde das Hauttumorzentrum am Bundeswehrkrankenhaus Berlin im Jahr 2025 als erstes der Bundeswehr zertifiziert.

Hautkrebs ist der häufigste Organkrebs in Deutschland und unter militärischem Personal in besonderem Maße verbreitet. Eine retrospektive Patientenanalyse aus der dermatologischen Fachuntersuchungsstelle am Bundeswehrkrankenhaus Berlin zeigt eine alarmierende Prävalenz von rund fünf Prozent kutaner Malignome und ihrer Vorstufen in einer soldatischen Kohorte, und zwar mit einem auffällig jungen Medianalter bei Diagnosestellung. Die dienstlich bedingte UV-Exposition, sei es im Inland oder in ausländischen Einsatzgebieten, rückt damit als ernstzunehmender berufsbedingter Risikofaktor in den Fokus. Die Beiträge dieses Heftes beleuchten diesen Umstand sowohl aus epidemiologischer Perspektive als auch mit Blick auf präventive Konsequenzen sowie auf das truppenärztliche Management aktinischer Keratosen als Präkanzerose des Spinalzellkarzinoms. Diese Daten sind ein Aufruf zur Wachsamkeit, denn die frühzeitige Erkennung beginnt nicht beim Facharzt, sondern beim Truppenarzt.

Das maligne Melanom hat in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten eine tiefgreifende therapeutische Revolution erlebt. Durch den Einsatz von Immuncheckpoint-Inhibitoren und zielgerichteter Therapie haben sich bei Metastasierung deutlich mehr Patienten mit dauerhafter Krankheitskontrolle oder sogar langanhaltenden Vollremissionen entwickelt, im Vergleich zu früher, als die Prognose nahezu hoffnungslos war. Zwei Übersichtsarbeiten aus unserem Hauttumorzentrum greifen die zielgerichtete Therapie beim BRAF-mutierten Melanom sowie das Management immuntherapiebedingter Nebenwirkungen auf, denn mit zunehmender Wirksamkeit neuer Medikamente mit innovativen Wirkmechanismen wachsen auch die Anforderungen an eine frühzeitige, differenzierte Toxizitätserkennung. Diese Beiträge richten sich bewusst auch an Nicht-Dermatologen, denn wer die Behandlungskonzepte kennt, wird früher auf Nebenwirkungen aufmerksam und kann im entscheidenden Moment richtig zuweisen.

Ergänzend zum dermatoonkologischen Schwerpunkt dieser Ausgabe findet sich ein allergologischer Fallbericht, der exemplarisch vor Augen führt, welche diagnostische Tiefe die Dermatologie in unserem Sanitätsdienst jenseits der Onkologie bereithält. Allergologische Erkrankungen berühren nahezu alle klinischen Fachgebiete, von der Dermatologie über die HNO bis zur Inneren Medizin und Allgemeinmedizin und stellen gerade in der wehrmedizinischen Versorgung eine besondere Herausforderung dar. Der Fallbericht zeigt eindrucksvoll, dass sorgfältige Diagnostik und interdisziplinäres Denken nicht nur akademischen Wert haben, sondern im Zweifel über die Verwendungsfähigkeit und die Patientensicherheit entscheiden.

Ich wünsche Ihnen eine anregende und erkenntnisreiche Lektüre.

Dr. Atakan Jordan

Flottillenarzt

Leiter des Hauttumorzentrums am Bundeswehrkrankenhaus Berlin

 
Dermatologie PDF

Inzidenzen von Hautkrebs und dessen Präkanzerosen bei militärischem Personal der Bundeswehr – Update zur Versorgungsforschung

Forschungsarbeit zur Effektivität von Hautkrebsvorsorgeuntersuchungen in der dermatologischen Fachambulanz des Bundeswehrkrankenhauses Berlin

Incidence of Skin Cancer and its Precursors among Military Personnel of the Bundeswehr

Study on the Effectiveness of Skin Cancer Screenings at the Outpatient Dermatology Clinic of the Bundeswehr Hospital Berlin

Maria Conrada, Elmar Elsnera, Staffan Vanderseea

a Klinik für Dermatologie und Venerologie, Bundeswehrkrankenhaus Berlin

Zusammenfassung

Chronische Sonnenexposition ist ein gut untersuchter Risikofaktor für die Entstehung von berufsbedingtem Hautkrebs. Zahlreiche internationale Studien deuten darauf hin, dass Militärangehörige im Dienst ein erhöhtes Risiko für melanozytäre und nicht-melanozytäre Hauttumoren aufweisen. Wie wir bereits zuvor 2023 präliminär berichteten1, wurden im Zeitraum vom 1. Januar 2017 bis zum 31. Dezember 2022 retrospektiv Daten von Soldatinnen und Soldaten2, die in der dermatologischen Fachuntersuchungsstelle des Bundeswehrkrankenhauses Berlin ein Hautkrebsscreening (HKS) als Präventivmaßnahme erhielten, mit identifizierten kutanen Malignomen korreliert. Zusätzlich wurden histopathologische Melanomdaten erfasst, um zu untersuchen, ob eine Assoziation zwischen der Tumordicke nach Breslow und den erhobenen Patientencharakteristika, den Umständen der Diagnose sowie den Charakteristika der Melanome besteht.

