Suchtprävention im Kontext der Kriegstüchtigkeit –
pathogenetische, präventive und therapeutische Aspekte
Addiction Prevention in the Context of Combat Readiness – Pathogenetic, Preventive and Therapeutic Aspects
Markus Staudta, Rebecca Mohra, Peter Lutz Zimmermannb, Manuela Andrea Hoffmanna, c, d
a Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr, Andernach und ASt Koblenz
b Bundesministerium der Verteidigung, Berlin
c Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
d Medizincampus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Zusammenfassung
Bewaffnete Konflikte gehen mit erheblichen körperlichen und psychischen Belastungen einher und können den missbräuchlichen Konsum psychoaktiver Substanzen begünstigen. Berichte aus dem Ukrainekrieg beschreiben insbesondere den Einsatz von Cannabis und Amphetaminen sowie den Off-Label-Gebrauch verschreibungspflichtiger Arzneimittel. Substanzen werden unter anderem zur Reduktion von Angst und psychischer Belastung, zur Steigerung der Wachheit sowie zur Erleichterung von Erholung und Schlaf eingesetzt. Demgegenüber stehen erhebliche gesundheitliche und einsatzbezogene Risiken. Präventiv sind substanzbezogene Aufklärung, Resilienz, Emotionsregulation, soziale Kohäsion und der Umgang mit moralischen Konflikten von Bedeutung. Bei Suchterkrankungen sind medizinische und psychotherapeutische Behandlungen sowie psychosoziale Unterstützungsangebote erforderlich.
Schlüsselwörter: Präventivmedizin, Resilienz, Substanzmissbrauch, Suchtprävention, moralische Konflikte
Summary
Armed conflicts are associated with significant physical and psychological stress and can promote the misuse of psychoactive substances. Reports from the war in Ukraine describe the use of cannabis and amphetamines, as well as the off-label use of prescription drugs. These substances are taken to reduce anxiety and psychological stress, increase alertness, and facilitate recovery and sleep. However, consumption of these drugs is associated with serious health and operational risks. Preventive measures include substance-related education, resilience training, emotion regulation, social cohesion, and managing moral conflicts. For addiction disorders, medical and psychotherapeutic treatment, along with psychosocial support services, is necessary.
Keywords: preventive medicine; resilience; substance abuse; addiction prevention; moral conflicts
Substanzmissbrauch in bewaffneten Konflikten
Aktuelle deutschsprachige Medien sowie Berichte der Nichtregierungsorganisation „Global Initiative Against Transnational Organized Crime“ thematisieren den Konsum von Alkohol, Nikotin und anderen psychoaktiven Substanzen im Zusammenhang mit Krieg und bewaffneten Konflikten. Dabei wird beschrieben, dass psychoaktive Substanzen von Soldatinnen und Soldaten eingesetzt werden, um Angst, Depression und Belastungen durch Alltags- sowie psychotraumatische Erfahrungen zu reduzieren, die Wachheit und Konzentrationsfähigkeit aufrechtzuerhalten oder während kurzer Ruhephasen leichter Erholung und Schlaf zu finden. Auch moralische Konflikte können mit einem erhöhten Missbrauchsrisiko einhergehen [9][11][19][20][21].
Der anhaltende Krieg in der Ukraine bietet Einblicke in den militärischen Alltag eines hochintensiven bewaffneten Konflikts in Europa. Trotz der begrenzten Evidenz der vorliegenden Erkenntnisse liefern sie Hinweise auf Risikofaktoren für einen missbräuchlichen Substanzkonsum im Rahmen von Kampfeinsätzen.
Um die Suchtproblematik unter den Bedingungen eines aktuellen bewaffneten Konflikts auf europäischem Boden zu beleuchten, wurden die jüngsten Schilderungen eines Frontsoldaten der ukrainischen Armee herangezogen [21]. Das anonymisierte Interview mit dem ukrainischen Soldaten vermittelt exemplarische Einblicke in den berichteten Einsatz von Arzneimitteln und psychoaktiven Substanzen an der Front in der Ukraine. Beschrieben werden sowohl der Off-Label-Use verschreibungspflichtiger Medikamente (sogenannte „Battle Meds“) als auch der Konsum illegaler Drogen. Die Untersuchungen der „Global Initiative Against Transnational Organized Crime“ergaben, dass unter kämpfenden Soldaten insbesondere Cannabis, Amphetamine sowie das verschreibungspflichtige Arzneimittel Pregabalin konsumiert werden [9].