In den Jahren 2017–2022 wurden bei 5,0 % des Gesamtkollektivs neue Fälle von melanozytärem (MSC) und nicht-melanozytärem Hautkrebs (NMSC) sowie deren Vorstufen registriert (n = 338 von 6915, NMSC: 4,2 % vs. MSC: 0,8 %). 90,2 % der kutanen Neoplasien wurden während eines HKS detektiert (n = 305 von 388). Der Anteil erkrankter Männer lag bei 5,4 % (n = 313 von 5925), der der Frauen bei 2,5 % (n = 25 von 990) mit einem Medianalter bei Diagnosestellung von 38 Jahren bei beiden Geschlechtern.

Männliche Soldaten waren bei der Diagnosestellung signifikant älter als weibliche Soldaten (50,1 vs. 38,9 Jahre). Die durchschnittliche Tumordicke nach Breslow bei malignen Melanomen lag bei 0,92 mm (± 0,82 mm). 44,4 % aller MSC zeigten eine Tumordicke nach Breslow kleiner als 1 mm, 18,5 % waren über 1 mm dick. Weitere 37,0 % wurden als Melanoma in situ detektiert. Dünne Melanome (kleiner als 1 mm) wurden im Vergleich zur anlassbezogenen Vorstellung signifikant häufiger mittels HKS diagnostiziert. Die Prävalenz von 5 % in dieser Kohorte ist alarmierend.

Es sind zukünftig prospektive Studien notwendig, um genauere Daten zu kutanen Malignomen bei Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr sowie nachfolgend ein potenzielles Risiko durch UV-Exposition im Dienst zu erfassen.

Schlüsselwörter: Militärpersonal, Hautkrebs, Hautkrebsscreening, berufsbedingte Erkrankungen, Inzidenz

Summary

Chronic sun exposure is a well-established risk factor for developing occupational skin cancer. Numerous international studies show that military personnel are at increased risk of developing both melanocytic and non-melanocytic skin tumors while in service. As we have already reported preliminarily in 20233, data from soldiers who underwent skin cancer screening as a preventive measure at the outpatient dermatology clinic at the Bundeswehr Hospital in Berlin from January 1, 2017, through December 31, 2022 were retrospectively analyzed and correlated with identified skin malignancies.

Between 2017 and 2022, new cases of melanocytic (MSC) and non-melanocytic skin cancer (NMSC), along with their precursors, were recorded in 5.0 % of the total cohort (n = 338/6915; NMSC: 4.2 %, MSC: 0.8 %). A total of 90.2 % of all skin neoplasms were identified during skin cancer screenings (n = 305/388). The proportion of affected males was 5.4 % (n=313/5925), while for females it was 2.5 % (n = 25/990), with a median age at diagnosis of 38 years for both genders.

Male soldiers were significantly older at diagnosis than females (50.1 vs. 38.9 years). The average Breslow tumor thickness of malignant melanomas was 0.92 mm (± 0.82 mm). 44.4 % of MSCs had a Breslow thickness of 1 mm or less, while 18.5 % were thicker than 1 mm. Additionally, 37.0 % were identified as melanoma in situ. Thin melanomas (thinner than 1 mm) were diagnosed significantly more often by HKS compared to presentations based on specific symptoms. The 5 % prevalence in this cohort is alarming.

Future prospective studies are needed to gather more precise data on cutaneous malignancies in Bundeswehr personnel and to assess the potential risk from UV exposure during military service.

Keywords: military personnel; skin cancer; skin cancer screening; occupational disease; incidence

Einleitung und Hintergrund

Steigende Inzidenz von Hautkrebs

Die Inzidenz des malignen Melanoms und der nicht-melanozytären Hauttumoren ist weltweit in den letzten Jahrzehnten stetig angestiegen [4][21]. Dabei ist die Früherkennung essenziell für die weitere Prognose [12][14]. In Abgrenzung zum malignen Melanom, das zu den aggressivsten Formen des Hautkrebses mit hohem Metastasierungspotenzial gehört, umfasst der Terminus nicht-melanozytärer Hautkrebs (NMSC, nonmelanoma skin cancer) unter anderem das Basalzellkarzinom (BCC, basal cell carcinoma) und das Plattenepithelkarzinom (SCC, squamous cell carcinoma) sowie die aktinische Keratose (AK), die eine Präkanzerose des SCC darstellt.

UV-Strahlung als Hauptursache

Das maligne Melanom trat im Jahr 2023 in Deutschland bei rund 27 430 Personen auf, darunter 12 960 Frauen [28]. Die NMSC-Inzidenz in Deutschland liegt inzwischen bei knapp 243 000 Neuerkrankungen pro Jahr, die sich bis 2030 nach Schätzungen verdoppeln könnte [20][38], womit es bei beiden Geschlechtern die mit Abstand häufigste Krebsart in Deutschland wäre. Die erhöhten Inzidenzraten der kutanen Neoplasien sind weitgehend auf die zunehmende Exposition gegenüber solarer ultravioletter (UV-)Strahlung zurückzuführen, dem wichtigsten kausalen Risikofaktor für Hautkrebs. Daneben zählen der demografische Wandel und ein verändertes Freizeitverhalten, das mit einer zunehmenden Belastung durch natürliche und künstliche UV-Strahlung einhergeht, als ursächliche Faktoren für die steigenden Fallzahlen. Hierzu sind zum Beispiel die Nutzung von Solarien sowie Sport- und Urlaubsaktivitäten im Freien zu berücksichtigen. Da die chronische UV-Belastung der entscheidende Faktor in der Pathogenese ist, muss das Risiko für im Freien arbeitende Personen, an kutanen Malignomen zu erkranken, als besonders hoch eingestuft werden [3].

Berufsbedingte UV-Belastung im Militärdienst

Obwohl Soldaten während ihrer zurückliegenden Auslandseinsätze häufig in äquatorialen Breitengraden tätig waren und auch im Inland einer nicht zu vernachlässigenden berufsbedingten UV-Exposition ausgesetzt sind, wird die UV-Belastung meist nicht als aktives Risiko angesehen. Zumeist stehen Verteidigungs- und Sicherheitsaspekte sowie die Erfüllung des Auftrags für die Streitkräfte im Vordergrund. Es ist anzunehmen, dass eine erhöhte UV-Belastung durch die vielfältigen Tätigkeitsfelder der deutschen Soldaten in den unterschiedlichsten Klima- und Weltregionen das Erkrankungsrisiko für Melanome und NMSC steigert. Im zivilen Bereich ist in solchen Fällen die Berufskrankheit BK5103 (Plattenepithelkarzinome oder multiple aktinische Keratosen der Haut durch natürliche UV-Strahlung) etabliert. Die Rationale zur Einführung der BK 5103 war die Erkenntnis, dass die Inzidenz für aktinische Keratosen und Plattenepithelkarzinome der Haut verdoppelt wird, wenn zur privaten Exposition eine beruflich bedingte (und damit versicherte) UV-Exposition von 40 % hinzukommt. Während AK und SCC als Folgen einer chronischen, kumulativen UV-Strahlung anerkannt sind, ist die Datenlage zu BCC weiterhin heterogen: Hier gilt neben der kumulativen UV-Strahlung, der eine eher untergeordnete Rolle in der Pathogenese zukommt, insbesondere die intermittierende UV-Belastung als ursächlich, ähnlich wie beim malignen Melanom [31].

Mehrere internationale Studien deuten darauf hin, dass die Inzidenzraten von Melanomen und NMSC unter Militärangehörigen im Vergleich zu altersgleichen Kon­trollpersonen in der Allgemeinbevölkerung erhöht sind [1][11][13][18][19][37]. Weiterhin werden innerhalb der einzelnen Teilstreitkräfte (z. B. US Air Force, Navy) Soldaten mit zunehmender Anzahl an Dienstjahren sowie überwiegend im Freien tätige Soldaten mit einem erhöhten Risiko für diagnostizierte Melanome in Verbindung gebracht [8][37]. Auch zeigen Untersuchungen, dass tropische und subtropische Einsatzgebiete das Melanom-Risiko bei Militärangehörigen erhöhen [7][23][27]. Dennoch fehlen hierzulande epidemiologische Daten zu kutanen Neoplasien (MSC und NMSC) unter Militärangehörigen der Bundeswehr.

Forschungsvorhaben am BwKrhs Berlin

In der Klinik für Dermatologie und Venerologie des Bundeswehrkrankenhauses (BwKrhs) Berlin wurde daher ein Forschungsvorhaben zu Hautkrebs in der dermatologischen Fachuntersuchungsstelle etabliert. Ziel war es, mittels einer retrospektiven Datenanalyse die Punktprävalenz von malignen Melanomen und NMSC bei Soldaten der Bundeswehr sowie deren epidemiologischen Daten zu erheben und diese mit der Allgemeinbevölkerung, Outdoorarbeitern und Militärangehörigen anderer Nationen zu vergleichen. Des Weiteren galt es, die Effektivität der Hautkrebsscreenings als Präventivmaßnahme – entsprechend der Früherkennungsuntersuchung auf Hautkrebs – als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung im zivilen Bereich in der Bundeswehr abzuschätzen.

Methoden

Es erfolgte eine monozentrische Datenerhebung. Retrospektiv wurde mithilfe des Krankenhausinformationssystems NEXUS/KIS im Zeitraum von 1/2017 bis 12/2022 die Anzahl durchgeführter Screening-Untersuchungen (ICD-10-Code Z01.5 bzw. Z12.8 mit GOÄ H750) mit der Rate diagnostizierter kutaner Malignome und deren Vorstufen, des Carcinoma in situ (ICD-10-Code C44.xx, C43.xx, L57.0, D03.xx, D04.xx) korreliert. Anhand der ­elektronischen Patientenakten wurden Angaben zu den Diagnosen sowie generelle epidemiologische/demografische Informationen (u. a. Geschlecht, Alter bei Hautkrebsdiagnose), erfasst und deskriptiv ausgewertet. Nachträglich wurden zivile Patienten sowie Patienten ausgeschlossen, die sich im Rahmen von Nachsorgeprogrammen bei einem bereits diagnostizierten Haut­tumor in der Fachuntersuchungsstelle vorstellten.

Die Melanom-Tumordicke nach Breslow nimmt je nach Existenzdauer eines Melanoms zu. So kann die Dicke als objektiver Indikator für eine bessere oder schlechtere Melanomfrüherkennung herangezogen werden. Detektierte Melanome wurden anhand ihrer Tumordicke nach Breslow in zwei Kategorien (£ 1,0 mm vs. > 1,0 mm) eingeteilt. Diese Dichotomisierung wurde bei einer Dicke von 1,0 mm vorgenommen, da maligne Melanome der Dicke von £ 1,0 mm als dünne Melanome mit guter Prognose gelten [6]. Durch die Dichotomisierung der Tumordicke nach Breslow entstanden zwei kategoriale Variablen (Tumordicke £ 1,0 mm vs. Tumordicke > 1,0 mm), die mithilfe des Chi-Quadrat-Tests nach Pearson bzw. Fisher-Exakt-Tests auf signifikante Assoziationen untersucht wurden. Diese univariate Analysen wurden durchgeführt, um Abhängigkeiten zwischen der Tumordicke nach Breslow und den erhobenen Patientencharakteristika, den Umständen der Melanomdiagnose (Z01.5/Z12.8 vs. GOÄ H750) sowie den Charakteristika des Melanoms zu untersuchen. Hierdurch wurden Kriterien identifiziert, die mit prognostisch günstigeren, dünnen Melanomen einhergehen.