Die Beschaffung von legalen und illegalen Substanzen ist nach diesen Berichten keine große Herausforderung, obwohl in der ukrainischen Armee jede Art des Konsums von Drogen oder stark wirksamen Medikamenten ohne ärztliche Verschreibung verboten ist [21].
Im oben genannten Bericht wird der Konsum psychoaktiver Substanzen unter anderem auf außergewöhnliche körperliche und psychische Belastungen an der Front zurückgeführt [9]. Neben der dauerhaften psychischen Beanspruchung erschweren insbesondere Schlafmangel, körperliche Erschöpfung und die Notwendigkeit, über lange Zeiträume einsatzfähig zu bleiben, eine ausreichende Regeneration und können so die Einsatzfähigkeit und Sicherheit der Soldatinnen und Soldaten deutlich vermindern [10][14].
Dabei zeigt sich, dass psychoaktive Substanzen offenbar gezielt aufgrund ihrer unterschiedlichen Wirkungen eingesetzt werden [13][21]. Die Wirkung stimulierender Substanzen wie Amphetamin kann Müdigkeit vorübergehend unterdrücken und Aufmerksamkeit sowie Wachheit steigern. Weiterhin wird der Konsum von Pregabalin berichtet, einem Arzneimittel, das zur Behandlung neuropathischer Schmerzen, Epilepsie und generalisierter Angststörung zugelassen ist [8]. Aufgrund seiner beruhigenden und angstlösenden Wirkung wird Pregabalin offenbar auch außerhalb der zugelassenen Indikationen an der Front eingesetzt.
Den kurzfristig angestrebten positiven Effekten stehen erhebliche Risiken entgegen. Der Konsum von Drogen ist grundsätzlich mit beträchtlichen gesundheitlichen Risiken verbunden und kann sowohl akute als auch langfristige körperliche, psychische und soziale Folgen haben [5]. Im militärischen Kontext kommen weitere einsatzrelevante Aspekte hinzu. Neben dem hohen Abhängigkeitspotenzial können Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeit, des Urteilsvermögens, der Impulskontrolle und der Regenerationsfähigkeit die individuelle Einsatzfähigkeit vermindern und dadurch die Sicherheit der betroffenen Soldatinnen und Soldaten sowie die militärische Auftragserfüllung gefährden [12].
Die Berichte aus dem Ukrainekrieg verdeutlichen, dass der missbräuchliche Einsatz verschreibungspflichtiger Arzneimittel sowie der Konsum illegaler Drogen auch unter den Bedingungen eines bewaffneten Konflikts, trotz bekannter gesundheitlicher Risiken und rechtlicher Konsequenzen, auftreten können [9][21]. Es liegt daher nahe, dass psychoaktive Substanzen unter den besonderen physischen und psychischen Belastungen eines Kriegseinsatzes als vermeintliche Bewältigungsstrategie genutzt werden. Mit zunehmender Dauer und Intensität eines Einsatzes können sich die psychischen und physischen Belastungen für die eingesetzten Soldatinnen und Soldaten weiter verstärken [1].
Der Krieg in der Ukraine hat auch die sicherheitspolitische Debatte in Deutschland nachhaltig geprägt. Mit der verstärkten Ausrichtung der Bundeswehr auf die Landes- und Bündnisverteidigung und dem Ziel, die Bundeswehr kriegstüchtig zu machen [7], rücken auch Fragestellungen in den Fokus, die die Lebenswirklichkeit und die gesundheitliche Einsatzfähigkeit von Soldatinnen und Soldaten unter den Bedingungen eines bewaffneten Konflikts betreffen.