Ergebnisse

Studienpopulation

In die Studie eingeschlossen waren 6 915 Soldaten. Es handelte sich um 85,7 % (n = 5 925) Männer und 14,3 % (n = 990) Frauen. Beide Geschlechter waren zum Zeitpunkt der ersten dermatologischen Vorsorgeuntersuchung durchschnittlich 39,1 Jahre alt. Männer waren im Vergleich zu Frauen signifikant älter (40 vs. 32 Jahre, p < 0,001*). In Tabelle 1 sind die Ergebnisse tabellarisch dargestellt.

Tab. 1: Gesamtkollektiv: Geschlechts- und Altersstruktur

Ergebnisse des Hautkrebs-Screenings

Von 6.915 Untersuchungspatienten wurde bei 5 % (n = 338) die Diagnose eines malignen Hauttumors oder eines Carcinoma in situ als dessen Vorstufe gestellt.Der größte Anteil der kutanen Malignome und deren Vorstufen wurde bei einem HKS mit dem Diagnoseschlüssel ICD-10-Code Z01.5/Z12.8 gefunden (90,2 , n = 305/338). 8,8 % der Diagnosen ergaben sich aus einer anlassbezogenen Vorstellung GOÄ H 750-Dermatoskopie (n = 33/338), bei denen den Patienten selbst zuvor Hautveränderungen aufgefallen waren. 15,0 % der Diagnosen entsprachen melanozytären Neoplasien (n = 50/338) und 84,0 % nicht-melanozytären Neoplasien (n = 285/338). In den Abbildungen 1 und 2 werden die Ergebnisse grafisch dargestellt.

Abb 1: Klinisch-histologische Ergebnisse aus Z01.5 / Z12.8 / H750 n; %

Abb. 2: Anzahl der MSC-/NMSC-Erkrankten n; %; NMSC: non-­melanoma skin cancer

Patientencharakteristika bei Diagnosestellung

Der Anteil erkrankter Männer lag bei 5,4 % (n = 313/5.925), der der Frauen bei 2,5 % (n = 25/990) mit einem Medianalter bei Diagnosestellung von 38 Jahren bei beiden Geschlechtern. Weibliche Patienten waren signifikant jünger als männliche (37 vs. 53 Jahre; Mann-Whitney-U-Test, p < 0,001). Das mediane Alter der Melanom-Betroffenen lag bei 39 Jahren, das der NMSC-Erkrankten bei 53 Jahren (Abbildung 3).

Abb. 3: Alter der Männer und Frauen bei der ersten Hautkrebsdiagnose
* Mann-Whitney-U-Test

Punktprävalenzen der NMSC und deren Präkanzerosen

Im Gesamtkollektiv wurden bei 4,1 % der Untersuchten nicht-melanozytäre Hauttumoren und deren Vorstufen, darunter Carcinoma in situ (aktinische Keratosen und Morbus Bowen), diagnostiziert (n = 288/6 915). Am häufigsten wurden aktinische Keratosen (61,1 %, n = 176/288) festgestellt, deren Prävalenz im untersuchten Kollektiv 2,9 % (n = 98/6 915) betrug. Bei Basalzellkarzinomen und Plattenepithelkarzinomen der Haut wurden 1,5 % (n = 106/6 915) histologisch gesichert.

Punktprävalenzen der melanozytären Hauttumore und des Melanoma in situ

Es ergaben sich 54 maligne Melanome und Melanoma in situ bei insgesamt 53 Patienten. Die Melanom-Prävalenz lag bei 0,8 % (n = 53/6 915). Am häufigsten wurde der Subtyp des superfiziell spreitenden malignen Melanoms (SSM) detektiert (n = 29/54, 54,7 %). 87,7 % der Melanom-Patienten wurden während eines HKS (ICD-10-Code Z01.5/Z12.8) diagnostiziert (n = 48/53). Es stellte sich eine statistisch signifikante Assoziation zwischen dem Melanom-Subtyp und der Diagnosestellung heraus (Exakter Test nach Fisher = 26,013, p < 0,001*, Abbildung 4).

Abb. 4: Prävalenzen der Melanom-Subtypen im Hautkrebsscreening vs. anlassbezogener Vorstellung; n;
* Exakter Test nach Fisher

Tumordicke nach Breslow und Häufigkeit invasiv vs. nicht-invasiv wachsender maligner Melanome

Die durchschnittliche Tumordicke nach Breslow der diagnostizierten malignen Melanome lag bei 0,92 mm (± 0,82 mm). Das dickste Melanom besaß eine Tumordicke nach Breslow von 4 mm, das dünnste Melanom eine Tumordicke nach Breslow von 0,2 mm (vgl. Abbildung 5).

Abb. 5: Tumordicke nach Breslow (in mm)

Unter den 54 diagnostizierten malignen Melanomen wurden 18 Melanoma in situ und 34 invasiv-wachsende maligne Melanome (die Basalmembran überschreitend) identifiziert (33,3 % vs. 63,0 %). 44,4 % der Melanome zeigten eine Tumordicke nach Breslow £ mm, 18,5 % > 1 mm.

Zusammengefasst waren 77,7 % aller diagnostizierten malignen Melanome der Stichprobe mit einer Tumordicke nach Breslow £ 1 mm nachweisbar. Die Ergebnisse sind in Abbildung 6 grafisch dargestellt.

Abb. 6: Häufigkeit invasiv vs. nicht- invasiv wachsender maligner Melanome

Ergebnisse der univariaten Analyse

In der univariaten Analyse waren folgende Kriterien mit einer statistisch signifikant dünneren Tumordicke nach Breslow der Melanome assoziiert: höheres Patientenalter sowie ein vorangegangenes Hautkrebsscreening bei der Diagnosestellung. So zeigte sich in der Untersuchung, dass jüngere Patienten signifikant dickere Melanome aufwiesen als ältere (Kruskal-Wallis-Test, p = 0,046 *). Dies konnte vor allem für die Gruppe der über 30-Jährigen (mittlere Tumordicke: 0,73 mm) gegenüber der Gruppe der über 50-Jährigen (mittlere Tumordicke: 0,35 mm) festgestellt werden. Des Weiteren waren maligne Melanome, die während eines HKS diagnostiziert wurden, signifikant dünner als jene, die nicht im Rahmen einer Vorsorge festgestellt wurden (mittlere Tumordicke: 0,50 mm vs. 1,53 mm, p = 0,016 *). Zum anderen traten prognostisch günstigere, dünne Melanome (Tumordicke nach Breslow ≤ 1,0 mm) signifikant häufiger bei den Screening-Melanomen auf: 85,1 % vs. 40,0 % (p-Wert = 0,043 *, Tabelle 2).

Tab. 2: Ergebnisse der univarianten Analyse

Diskussion

Unter Einbeziehung der klinisch diagnostizierten Carcinoma in situ wurden in der monozentrischen Erhebung 338 Patienten mit malignen Hauttumoren identifiziert (5,0 %). Die Prävalenz der malignen Hauttumoren und deren Präkanzerosen wurde mit 0,8 % für melanozytäre (n = 54/6 915) und mit 4,2 % für epitheliale Neoplasien (n = 288/6 915) ermittelt.

Epidemiologische Datenlage

In Deutschland liegen bislang keine belastbaren, populationsbasierten epidemiologischen Daten zur Prävalenz von NMSC und aktinischen Keratosen vor. Die Erkrankung wird überwiegend ambulant diagnostiziert und behandelt, unterliegt keiner Meldepflicht und wird in amtlichen Statistiken nicht systematisch erfasst. Zudem erfolgt die Diagnosestellung der aktinischen Keratosen primär klinisch, ohne routinemäßige histologische Sicherung, was zu hoher interindividueller Variabilität und zu fehlenden standardisierten Falldefinitionen führt. Die vorhandenen Daten stammen überwiegend aus monozentrischen Studien und Dissertationen mit begrenzten Fallzahlen, selektiven Patientenkollektiven und heterogenen methodischen Ansätzen. Unterschiede in Population, Diagnostik, Klassifikation und Auswertung schränken die Vergleichbarkeit erheblich ein. Demzufolge sind der valide Abgleich zwischen einzelnen Arbeiten sowie die Übertragbarkeit auf die Allgemeinbevölkerung nur eingeschränkt möglich. In der Literatur wird eine NMSC-Prävalenz in Deutschland (inklusive Präkanzerosen) von 0,47–1,7 % angegeben [5][17]. Betrachtet man die Prävalenz der aktinischen Keratosen separat, so wird sie bei über 60-Jährigen mit 1,5 % von den gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland angegeben [2][29]. Bevölkerungsbasierte Studien aus England, Spanien und Österreich weisen deutlich höhere Prävalenzen für aktinische Keratosen auf, mit ausgeprägter Altersabhängigkeit sowie insgesamt höheren Raten bei Männern. In England stieg die Prävalenz bei über 40-Jährigen von 15,4 % (Männer) und 5,9 % (Frauen) auf 34,1 % bzw. 18,2 % bei über 70-Jährigen; in Spanien betrug sie bei über 45-Jährigen 28,6 %, in Österreich 31 % bei über 30-Jährigen, jeweils mit altersabhängigem Anstieg [26]. Die nur geringfügig erhöhten Prävalenzen unserer Untersuchung müssen jedoch im Zusammenhang mit dem jungen Durchschnittsalter unserer Stichprobe von 39,3 Jahren im Vergleich zur genannten Literatur interpretiert werden.

Erkrankungsalter

Das maligne Melanom ist eine der häufigsten Krebsarten bei jungen Erwachsenen (< 40 Jahre) und seine Inzidenz ist in dieser Altersgruppe seit Jahrzehnten gestiegen [34]. Die Prävalenz für das maligne Melanom und dessen Präkanzerosen wurde in unserer Untersuchung mit 0,8 % (n = 54/6.915) ermittelt. Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung in Deutschland ist diese nur marginal erhöht. So geben Krensel et al. eine Melanom-Prävalenz von 0,09 % bei einem mittleren Erkrankungsalter von 50,6 Jahren und Augustin et al. von 0,4 % (altersstandardisiert) an [5][17]. Ebenso ist hier das geringe Durchschnittsalter unserer Kohorte (39,3 Jahre) besorgniserregend: Das mittlere Alter der Militärangehörigen mit malignen Melanomen beider Geschlechter lag bei 41,9 Jahren (Median: 39 Jahre, Min-Max: 22–62) deutlich unter dem in der Literatur angegebenen durchschnittlichen Erkrankungsalter der Allgemeinbevölkerung in Deutschland (Frauen: 29 vs. 64 Jahre, Männer: 35 vs. 69 Jahre [28]).