Präventive und therapeutische Aspekte
Im Rahmen präventiver und einsatzvorbereitender Maßnahmen für Soldatinnen und Soldaten ist daher auch der Erwerb von Kompetenzen im Umgang mit außergewöhnlichen Belastungen von Bedeutung. Neben der Vermittlung substanzbezogenen Wissens und der Sensibilisierung für die Gefahren des Substanzkonsums gelten Resilienzfaktoren, Stressbewältigungsstrategien und Emotionsregulationskompetenzen als relevante Schutzfaktoren [4][16][17]. Darüber hinaus kann die Förderung sozialer Schutzfaktoren, insbesondere einer hohen Einheitskohäsion, zur Prävention eines missbräuchlichen Substanzkonsums beitragen [18]. Als eine weitere präventive Option wurden in jüngster Zeit die Thematisierung und Aufarbeitung militärbezogener moralischer Konflikte konzipiert und erfolgreich erprobt [22].
Die Akutbehandlung einer Suchterkrankung erfolgt in erster Linie im medizinischen und psychotherapeutischen Versorgungssystem. Zusätzliche psychosoziale und präventive Angebote leisten einen wichtigen Beitrag zur Begleitung, Stabilisierung und Rückfallprävention [6]. Suchtprävention und die Behandlung von Suchterkrankungen erfolgen in der Bundeswehr im Zusammenwirken verschiedener militärischer und ziviler Akteure. Eine Anlaufstelle für Bundeswehrangehörige und deren Familienangehörige ist die Zentrale Ansprechstelle für Suchtprävention der Bundeswehr am Zentrum Innere Führung [2][15]. Des Weiteren stehen die Akteure des Psychosozialen Netzwerks der Bundeswehr sowie der Verein Suchtselbsthilfe Bundeswehr e. V. mit Beratungs-, Unterstützungs- und Präventionsangeboten zur Verfügung [2][3].
Kernaussagen
- Bewaffnete Konflikte können durch extreme körperliche und psychische Belastungen den missbräuchlichen Substanzkonsum an der Front begünstigen.
- Im Ukrainekrieg werden insbesondere Cannabis, Amphetamine sowie verschreibungspflichtige Arzneimittel missbräuchlich eingesetzt.
- Psychoaktive Substanzen werden unter anderem zur Angstreduktion, Leistungssteigerung, zur Förderung der Wachheit und zur Erleichterung der Regeneration konsumiert.
- Substanzkonsum kann Aufmerksamkeit, Urteilsvermögen und Impulskontrolle beeinträchtigen und dadurch die militärische Sicherheit gefährden.
- Präventive Angebote sollten unter anderem substanzbezogene Aufklärung, die Steigerung der Resilienz, soziale Kohäsion sowie die Thematisierung moralischer Konflikte umfassen.
Literatur
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- Zimmermann P: Trauma und moralische Konflikte: Einführung und Manual für die präventive nd therapeutische Arbeit mit Einsatzkräften. Stuttgart: Klett-Cotta; 2022.
Manuskriptdaten
Zitierweise
Staudt M, Mohr R, Zimmermann P, Hoffmann MA. Suchtprävention im Kontext der Kriegstüchtigkeit – pathogenetische, präventive und therapeutische Aspekte. WMM 2026;70(11):546-548.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-995
Für die Verfasser
Oberfeldapotheker Dr. Markus Staudt
Fachbereich A1 – Angewandte Gesundheitsförderung
Abteilung A – Gesundheits- und Leistungsförderung, Koblenz
Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr, Andernach
Aktienstraße 87, 56626 Andernach
E-Mail: InstPraevMedBwA1@bundeswehr.org
Manuscript Data
Citation
Staudt M, Mohr R, Zimmermann PL, Hoffmann MA. [Addiction Prevention in the Context of Combat Readiness – Pathogenetic, Preventive and Therapeutic Aspects]. WMM 2026;70(11):546-548.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-995
For the Authors
Lieutenant Colonel (MC Pharm) Dr. Markus Staudt
Division A1 – Applied Health Promotion
Department A – Health- and Fitness Promotion, Koblenz
Bundeswehr Institute of Preventive Medicine, Andernach
Aktienstrasse 87, D-56626 Andernach
E-Mail: InstPraevMedBwA3@bundeswehr.org