Gleiches galt auch für NMSC-Erkrankte: Die NMSC-Patienten unserer Untersuchung waren im Median 53 Jahre alt (Min-Max: 23–68 Jahre). Wohingegen das Robert Koch-Institut (RKI) Daten für Männer mit 76 Jahren und für Frauen mit 74 Jahren angibt [28]. Gleichzeitig zeigen Krebsregisterdaten des RKI, dass Männer im Vergleich zu Frauen eine höhere NMSC- und MSC-Prävalenz aufweisen [28], was unseren Ergebnissen entspricht. Auch in unserer Untersuchung erwies sich der Anteil erkrankter Männer in Bezug auf das Gesamtkollektiv höher, als der der Frauen (5,3 % vs. 2,5 %).

Zusammenfassend lässt sich anhand des Vergleichs des Durchschnittsalters unserer Stichprobe (39,3 Jahre) mit den in der Literatur durchgeführten Untersuchungen in der Allgemeinbevölkerung ein Trend zu einer erhöhten NMSC- und Melanomprävalenz unter den Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr erkennen.

Erhöhte Melanom-Prävalenz im militärischen Bereich

In zahlreichen Studien wurde bei US-Militärveteranen ebenfalls eine erhöhte Melanomprävalenz im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung aufgezeigt [11][13]. Lea et al. wiesen ein erhöhtes Risiko für Soldaten der US Army, an einem Melanom zu erkranken, nach (OR = 1,62, 95 % KI = 1,40–1,86, n = 2.093.157). Die alters- und geschlechtsadjustierte Melanom-Inzidenz ermittelten sie für Frauen mit 30,00 pro 100 000 Veteranen (vgl. mit 17,55 pro 100 000 Einwohner in der Allgemeinbevölkerung) und für Männer mit 25,32 pro 100 000 Veteranen (vgl. mit 16,53 pro 100 000 Einwohner in der Allgemeinbevölkerung) [18]. Weiterhin konnten Brundage et al. zeigen, dass die Anzahl der aktiven Dienstjahre mit dem Melanom-Risiko korreliert. So stieg das Risiko, an einem Melanom zu erkranken, für Piloten, Angehörige der US-Air Force und überwiegend im Außendienst eingesetzte Soldaten um 12,8 % pro zusätzlichem Dienstjahr. Ein Drittel der Melanom-Patienten in dieser Untersuchung war zum Zeitpunkt der Diagnose unter 30 Jahre alt [8].

Das für ein erhöhtes Melanom-Risiko typische Muster der UV-Exposition ist vorrangig das intermittierende Sonnenlicht, einschließlich wiederholter Sonnenbrände, insbesondere in jungen Jahren und der Kindheit, sodass die Annahme besteht, dass junge Soldatinnen und Soldaten durch intermittierend hohe UV-Belastungen vor allem während Auslandseinsätzen in Äquatorialbreiten dieses entsprechende Melanom-Risiko erwerben. In einer weiteren US-amerikanischen Studie aus dem Jahr 2015 mit 212 Militärangehörigen, die von Einsätzen im Irak und in Afghanistan zurückkehrten, gaben 77 % an, mehr als 4 h pro Tag im direkten Sonnenlicht gearbeitet zu haben. 64 % der Befragten hätten 75 % des gesamten Tages im Sonnenlicht verbracht [24]. In einer Studie aus dem Jahr 1984 unter Veteranen des Zweiten Weltkriegs, bei denen ein Melanom diagnostiziert wurde, waren 34 % der Melanom-Patienten zuvor in den Tropen stationiert gewesen, im Vergleich zu 6 % der Kontrollgruppe [25]. Eine große norwegische Beobachtungsstudie (n = 21 582, 25 Jahre Beobachtungszeitraum) ermittelte ein erhöhtes Melanom-Risiko für Soldaten, die während ihrer Dienstzeit im Libanon stationiert waren, im Vergleich zu denen, die keine Auslandsdiensttätigkeit nachwiesen (OR 1,17; 95 % KI: 0,96–1,40) [32].

Entsprechende Untersuchungen zum Vorkommen kutaner Neoplasien bei Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, die in den vergangenen Jahrzehnten in tropischen und subtropischen Regionen stationiert waren, liegen bislang nicht vor. Vor diesem Hintergrund besteht ein klarer Bedarf an weiterführenden Studien, um eine potenzielle Korrelation zwischen der Einsatzexposition und dem Auftreten kutaner Neoplasien systematisch zu untersuchen.

Inkonsistente Datenlage

Die epidemiologische Datenlage zu NMSC unter Militärangehörigen ist deutlich inkonsistenter: Eine große skandinavische prospektive Kohortenstudie (n = 12,9 Millionen) ergab folgendes NMSC-Risiko für Soldaten im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung: bei 30- bis 49-Jährigen: OR: 1,47 (95 % KI: 0,91–2,25) und bei über 50-Jährigen: OR: 1,29 (95 % KI: 1,17–1,41) [1]. Lee et al. wiesen in einer Beobachtungsstudie eine NMSC-Inzidenz von 64,6 Fällen pro 100.000 Personenjahren bei Angehörigen der US Army nach. In der Kohorte war eine noch weitaus höhere Inzidenz für die Teilstreitkräfte der US Air Force mit 97,4 pro 100.000 Personenjahre nachweisbar [19]. Eine weitere Kohortenstudie zeigte eine Prävalenz von 23,5 % aktinischer Keratosen bei der italienischen Marine [35]. Durmishi et al. führten in einer Fall-Kontroll-Studie mit 1.200 Patienten der US Army eine NMSC-Prävalenz von 1,5 % auf. Das mediane Alter der erkrankten NMSC-Probanden lag bei 46 Jahren [11]. Dies unterstreicht unsere Ergebnisse (NMSC-Prävalenz: 4,2 %, Median: 53 Jahre) und zeigt ein erhöhtes NMSC-Auftreten bei jungen Soldatinnen und Soldaten.

Unsere Studienergebnisse im internationalen Kontext

Unter Einbezug klinisch diagnostizierter aktinischer Keratosen wurden in der vorliegenden Studie insgesamt 338 Patienten mit malignen Hauttumoren identifiziert (5,0 %). Bei der überwiegenden Mehrheit der Soldaten (90,2 %, n = 305/338) erfolgte die Diagnosestellung im Rahmen eines Hautkrebsscreenings (ICD-10-Code Z01.5/Z12.8), während bei 8,8 % (n = 33/338) eine anlassbezogene Vorstellung mit Dermatoskopie (GOÄ H750) zur Diagnosestellung führte.

Die Ergebnisse unserer Untersuchung lassen sich im Kontext der bestehenden Literatur einordnen. In einem systematischen Review analysierten Henrikson et al. die Evidenz zu Hautkrebsuntersuchungen für die US Preventive Services Task Force und zeigten, dass die Gesamtmelanom-Erkennungsraten in gescreenten Populationen weitgehend mit jenen in der üblichen Versorgung oder bei anlassbezogenen Untersuchungen vergleichbar waren [15]. Grundlage hierfür bildeten drei europäische sowie eine US-amerikanische Studie. So ergab eine Auswertung von AOK-PLUS-Daten aus den Jahren 2005–2012, dass die Melanom-Erkennungsrate bei regelmäßig gescreenten Personen mit der bei nicht gescreenten Personen vergleichbar war (0,31 % vs. 0,13 %) [33]. In einer belgischen Studie zeigten sich ebenfalls keine signifikanten Unterschiede zwischen dem Hautkrebsscreening und der anlassbezogenen Vorstellung (0,5 % vs. 0,4 %, p = 0,87) [16]. Auch im italienischen Screening-Programm wurde sowohl in der gescreenten Gruppe (initiales Screening und Follow-up) als auch in der nicht gescreenten Gruppe eine identische Melanom-Erkennungsrate von 0,4 % beobachtet [9]. Demgegenüber war in einer US-amerikanischen Studie die Melanom-Erkennungsrate in der gescreenten Gruppe signifikant höher als in der Gruppe ohne Hautkrebsscreening (0,25 % vs. 0,14 %, p < 0,001) [22].

Unabhängig von den teilweise heterogenen Ergebnissen zur Detektionsrate zeigt sich in unserer Studie ein klarer Vorteil des Hautkrebsscreenings hinsichtlich prognostisch relevanter Tumorparameter. Maligne Melanome wurden überwiegend im Rahmen eines Hautkrebsscreenings detektiert (87,5 %) und wiesen eine signifikant geringere Tumordicke nach Breslow auf als Melanome, die anlassbezogen diagnostiziert wurden (mittlere Tumordicke 0,50 mm vs. 1,53 mm, p = 0,016). Zudem traten prognostisch günstige, dünne Melanome (Tumordicke nach Breslow unter 1 mm) signifikant häufiger bei im Screening entdeckten Melanomen auf als bei anlassbezogener Diagnosestellung (85,1 % vs. 40,0 %, p = 0,043).

Tumordicke nach Breslow relevant

In der Literatur besteht ein wissenschaftlicher Konsens darüber, dass die Tumordicke nach Breslow den wichtigsten prognostischen Faktor beim malignen Melanom darstellt und dass das Mortalitätsrisiko mit zunehmender Tumordicke zunimmt. Vor diesem Hintergrund kann ein hoher Anteil dünner Melanome (Tumordicke nach Breslow ≤ 1 mm) als valider Surrogatmarker für die Effektivität von Hautkrebsscreening-Untersuchungen angesehen werden, insbesondere im Rahmen monozentrischer retrospektiver Studien.

Limitationen

Die Ergebnisse der Studie sind vor dem Hintergrund mehrerer Limitationen zu interpretieren. Das retrospektive, monozentrische Studiendesign ermöglicht lediglich Trendaussagen. Aufgrund der fehlenden Randomisierung besteht das Risiko einer Stichprobenverzerrung. Die Heterogenität der untersuchten Bundeswehrkohorte ohne Alters- und Geschlechtsadjustierung begrenzt die Vergleichbarkeit der Ergebnisse. Zudem können ein Zentrums-Bias sowie nicht vollständig kontrollierbare Confounder der Untersuchenden nicht ausgeschlossen werden. Ein potenzieller Healthy-Screen-Bias ist ebenfalls zu berücksichtigen. Hierbei handelt es sich um eine systematische Verzerrung, die entsteht, wenn Teilnehmende an Vorsorgeuntersuchungen aufgrund besseren Gesundheitsverhaltens und günstigerer Ausgangsbedingungen bessere Outcomes zeigen, die fälschlich dem Screening zugeschrieben werden können. Fehlende Daten zu einsatzrelevanten Expositionsfaktoren, wie Verwendungsart, Tragedauer persönlicher Schutzausrüstung und absolvierten Auslandseinsätzen, schränken die Interpretation zusätzlich ein.

Schlussfolgerungen

Trotz der vorhandenen Limitationen liefern die Ergebnisse unserer Studie relevante Hinweise auf ein möglicherweise erhöhtes Hautkrebsrisiko in der Bundeswehr. Zukünftige Untersuchungen sollten prospektiv, multizentrisch und standardisiert durchgeführt werden, um belastbare Aussagen zur Risikostratifizierung zu ermöglichen und die evidenzbasierte Weiterentwicklung von Präventions- und Früherkennungsprogrammen für Soldatinnen und Soldaten zu unterstützen.

Die im Rahmen von Hautkrebsscreenings diagnostizierten Melanome, welche im Vergleich zu den anlassbezogen entdeckten Melanomen mit einer signifikant geringeren Breslow-Tumordicke einhergehen, weisen auf eine frühere Diagnose mit günstigerer Prognose hin und unterstreichen die Effektivität der Früherkennung [10]. Vor dem Hintergrund des jungen Erkrankungsalters liefert dies zudem Hinweise auf die Sinnhaftigkeit und die potenzielle Notwendigkeit eines Hautkrebsscreenings auch bei jüngeren Erkrankten. Studien haben gezeigt, dass Melanome zu den häufigsten malignen Erkrankungen bei jungen Erwachsenen zählen, wobei etwa 15 % der Melanome vor dem 35. Lebensjahr diagnostiziert werden [30][34]. Dennoch bleibt das Hautkrebsscreening kontrovers diskutiert, da bislang randomisierte Daten fehlen, die eine Mortalitätssenkung belegen [36].

Diese Erkenntnisse haben neben der klinischen auch eine gesundheitspolitische Relevanz: Sie sprechen für den Bedarf gezielter Präventions- und Hautkrebsscreeningprogramme im militärischen Bereich und liefern eine wissenschaftliche Grundlage für die Bewertung einer möglichen Anerkennung dienstlich bedingter Hautkrebserkrankungen – analog zur Berufskrankheit BK 5103 - mit entsprechenden versorgungsrechtlichen Konsequenzen.

Kernaussagen

  1. Erhöhte Prävalenz bei jungem Kollektiv:
    In der untersuchten Bundeswehrkohorte zeigte sich trotz eines jungen Durchschnittsalters von 39,3 Jahren eine im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung erhöhte Prävalenz nicht-melanozytärer Hauttumoren sowie eine tendenziell erhöhte Prävalenz des malignen Melanoms.
  2. Früheres Erkrankungsalter im militärischen
    Kontext:
    Soldatinnen und Soldaten mit malignen Hauttumoren waren bei Diagnosestellung deutlich jünger als in der deutschen Allgemeinbevölkerung, dies galt sowohl für maligne Melanome als auch für nicht-melanozytäre Hauttumoren.
  3. Hinweise auf UV-assoziiertes Risiko:
    Die Ergebnisse stehen im Einklang mit der internationalen Literatur, die insbesondere bei Militärangehörigen mit intermittierend hoher UV-Exposition und Auslandseinsätzen ein erhöhtes Risiko für maligne Melanome und epitheliale Hauttumoren beschreibt.
  4. Effektivität des Hautkrebsscreenings:
    Maligne Melanome wurden überwiegend im Rahmen von Hautkrebsscreenings diagnostiziert und wiesen dabei eine signifikant geringere Breslow-Tumordicke auf, was auf eine frühere Diagnosestellung und eine günstigere Prognose hinweist.
  5. Relevanz für Prävention und Versorgung:
    Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung strukturierter Präventions- und Früherkennungsprogramme im militärischen Umfeld und bilden eine wissenschaftliche Grundlage für die Weiterentwicklung einsatzmedizinischer Präventionsstrategien sowie für gesundheitspolitische Bewertungsprozesse.

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Manuskriptdaten

Zitierweise

Conrad M, Elsner E, Vandersee S. Inzidenz von Hautkrebs und dessen Präkanzerosen bei militärischem Personal der Bundeswehr – Update zur Versorgungsforschung. WMM 2026;70(6):254-263.

DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-887

Für die Verfasser

Oberstabsarzt Dr. Maria Conrad

Klinik für Dermatologie und Venerologie

Bundeswehrkrankenhaus Berlin

Scharnhorststr. 13, 10115 Berlin

E-Mail: mariaconrad0803@gmail.com

Manuscript Data

Citation

Conrad M, Elsner E, Vandersee S. [Incidence of skin cancer and its precursors among military personnel of the Bundeswehr]. WMM 2026;70(6):254-263.

DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-887

For the Authors

Major (MC) Dr. Maria Conrad

Department for Dermatology and Venerology

Bundeswehr Hospital Berlin

Scharnhorststr. 13, D-10115 Berlin

E-Mail: mariaconrad0803@gmail.com


1Conrad, M., Elsner, E., Vandersee, S: Durch dienstliche UV-Exposition bedingter Hautkrebs bei militärischem Personal der Bundeswehr. Wehrmedizinische Monatsschrift 2023;67(12):467-473.

2 Die in diesem Beitrag verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich immer gleichermaßen auf weibliche und männliche Personen. Meist werden auf eine Doppelnennung und gegenderte Bezeichnungen zugunsten einer besseren Lesbarkeit verzichtet.

3 Conrad M, Elsner E, Vandersee S: [UV-related Skin Cancer in Military Personnel of the Bundeswehr]. WMM 2023; 6(12): 467–473.

 

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